![]() |
| |
|
|
||||
| |
||||||
|
Piraterie als soziale Utopie Ein Blick in die Schatzkiste Hollywoods "Do you think he plans it all out or just makes it up as he goes along?" so fragt bewundernd ein Offizier seinen Vorgesetzten nach einem spektakulär-waghalsigen Fluchtmanöver von Jack Sparrow, dem Piratenkapitän aus der Pirates of the Caribbean Trilogie (USA 2003/06/07). Die verbotene Faszination ist ihm deutlich ins Gesicht geschrieben. Die Möglichkeit, keinen Plan zu haben, scheint dem braven und anständigen Offizier der englischen East India Company sehr verwegen. Piraterie ist in Filmen meist ein Gegenentwurf zum rechtschaffenen bürgerlichen Leben. PiratInnen leben von Tag zu Tag, verprassen das erbeutete Geld, halten sich an gar keine bis sehr wenige Regeln - und selbst diese sind "more what you´d call guidelines, than actual rules" (Kapitän Barbossa, Pirates of the Caribbean USA 2003). Sie ziehen auf den Weltmeeren umher, ihre Heimat ist ihr Schiff, Freiheit und Unabhängigkeit die Leitlinien, zumindest der großen PiratInnenfiguren. Währenddessen halten sich die Mitglieder der bürgerlichen Gesellschaft und des Adels an strenge Etikette, klettern mühsam Karriereleitern hinauf (und oft schnell wieder hinunter), werben huldvoll um edle Damen bzw. warten darauf, von edlen Herren umworben zu werden, tragen Verantwortung für ein entstehendes Empire, kolonisieren moralisierend fremde Länder und haben alles in allem recht wenig Spaß dabei. Steif und hierarchieverliebt bewegen sie sich an Deck ihrer zwar vielen, aber wenig geliebten Schiffe. Gesellschaftsbilder Diese Dichotomie, die sich auch in den Filmen widerspiegelt, wurzelt in den historischen Überlieferungen: Während Matrosen auf Marineschiffen einer strengen Hierarchie und der Willkür des Kapitäns unterworfen waren, waren PiratInnen ihres eigenen Glückes Schmied. Tatsächlich machten Herkunft, sozialer Status und Geschlecht auf einem Piratenschiff etwas weniger Unterschied als in der respektablen Gesellschaft des 17. Jahrhunderts. "Don´t ask, don´t tell" war gängige Praxis. Schließlich war davon auszugehen, dass jedeR PiratIn eine zweifelhafte Vergangenheit zu verbergen hatte. Natürlich war auch damals die Vorstellung des PiratInnendaseins romantisch verbrämt. Mit einer einzigen Prise hatten PiratInnen zwar die Chance, mehr Geld zu verdienen, als ihr ganzes Leben lang mit rechtschaffener Arbeit möglich gewesen wäre. Allerdings war der Alltag alles andere als nur romantisch: Krankheiten, mangelnde Hygiene, Kämpfe, Verurteilungen und übermäßiger Alkoholgenuss verkürzten das Leben so mancher PiratIn drastisch. Filmbilder Der Gegensatz zwischen Romantik und Rechtschaffenheit wird, neben der Suche nach der wahren Liebe, als Hauptmotiv in Piratenfilmen konstituiert. Der Held/die Heldin ist die meiste Zeit über mit dem Gesetz in Konflikt. Wird dieser Widerspruch in den klassischen Piratenfilmen durch eine Reintegration in die Gesellschaft aufgelöst (Captain Blood USA 1935), so verzichten modernere PiratInnen auf die Wiederaufnahme des rechtschaffenen Lebens. Geena Davis als Kapitänin Morgan Adams (Cutthroat Island USA/UK 1995) kommandiert ein Schiff, besiegt ihren verräterischen Onkel und die gesamte englische Marine im Rennen um den größten Piratenschatz der Geschichte und segelt zu guter Letzt mit Schiff, Piratenmannschaft und ihrem Geliebten in den Sonnenuntergang. Der Film war allerdings ein Flop. Die Kritiken fanden die Geschichte lächerlich und unrealistisch, das Piratengenre wankte, gescheitert, wieder von Bord der Hollywoodbühne. Männerbilder Jede Produktionszeit, jeder gesellschaftliche Kontext, hatte eigene Gründe