menueleiste1
home archiv suche messageboard abo hier gibts malmoe feedback alltag verdienen regieren widersprechen funktionieren tanzen erlebnispark
  cultural entrepreneurs

Immer nie Amsterdam: Interview mit der Künstlerin Stefanie Sourial

Stefanie Sourial ist Künstlerin und als solche eine Tausendsassa – sie singt, sie tanzt und sie spielt dazu die Strom-Ukulele, sie führt Regie in selbstproduzierten Filmen in denen sie in von ihr entworfenen Hauptrollen spielt und das alles ist manchmal sogar (wie etwa in ihrem Solotheaterstück „Difficulties you might get being an artist“) in atemberaubender Dichte an einem Abend zu sehen. Demnächst steht außerdem die Veröffentlichung Ihres ersten Tonträgers an – genug gute Gründe Frau Sourial für MALMOE zum Interview zu bitten:

MALMOE: Wie würdest du dich am ehesten bezeichnen? Performerin, Theatermacherin oder Musikerin? Oder machen diese Unterscheidungen für Dich keinen Sinn?

Stefanie Sourial: In erster Linie sehe ich mich als Legasthenikerin und weil ich diverse Techniken, Methoden, Tanzschritte, Noten, Theatertheorien einfach nicht verstanden habe und den anderen in Klassen oder Gruppen nie folgen konnte, habe ich alles auf meine eigene Art gemacht und das ist bis heute so. Ich werde immer noch sehr oft darauf hingewiesen, dass es einfachere, logischere Lösungen gibt diverse Dinge zu bearbeiten, aber mittlerweile ist mir das egal und schüchtert mich auch nicht mehr ein. Früher war das schlimmer, ich musste z.B. im Tanzunterricht immer hinten stehen und nach ein paar Monaten wurde ich dann auch immer vor die Tür geschickt.

Die diversen Unterscheidungen machen tatsächlich für mich nicht wirklich Sinn, da ich mich weder als Musikerin, noch Theatermacherin, oder Schauspielerin… am allerwenigsten als Schauspielerin sehe… mir wurde auch immer gesagt, dass ich eine grottenschlechte Schauspielerin bin. Zu meinen Projekten passt es aber.

Du hast eine Zirkusschule besucht und bist soeben bei „clownin 2010 – dem internationalen Clownfrauenfestival“ im Wiener Kosmos Theater aufgetreten – was bedeutet „Zirkus“ für Dich, wie siehst Du die Figur der Clownin?

In Wien war ich an der Zirkusakademie und habe von dieser nach Paris in eine Schule für Theater/Regie gewechselt, weil ich gemerkt habe, dass ich da nicht wirklich rein passe. Ich bin keine Person, die solange versucht mit einem Einrad zu fahren bis sie dies beherrscht, bewundere das aber. In Paris hatten wir täglich Akrobatikunterricht und nach zweijährigem Training konnte ich weder einen Handstand, oder mich gerade halten. Ich habe aber großartige Stücke gesehen, die mit solchen Techniken, wie z.B. der Jongelage und in dem Stil der Clownerie kreiert wurden. Ich habe auch lange versucht dem nach zu eifern, jedoch mit genauso wenig Erfolg, mit dem ich versucht habe, nach Noten Musik zu produzieren, jedoch nicht weil ich es nicht wollte. Ich habe mich verloren bei dem Versuch alles richtig zumachen und mich so auf Technik und Theorie konzentriert, dass mir am Ende die Ideen ausblieben.

In Deinen Theaterstücken/Kurzfilmen wechselst Du mit den von Dir gespielten Figuren auf beeindruckende Weise (manchmal im Minutentakt) zwischen Zuschreibungen und Zuständen wie Gender, Alter und sozialem Status – wie sind darauf die Publikumsreaktionen?
Kannst Du, nachdem Du, neben Österreich, bereits in u.a. Frankreich, Ägypten, England und Russland am „Arbeitsplatz“ Theater tätig warst, vielleicht örtliche Unterschiede in den Reaktionen festmachen, die Dir als erwähnenswert erscheinen?


In Frankreich, im Unterricht wurde ich immer dafür kritisiert, keine „klassischen“ Frauenrollen zu spielen, sondern Frauen mit markanten Merkmalen, oder Männer. Ich habe nie wirklich verstanden, was sie mit „klassischen“ Frauen meinen, weil ich trotzdem weiterhin niemanden dort mit meiner „Rollenwahl“ zufrieden stellen konnte, bzw. habe ich es verstanden, aber habe kein Verständnis dafür aufbringen wollen. Sonst wurde immer nur darüber gelacht, wenn ich in unkonventionelle Modelle geschlüpft bin, ich glaube aber auch deswegen, weil im „Leo“ der Bühne oft der Bezug zur Realität nicht gesehen wird.

Würdest Du Dich als politische Künstlerin bezeichnen?

