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Weblogs: Individuell & gemeinschaftlich

Teil 3 des Interviews mit Thomas N. Burg, Leiter der Weblog-Konferenz in Wien: Österreich ist kein Blogger-Paradies plus: Prinzipielles.

Teil 1 und Teil 2 des Interviews mit Thomas N. Burg

MALMOE: Antville, twoday.net, die Weblog-Konferenz: allesamt aus bzw. in Österreich. Österreich scheint beim Bloggen ziemlich fit bzw. fortgeschritten – wieso?

Thomas N. Burg: Österreich ist nicht sehr fortgeschritten bzgl. Blogs, genauso wenig wie Deutschland. Es gibt zwar eine hervorragende Software (Antville), aber es gibt keine wirklich interessanten und guten Blogs im akademischen Bereich. Politisch tut sich da nichts, intellektuell nichts - zumindest ist mir bis jetzt nichts aufgefallen. Das wird aber noch werden. Wir stehen ja erst am Anfang. Letztlich muss man sich ja auch fragen, woher die Zeit nehmen, wenn nicht stehlen. Publishing just for fun ist nicht jederfraus Sache, letztlich muss man ja wovon leben. Und: freie Meinungsäußerung hat in Österreich keine große Tradition. Das Biedermeier hat nach beinahe 200 Jahren nach wie vor Wirksamkeit.

MALMOE: Das führt zu Ihrem eigenen Werdegang als Blogger. Sie schreiben seit über einem Jahr unter randgaenge.net ihr persönliches – klassisch professionelles - Weblog. Wie funktioniert da der Filterprozess bzw. wie suchen Sie aus, was Sie dann in Ihr persönliches Weblog stellen bzw. auf andere Homepages (z.B. auf jene des ZNM)?

Thomas N. Burg: Mein Weblog hat eigentlich als ein Annotationstool für mein Forschungsprojekt begonnen. Im Laufe der Zeit ist da sicherlich mehr draus geworden. Der Filterungsprozess ist im Wesentlichen von meinen Interessen geleitet. Diese sind: Social Software, Online Communities, Weblogs, Uni-Politik und ein paar andere Sachen. Technische gesprochen arbeite ich mit der Software Radio Userland, d.h. ich habe eine News-Aggregator, der mir derzeit 134 News aus anderen Blogs liefert. Die lese ich täglich und wähle dann aus. Täglicher Einsatz etwa 2 Stunden. Auf ZNM kommen eigentlich nur News aus dem Zentrum.

MALMOE: Viele blogs zeichnen sich durch einen sehr persönlichen und emotionalen Zugang des Bloggers aus. randgaenge.net ist sehr nüchtern. Schreiben Sie noch ein anonymes ""geheimes"" Tagebuch, in einem anderen Stil?

Thomas N. Burg: Ich verstehe meinen Weblog als einen Filter für meine Arbeit und nicht zwingend als eine Zurschaustellung meiner Befindlichkeit. Außerdem bin ich eher ein nüchterner Mensch. Ich führe keinen "geheimen" Weblog, sehr wohl aber einen, der nur Ausgewählten zugänglich und privat ist.

MALMOE: Abschließend zwei Fragen. Beginnend mit den Warblogs: im Zuge des Irak-Kriegs haben diese als relativ neue Form des Journalismus große Beachtung gefunden - weil nicht "embedded", korrumpiert und insofern authentischer. Wie sehen Sie das?

Thomas N. Burg: Also ich glaube nicht, dass Bloggen per se Journalismus ist. Ich glaube aber, dass Journalisten Blogs als ein Outlet nutzen könnten. Apropos: das Schlagwort Warblogs stammt aus der Zeit nach dem 9/11. Es bezeichnet die Diskussion um den Kampf gegen den Terror. Für meinen Geschmack haben die "Kriegstagebücher" etwas sehr Voyeuristisches. Als Rezipient erhofft man sich die 'unverblümte' Wahrheit: Die Erfahrung vor Ort, eine Unmittelbarkeit, die letztlich ja sowieso ein erkenntnistheoretischer Trugschluss ist. Das Format des Weblog eröffnet einen quasi uneditierten Blick, letztlich eine Simulation von Authentizität. Ich glaube, dass die Politik darauf setzen muss. Je persönlicher ein Wahlkampf ist (siehe die letzten Wahlen in NÖ), desto geeigneter erscheint das Format Weblog. Es simuliert allerdings nur, so wie Schwarzweiß-Aufnahmen automatisch Dokumentarisches nahe legen.

MALMOE: Und noch etwas Prinzipielles: Viele, die mit dem Phänomen Bloggen noch nicht vertraut sind, verstehen es eigentlich nicht - bzw. halten es für Altbekanntes, irgendetwas zwischen Newsgroups, Mailing-Lists, Online-Diaries, Homepage-Generatoren und E-Communities. Was macht für Sie das Besondere von Weblogs aus?

Thomas N. Burg: Weblogs haben etwas Besonderes, weil sie die Konversation zum Stilmittel machen. Ein Weblog richtet sich an einen (unbekannten) Empfänger, er sucht das Gespräch. Der Weblog ist quasi der Anstoß zum Gespräch. Und zwar des Gesprächs mit einem Menschen, nicht einer Firma oder Institution. Es handelt sich um ein Zwiegespräch auf potenzieller Massenbasis. Es bringt einen menschlichen Aspekt in das Web zurück. Das gilt für alle möglichen Einsatzbereiche. Weblogs sind individualistisch und doch gemeinschaftsorientiert. Weblogs werden sich in unser Kommunikationsportfolio einbauen. Weblogs sind nicht qua ihrer Technologie interessant, sondern als Format. Mit Weblogs kann das Web zu sich selbst als Konversation zurückfinden.

Thomas N. Burg ist Leiter des Zentrums für Neue Medien (ZNM) der Donau-Universität Krems und Organisator von "Blogtalk", der "Ersten europäischen WebLog-Konferenz" (23.-24. Mai in Wien, Techgate).



online seit 14.05.2003 09:38:37 (Printausgabe 13)
autorIn und feedback : Lukas Wieselberg


Links zum Artikel:
blogtalk.net/Blogtalk
www.donau-uni.ac.at/znm/Zentrums für Neue Medien (ZNM), Donau-Universität Krems



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