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  Exemplarische Geschichte

Das Buch von Ignacio Martínez de Pisón klingt nicht nur im Titel wie ein Krimi, sondern liest sich auch so. Dabei geht es um eine wahre Geschichte aus dem Spanischen Bürgerkrieg

Im Dezember 1936 verschwand der Literaturwissenschaftler und Übersetzer José Robles Pazos in Valencia, der damaligen Hauptstadt des republikanischen Spaniens. Es herrschte Bürgerkrieg, die Truppen der aufständischen Falange unter General Franco belagerten Madrid. Die republikanische Regierung von Largo Caballero war nach Katalonien geflohen. Die anarchistische CNT, damals größte Gewerkschaft der Welt, hatte bereits an Einfluss verloren und die bis dahin nahezu bedeutungslose Kommunistische Partei konnte Dank massiver finanzieller und personeller Hilfe aus Moskau ihre Macht ausweiten. Um Stalins Linie durchzusetzen, wurden auch vermeintliche Verbündete beseitigt. Die von den AnarchistInnen in weiten Teilen Kataloniens betriebene soziale Revolution wurde zurückgedrängt, die linkssozialistische Vereinigte Arbeiterpartei POUM wurde erst subtil, später offiziell bekämpft, ihre Anführer ermordet. Dass kommunistische Partei und Militärs dem historisch einmalig starken Anarchismus das Heft der politischen Gestaltung ebenso aus der Hand nahmen wie den bürgerlichen Linken, ist bekannt. Dass sie dabei Tausende von AntifaschistInnen töteten, ebenfalls. Wie das aber im Einzelnen geschah, wie es vertuscht wurde und aus welchen Gründen, davon legt der Schriftsteller Ignacio Martínez de Pisón ein weiteres, eindrucksvoll einmaliges Zeugnis ab.

José Robles Pazos, der den Roman „Manhatten Transfer“ von John Dos Passos übersetzt hatte und mit dem US-amerikanischen Schriftsteller befreundet war, gehörte weder zur POUM, noch war er Anarchist. Warum also musste er sterben? Als überzeugter Republikaner mit Russischkenntnissen war er als Dolmetscher für die sowjetischen Militärs tätig, die bald nach Ausbruch des Bürgerkriegs nach Spanien kamen. Aber er war kein Kommunist. Diese Kombination reichte damals bereits aus. Denn damit wurde er schnell zu einem „Mann, der zu viel wusste“. So war er schon früh von den kommunistischen Plänen informiert, gegen die anderen antifaschistischen Kräfte vorzugehen. Er kannte den Bericht von General Gorew, Hauptagent des sowjetischen militärischen Nachrichtendienstes GRU in Madrid, in dem es hieß, dass ein „Kampf gegen die Anarchisten absolut unvermeidlich“ sei. Möglicherweise war Robles Pazos als Mitarbeiter Gorews aber auch in die Schusslinie der sowjetinternen Geheimdienstfehde zwischen GRU und NKWD geraten. Nach stalinistischer Logik erschoss man demnach einen Mann, nicht weil er ein Verräter war, sondern „um einen Verräter aus ihm zu machen.“

So schildert Martínez de Pisón die Situation, der auch Robles Pazos zum Opfer fiel. Der Dolmetscher wurde vermutlich im Februar 1937 hingerichtet. Der damals weltbekannte Dos Passos machte sich auf die Suche nach seinem Freund. Mit wenig Erfolg. Denn die Mauer des Schweigens, auf die er stieß, war bereits Effekt der stalinistischen Einschüchterungspolitik. Selbst Dos Passos´ Freund und Schriftstellerkollege Ernest Hemingway, wie viele ihrer Zunft ebenfalls auf Seiten der Republik im Einsatz, interessierte sich nicht für Robles Pazos. Während Dos Passos aufgrund seiner Erfahrungen mehr und mehr auf Distanz zum kommunistischen Machtapparat ging, schien Hemingway vor allem von dessen militärischer Disziplin beeindruckt. An dem Konflikt zerbrach ihre Freundschaft.

Martínez de Pisón widmet sich der Freundschaft der Romanautoren ebenso wie derjenigen von Dos Passos mit seinem Übersetzer José Robles Pazos. Obwohl betont tatsachenorientiert, gerät das Buch mit dem krimimäßigen Titel schon nach den ersten Seiten absolut packend. Der Autor versteht es, einem gerade so viele Fakten zuzumuten, dass man von der Geschichte nicht ablassen will. Von der konkreten Geschichte der Suche Dos Passos´ nach seinem Freund ebenso wenig wie von der allgemeinen Geschichte des Spanischen Bürgerkriegs (1936-1939), der nicht nur wegen der Beteiligung von linken Intellektuellen aus aller Welt zu einem linken Schlüsselereignis des 20. Jahrhunderts wurde.