Ja. Ich gehe aber meistens von Dingen aus die mir selbst passieren, als von Literatur, o.Ä., da ich mir wirklich schwer tue Texte zu lesen und noch mehr diese zu verstehen. Das Stück „Difficulties you might get being an artist“, handelt von dem immer größer werdenden Problem kein Budget zu haben um ein Projekt zu realisieren und dem sich daraus fortsetzenden Teufelskreis Mitwirkende unbezahlt arbeiten zu lassen. Deswegen habe ich auch alles für dieses Stück selbst gemacht. Ich wollte auch sehen, wie weit ich komme, wenn wirklich alles aus meiner Hand entsteht und ich bin am Schluss fast gescheitert, aber zum Glück nur fast.

Deine Darstellungen der vielen verschiedenen Charaktere in dem erwähnten Stück erscheinen manchmal wie eine sehr sanfte Abrechnung, die den porträtierten Figuren jedoch immer noch genug humorvolle Würde lässt, um nicht in Bitterkeit umzuschlagen. Spiegeln diese Figuren Deine Erfahrungen in der Theaterwelt wieder? Oder anders: sind die Charaktere (eine Mitschauspielschülerin, ein Conferencier, ein Musiker, ein Komponist…) Dir begegnet oder erfunden?

Die Charaktere sind alle echt und quasi aus dem Alltag gestohlen.

Wie lange brauchst Du um in eine Personae zu schlüpfen? Wie testest Du Deine Rollen?

Die Personagen sind immer plötzlich da, wenn ich z.B. irgendwohin gehe, spreche ich oft mit mir selber, dann ändert sich automatisch mein Dialekt, die Sprache, die Bewegungen, dann ziehe ich dem meiner Meinung nach etwas Passendes an und der Charakter ist mehr oder weniger fertig. In den Videos zu dem Stück „Difficulties you might get being an artist“ habe ich die Kamera aufgedreht und losgeredet. Ich schreibe nicht im Vorhinein und spiele nachher, sondern spreche mich in die Rolle und wiederhole Sequenzen, von denen ich das Gefühl habe, dass sie funktionieren und auch etwas aussagen. Die Kamera lasse ich eigentlich immer mitlaufen, sobald ich den Charakter gefunden habe und im „Kostüm“ dasitze. Das alles dauert knappe zwei Stunden pro Personage, wenn ich weiß, was ich will, das ist natürlich nicht immer so.

Welche ist Deine selbst entworfene Lieblingsfigur?

Eine Figur, die ich gerne mag ist Madame Eva, die Kollegin, bzw. Mitschülerin, aus der Theaterschule. Sie erinnert mich an so viele meiner Kollegen und Kolleginnen aus verschiedenen Theaterkursen. Sie spricht so wahnsinnig lange und vor allem langsam und hört sich beim Reden am liebsten selbst zu, gustiert jedes ihrer Worte und eigene Körpergeräusche, wie das Reiben ihrer trockenen Hände. Sie hat ein 200%iges Körperbewusstsein und steht 24h auf einer Bühne, egal wo sie ist, oder was sie tut.

Ein anderer ist der Lehrer/Musiktheoretiker/ Komponist/Musiker, Dr. Rubinstein, ein Perfektionist in allem was er tut. Dieser kennt sich sicherlich besser in seinem Fach aus als die meisten seiner KollegInnen, urteilt jedoch über alle, die einer gewissen Tradition nicht folgen und auch über Arbeitsweisen, die einfach anders sind als seine. Mir wurde z.B. oft gesagt, dass ich es unterlassen sollte Musik zu machen, wenn ich keine Noten lesen kann, dafür müsse ich ein Genie sein und das sind leider die wenigsten.

Machst Du auch die unglaublich akkuraten, die Figuren unterstützenden, Ausstattungen Deiner Videos selbst?

Ja. Die Räume, Utensilien und Hintergrund, sind aber einfach schon da gewesen, ich habe sie nur ein bisschen zurechtgerückt.

Wie sieht eigentlich dein typischer Arbeitsalltag aus?

Ich stehe auf trinke einen Kaffee, erledige irgendwelche Dinge, die – je mehr der Druck wächst ein Projekt fertig zu machen – immer unwichtiger werden. Zum Beispiel habe ich genau 3 Wochen vor der Premiere meines ersten richtigen Stückes meiner Familie beim Siedeln geholfen, meine Türen und Fenster geputzt etc. Wenn das einmal überwunden ist, versuche ich aber ca. 4–5 Mal die Woche zu proben, auch wenn manchmal einfach nichts geht. Der Proberaum, den ich mitbenutze, steht noch 25 anderen Gruppen zur Verfügung, daher ist es auch nicht möglich eine zeitliche Regelmäßigkeit zu bekommen, die Probezeiten sind für aber mich eigentlich das Wichtigste am gesamten Prozedere, da dort alles dann wirklich Form annimmt. Alles rundherum ist ein Aufsaugen an Information und wenn ich nicht in den Proberaum gehe um dort etwas daraus zu machen, habe ich fast das Gefühl, der gesamte Input bleibt liegen und verschimmelt.

Gibt es in Deinem Alltag noch eine Unterscheidung zwischen Arbeit und Freizeit?

Eigentlich nicht. Der einzige Unterschied ist, dass ich in den Wochen vor Auftritten, mehr darauf achte nicht krank zu werden, z.B. weniger rauche, gesünder esse. Proben und versuchen etwas zu produzieren ist zum Alltag geworden, hier gibt es keine Unterscheidungen zwischen Arbeit und Freizeit mehr.

