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  Show Grrrls

Neue Musik betritt die Bühne. Was gibt’s da zu sehen und zu hören?

Casio Riot Beats: Räuberhöhle

Das erste Mal live habe ich Räuberhöhle Mitte September 2003 in einem besetzen Haus in Oslo erlebt und war sofort begeistert: Zuerst wird am Bühnenrand in einem Puppentheater ein „Musical“ aufgeführt, das von einem Krawallmädchen handelt, das elektronische Musik machen will. Ratschläge für die künftige Popstarkarriere erteilt ein Bär. Das Mädchen nimmt sich die Tipps zu Herzen: tanzkompatible Beats basteln, hartes Body-Workout, Choreographien einstudieren, glamouröse Bühnengarderobe wählen. Dann beginnt die Show und das Theater wird Wirklichkeit, als das Mädchen in einem Akt der Selbstermächtigung on stage geht: Räuberhöhle rockt das Haus. Sie gibt ihre Tanzeinlagen und ihre Riot-Casio-Dance-Musik zum Besten. Die Tracks programmiert sie natürlich selbst und singt dazu: „I want to go out and destroy. This casio is not just a toy. It’s a riot beat and a growing seed...”. Die Musik und der Gesang erinnern auch durch ihre D.I.Y.-Ästhetik an Kathleen Hannas Julie-Ruin-Projekt und Le Tigre. Auf der aktuellen CD „Friends“ gibt es ein Stück, das mit seiner Duetthaftigkeit auf Human League refereriert. Das Räuberhöhle-Gesamtkonzept ist allerdings ein so noch nicht Dagewesenes.

Hinter Räuberhöhle verbirgt sich Krawalla aus Berlin. 1999 bekam sie ihren ersten Synthie geschenkt und startete ihr One-Grrrl-Riotpop-Projekt. Die selbst gebrannten Räuberhöhle-CDs können bei Konzerten und auf der Megapeng-Website – Räuberhöhles Label – gekauft werden. Ich war sofort Fan und wundere mich, warum ich nicht schon längst von Räuberhöhle gehört bzw. gelesen habe. Bei ihrem nächsten Konzert in Oslo im Mai dieses Jahres gibt mir Räuberhöhle selbst eine mögliche Antwort, indem sie mir mitteilt, dass ihre Konzerte doch am besten in der „autonomen“ Szene, als deren Teil sie sich selbst begreift, funktionieren und besetzte Häuser auch ihre liebsten Auftrittsorte sind. Wir haben zuvor von ihrem Auftritt bei der Abschlussveranstaltung der 3. berlin biennale für zeitgenössische Kunst gesprochen, den sie selbst nicht besonders gelungen fand, weil der Kontext nicht passte. Mittlerweile ist sie auch einem breiteren „autonomen“ Publikum bekannt, in Wien ist sie beim Ladyfest im Juni im EKH aufgetreten.
Christiane Erharter

Pantskirt. Unterrock.

Eigentlich mag ich ja Punk nicht, aber dafür Pantskirt umso mehr. Die (hoffentlich bald wieder) vier Frauen spielen nicht deshalb Punk, weil sie eigentlich keine Ahnung von ihren Instrumenten, aber trotzdem Spaß an Musik haben und diese möglichst laut ihrem Publikum entgegenschütten wollen. „Punk ist für uns keine Lebenseinstellung, die sich am Außen orientiert, sondern die logische Schlussfolgerung unserer Leben.“ Pantskirt fetzt, rockt, lässt niemanden lang sitzen oder ruhig stehen, und: Pantskirt sind gut. Musikalisch erinnern sie etwas an PJ Harvey und – vor allem – Patti Smith. Aber wie immer: Hören ist besser als Schubladisieren.

Es wird gepost – und wie! Die gewaltige Intensität ihrer Bühnenpräsenz ist nicht zuletzt dem Auftreten und der Stimme von Sängerin Raketa geschuldet. Die spürbare Begeisterung der Musikerinnen am Spielen überträgt sich nur all zu schnell auf das Publikum. Aber auch diesmal: Dabei sein ist besser als Schwadronieren.

Die Texte werden großteils von Sängerin Raketa und Gitarristin Frau Prammer gemeinsam geschrieben und machen vielfach weibliche Autonomie und Selbstermächtigung zum Thema. Bassistin Satenikia kommt aus Armenien und bringt nach Eigendefinition „interessante orientalisch angehauchte Basslines dazu“. Leider ist dem Quartett vor kurzem die Drummerin abhanden gekommen, seit dem wird fleißig gesucht.