die HeldInnen zu PiratInnen werden zu lassen. In den 30er Jahren waren es gute BürgerInnen, denen die Gesellschaft unrecht getan hat. Errol Flynn wird in Captain Blood (USA 1935) von einem despotischen englischen König zur Plantagenarbeit in der Karibik verurteilt, flüchtet und lebt (aus Rache) als gefürchteter Pirat, bis er zur Vernunft kommt, seinen guten Ruf wieder herstellen kann und in die Gesellschaft reintegriert wird. Eine Geschichte, die in der Zeit nach der großen amerikanischen Depression gedreht wurde, in der die Menschen davon träumten, auszubrechen und ihr Glück zu machen. Andere wieder sind von Anfang bis Ende rechtschaffene Bürger: Wieder Errol Flynn, zwanzig Jahre, viele Flaschen Whiskey und vierzig Kilo später, als Brian Hawke in Against all Flags (USA 1952). Eine GeheimagentInnengeschichte, wie sie gut in die Zeit des kalten Krieges passt: Die gemeinschaftlich lebenden PiratInnen auf Madagaskar (aka "Sowjetunion") werden von dem Einzelkämpfer Brian Hawke (aka "James Bond") im Auftrag der East India Company (aka "seiner Majestät") aufgemischt, vertrieben und getötet. Auch die Liebesgeschichte – Hawke verliebt sich in eine selbstbewusste Piratin – passt hervoragend zum Agentenfilmgenre. Frauenbilder Eine Verbindung dieser beiden Elemente finden wir in Anne of the Indies (USA 1951). Jean Peters wird als Kapitänin Anne Providence von einem Piratenkollegen verraten. Er wird Agent und hofft dadurch auf Begnadigung und Reintegration in die Gesellschaft. Jean Peters ist die erste Frau, die von Hollywood hinter das Steuerrad gestellt wurde. Ihre Figur darf diesen mutigen Schritt allerdings nicht überleben: zu viele Grenzüberschreitungen für das konservative Frauenbild der 50er Jahre. Piraterie wird im Film als etwas dargestellt, das – hauptsächlich Männern – Momente der Freiheit und Unabhängigkeit ermöglicht, bevor sie sich wieder dem klassischen bürgerlichen Leben widmen. Ein kurzer Ausbruch, ein Road Trip mit Freunden, bei dem alles erlaubt und nichts verboten ist. Frauenfiguren haben es bis ins neue Jahrtausend schwer, sich ihren Platz auf Piratenschiffen in Hollywood zu erkämpfen. Mit Pirates of the Caribbean steht das Piratengenre von den (Un)toten auf. Mit ihm auch eine neue Frauenfigur: Keira Kneightley als Elisabeth Swan. Elisabeth - die ihre Rolle als Gouverneurstochter im weißen Kleid beginnt - macht Karriere: sie wird zunächst, auf der Suche nach ihrem Liebsten, zur Piratin, dann sogar zur Königin der PiratInnen gewählt. Sie ist selbstbestimmt, mutig, draufgängerisch, trifft Entscheidungen (wie zum Beispiel in den Krieg gegen die englische Flotte zu ziehen) und verhandelt mit ihren Gegnern – und sie hat Spaß dabei. Am Ende, nach der lang ersehnten Hochzeit mit Will Turner, bleibt sie schließlich als alleinerziehende Mutter auf einer Insel zurück, während ihr Mann - von einem Fluch getrieben - die Weltmeere besegelt. Disneys Idee davon, was nach dem Happy End passiert: die Frau findet, trotz aller Abenteuerlust und Romantik, ihre Erfüllung vor allem im Mutter sein. online seit 05.11.2008 15:11:55 (Printausgabe 43) autorIn und feedback : Irene Zavarsky Links zum Artikel:
|
|
Die Aufteilung des Gemeinsamen Der Philosoph Jacques Rancière beschäftigt sich mit dem Widerstand der Kunst, der Befreiung der ArbeiterInnen durch nächtliches Lesen und dem Kampf um den „Anteil der Anteilslosen“. Ist er Anarchist? [05.01.2009,Jens Kastner] Sensomotorisches Band: War in our time Krieg im US-Kino und TV zwischen 1998 und 2008 [10.11.2008,Daniel Raecke] Der Guru-Effekt Austin Powers und Alf Poier fragen den Inder [03.11.2008,BW] die nächsten 3 Einträge ... |
||||
![]() |