Wo siehst Du die Unterschiede zwischen Auftritten die Du „nur“ als Musikerin und jenen die Du in anderen Räumen. zB auf Theaterbühnen bestreitest? Wie ist zB das Publikum unterschiedlich konstituiert? Und welches findest Du „more rewarding“, welchen Raum spannender?

Spannender ist sicher das Theater, weil ich dort Musik, Film, verschiedene Charaktere, und eine Geschichte versuche zusammen zu fügen, dort passiert mehr. Konzerte sind nicht so nervenaufreibend, weil ich mich dort, wie oben richtig steht, „nur“ auf die Musik und daher auf eine Sache konzentrieren kann. „More rewarding“ ist daher, glaube ich schon die Theaterbühne auf der ich mehr präsentiere auf der aber auch mehr zu sehen ist.

Mehr zur „nur“ Musik: Wie kamst Du eigentlich auf die Ukulele?

Ich wollte ein Instrument erlernen, mit dem ich „gleich“ spielen kann. Außerdem habe ich keinen eigenen Proberaum und muss daher diverse Kostüme, Instrumente usw. herumtragen. Ich wollte daher nicht nur ein leicht spielbares Instrument, aber auch ein leicht tragbares Instrument.

In Kürze wird Dein erster Tonträger (beim Wiener Label Fettkakao) erscheinen – wann wird jener veröffentlicht und wie wird der heißen?

Releasedate hätte schon längst sein sollen, nur habe ich dieses Datum leider weit nach hinten schieben müssen, da ich keine Zeit hatte das Cover fertig zu zeichnen. Der Tonträger wird „AMSTERDAM“ heißen, so wie mein allererstes Lied, dass ich mit 16. für eine Freundin geschrieben habe, aus diesem Lied heraus ist auch „Beidl“ entstanden…

Genau, was hat es mit dieser, Deiner legendären Band auf sich? Erstes Gender-Bending oder/und Absage ans Gitarrenwichsen?

Durch das ständige Singen von „Amsterdam“ hat uns unserer Kremser Bekannten, der uns irgendwann beim Ausgehen zugehört hat, eingeladen bei einer für uns damals fast zu coolen Performance Nacht aufzutreten. Wir haben uns gedacht, dass wir ganz hart dort erscheinen und wirken müssten, aus Sorge uns sonst zu blamieren, unter all den älteren, die nur elektronische Musik produzierten, oder MC’s waren. Wir haben nur unser Volkslied gehabt und waren nicht ganz sicher, ob die sich nur über uns lustig machen wollen. Die Kostüme beim Auftritt waren dann Mischungen aus selbst gehäkelten, knall gelben Strickkostümen meiner Großmutter aus den 60er Jahren, bodenlange, ärmellose Felle, diverse Perücken, blaue 70er seidene Jacken meines Vaters, ich sah aus wie der Zuhälter und die anderen haben vier fast 1,50m große „Beidln“ aus Luftballons und Papiermaschee als Instrumente und Mikrofone benützt, wir haben unser Volkslied gesungen und am Ende haben die anderen plötzlich die Papiermascheebeidln von der Bühne geworfen und zertreten. Von da an waren wir eine Band…

Bist Du eine „Cultural Entrepreneur“?

Nein. Das einzige Unternehmen in dem ich manchmal mitwirke, d.h. unterrichte, sind internationale Theaterworkshops, die ich für Jugendliche zwischen 12 und 18 gebe.

Bedeuten diese Bretter die Welt?

Für mich leider schon. Die Bretter reichen mir aber auch innerhalb von Wien. Ich habe wirklich versucht anderes zu machen und habe all diese Dinge auch gerne gemacht, am Ende, so kitschig das auch klingt, war ich trotzdem nicht glücklich, obwohl ich vier Mal soviel Geld verdient habe. Ich kann mir nicht vorstellen etwas anderes zu machen.







online seit 08.02.2011 00:59:24 (Printausgabe 52)
autorIn und feedback : Interview: Erk Schilder und Holger van Dordrecht


Links zum Artikel:
www.soundcloud.com/stretzensnog
www.youtube.com/stretzensnog



Must-See-Movies im Sommer

Empfehlungen aus dem Programm der Wiener Open-Air-Kinos
[28.08.2017,Jannik Eder, Adrian J. Haim]


Reflexe und ­Gegenreflexe

Kaum ein Buch wird aktuell so viel diskutiert wie der Band "Beißreflexe. Kritik an queerem Aktivismus, autoritären Sehnsüchten, Sprechverboten". Richtige und wichtige Fragen führen aber nicht zwangsläufig zu guten Antworten. Eine Rezension.
[08.08.2017,Katharina Röggla]


Das Denken ohne Grenzen ist in ­Gefahr

Didier Eribon, französischer Soziologe und derzeit vielfach diskutierter Autor, im Interview
[05.07.2017,Pascal Jurt]


die nächsten 3 Einträge ...
 
menueleiste2
impressum kontakt about malmoe newsletter links mediadaten