Pantskirt existieren seit 2002 und spielten seither in diversen Wiener frau-kennt-sie-eh-Lokalen, beim Ladyfest und schafften es sogar beim Freiraum-Solifest trotzt miesester Akkustik in der Aula der Akademie der Bildenden Künste zu begeistern. Einen ersten Vorgeschmack bietet die Website – aber: Live sind sie unvergleichlich besser. Also lasst euch das nächste Konzert nicht entgehen!
käk

First Fatal Kiss: No boys! No girls! No government!

Wo Pantskirt die Effektknöpfe bis zum Anschlag drehen, schalten die Kolleginnen von First Fatal Kiss bewusst auf Sparflamme: bei der Bühnenshow. Hier ist geradezu spartanische Reduktion angesagt. Die drei sind mit Keyboards, Drums und Bass auch genug beschäftigt, manchmal wird sogar zur Geige gewechselt, und gesungen wird vom Schlagzeug aus. Da bleibt kein Raum für Gehopse, und die Konzentration liegt ohnehin auf Musik und Text. Und dort wird’s dann ziemlich interessant: Ein orgeldominierter, gitarrenfreier Punk/Wave-Sound, der immer wieder in Polka-Rhythmus umschlägt, bei dem auch schon mal Stücke von den Beatles und Stereo Total unter die Räder geraten. Songtitel wie „no government“, „information crisis catastrophe“ und diverse Kantaten über (eigentlich: gegen) Geschlechterrollen zeigen an, dass die Performance von First Fatal Kiss auf Reflexion statt Massenekstase aus ist. Seit 2 Jahren gibt das Trio Konzerte im autonomen und Frauenszene-Umfeld, und irgendwann, wenn das Geld reicht, sollte ja mal ein Tonträger rausschauen. Bislang gibt’s bloß eine Kassette („Favoriten“) mit 10 Nummern, aufgenommen bei einem Konzert im EKH im Vorjahr, und ein paar MP3s auf ihrer Website. So viel lässt sich schon heraushören: Aus den Eigenkompositionen könnte mit ein bisschen Produktion ganz schön was werden. Wir sind gespannt!
beat

Cobra Killer: Let’s have a problem

Elektronik-Act? Ach nee. „We’re a band! A BAND!“, stellen Annika Line Trost und Gina V. D’Orio in der „Cobra Killer Story“ unmissverständlich klar. Cobra Killer wurden 1998 in Berlin gegründet, ihr Debütalbum erschien noch bei Alec Empires Label Digital Hardcore. Wie auch ihre Hit-10“ „Heavy Rotation“ vom Vorjahr wurde das dritte Cobra-Killer-Album „76/77“ (Ö-Vertrieb: Ixthuluh) nunmehr bei Gudrun Guts Plattenlabel Monika Enterprise releast. Cobra Killers Soundformel: wuchtig-energetische Electro-Beats, kokett aufgemotzt mit 60er Jahre Surf-Gitarren-Samples und Orgelklängen. Als eigenwillig kann man auch Cobra Killers Bühnenshow bezeichnen, wie das Wiener Publikum im Sommer bei ihrem Konzertauftritt im Flex feststellen konnte: In Russ-Meyer-Domina-Kostümen (die allerdings geschickterweise mehr verhüllen als entblößen) und Fetisch-Stöckelschuhwerk schwenken Trost und D’Orio zur Begrüßung polemisch die Berlin-Fahnen, kippen sich im Laufe der Show Rotwein über Haare und Kleider, torkeln über die Bühne und üben sich – ungeachtet ihrer mörderischen High-Heels – schier unermüdlich im Stagediving. Legenden erzählen auch von aufgeschlagenen, blutigen Knien während ihrer Auftritte. Mit ihren schrägen Performances bereiteten Cobra Killer auch das Feld für heute prominente Kolleginnen wie etwa Peaches auf, die ihr erstes Konzert als Support der Berlinerinnen gab. „Irgendwie hat man schon Respekt vor denen“, meint ein Konzertbesucher nach der Show zu mir, aber ich glaube, der Mann hatte auch „irgendwie“ Angst.

Dass sich ab einem bestimmten Zeitpunkt die Posen der beiden Protagonistinnen nur mehr zu wiederholen scheinen (Müdigkeit? schlechte Laune? trotzige Reaktion auf das verhaltene Publikum?), mindert nicht den ambivalenten Eindruck, den diese Girls in Drag und Kunstfiguren hinterlassen: abstoßend und verführerisch zugleich, sexy und irgendwie: ugly. Weil sich Trost und D’Orio bereits von vornherein gezielt als Blickobjekte in Szene setzen, sind sie eben nicht mehr bloßes Objekt. Die Blicke bleiben an der Russ-Meyer-gestylten Oberfläche haften, um immer wieder abzugleiten, das Geheimnis um ihr Innenleben nehmen die Schlangentöterinnen als Siegerbeute wieder mit.
vy



online seit 21.10.2004 16:39:34 (Printausgabe 22)
autorIn und feedback : erlebnispark




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