Die Freundschaft zwischen Dos Passos und Hemingway ist dabei nur ein Erzählstrang, der exemplarisch für die Konflikte jener historischen Situation steht. In einem Interview mit der Zeitung Solidaridad Obrera vom April 1937 beschreibt Dos Passos sich selbst als „Amerikaner mit anarchistischen Ideen“ und macht kein Hehl aus seiner Sympathie für den spanischen Anarchosyndikalismus. Auch mit der Einschätzung, die von den AnarchistInnen in Gang gesetzte und von der POUM unterstützte Revolution voranzubringen, könne den Krieg gewinnen helfen, stand er im krassen Gegensatz zur kommunistischen Position. Da wusste er bereits, dass sein Übersetzer vom kommunistischen Geheimdienst ermordet worden war. Hemingway hingegen gehörte zu denjenigen, die solch öffentlich vorgetragene Kritik am Vorgehen der KommunistInnen für schädlich hielten. Sie diene nur dem Gegner.

Eine Argumentation, die die Solidarität mit revolutionären Prozessen bis heute begleitet. Wer dagegen die negativen Seiten und Fehlschläge hoffnungsvoller Aufbrüche benennt, wird meist nicht gern gehört: Im Gegensatz zu Hemingways literarischen Beiträgen zum Bürgerkrieg blieben die Texte von Dos Passos Landenhüter. Martínez de Pisón räumt ein, dass das auch an ihrer literarischen Qualität gelegen haben könnte. Allerdings waren auch von George Orwells skeptischem Bericht „Mein Katalonien“, heute der Bestseller zum Thema, noch zehn Jahre nach seiner Veröffentlichung 1938 nur ein paar Hundert Exemplare verkauft worden.

Nicht weniger typisch als die Auseinandersetzung und die Freundschaft der Schriftsteller ist schließlich auch der Werdegang von Robles Pazos´ Frau und seinen Kindern. Der Sohn Coco Robles kämpfte ebenfalls auf Seiten der Republik und geriet in francistische Gefangenschaft. Sein Horrortrip durch verschiedene, vollkommen überfüllte und verdreckte Gefängnisse war das Schicksal von Tausenden von Linken nach dem Sieg Francos 1939. Später konnte er, wie Mutter Márgara Villegas und Schwester Miggie noch vor Ende des Krieges, nach Mexiko fliehen. Von dort kam nicht nur die neben der sowjetischen Unterstützung einzige Hilfe für die Republik. Dorthin, in das postrevolutionäre Mexiko unter dem linken Präsidenten Lázaro Cárdenas, flohen auch zehntausende RepublikanerInnen.

An verschiedenen Stellen bezieht der Autor die Lesenden in seine Recherchearbeit hinein, schreibt von der Unmöglichkeit, sich in russischen Archiven umzusehen und den Zu- und Einfällen, die ihn doch weiter und auf die richtige Spur gebracht haben. Das macht nicht nur das Lesen angenehm, sondern vermittelt auch einen Eindruck von den Schwierigkeiten dokumentarischer Arbeit. Dem tatsächlichen Mörder von Robles Pazos kann sich der Autor nur annähern. Auch die wahre Identität eines „Max Rieger“, Verfasser einer wichtigen Schmähschrift gegen die POUM, ist nach Angaben von Martínez de Pisón „völlig unbekannt“. In einer Rezension des Buches weist der österreichische Schriftsteller Erich Hackl (in: Die Presse, Wien, 4. August 2007) darauf hin, dass eine Zurkenntnisnahme deutschsprachiger Literatur den Autor hier hätte weiter bringen können. Die Mutmaßungen, die Martínez de Pizón über den Stalinisten „Max Rieger“ anstellt, erweisen sich demnach als falsch. Die österreichischen Spanienforscher Hans Landauer und Hans Schafranek vom Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstands (DÖW) hatten ihn längst als ihren Landsmann Franz Löschl enttarnt. Löschl war einer von rund 1400 ÖsterreicherInnen, die auf Seiten der Republik in Spanien kämpften.

Angesichts der unglaublichen Masse an Büchern zum Spanischen Bürgerkrieg ist es durchaus verzeihlich, dass Martínez de Pisón mit deutschsprachigen Werken nicht vertraut ist. Problematischer erscheint da eher seine all zu große Identifikation mit dem Gegenstand. John Dos Passos hatte sich aufgrund seiner negativen Erfahrungen mit dem stalinschen Kommunismus gleich ganz von der Linken verabschiedet. Sein Antikommunismus veranlasste ihn in den 1950er Jahren gar zur Unterstützung des ultrarechten Senators und Kommunistenjägers Joseph McCarthy. Um eine solche Abwicklung sozialistischer Ideale war es Kommunismus-KritikerInnen wie Orwell oder auch den AnarchistInnen aber nie gegangen. Wenn Martínez de Pisón sich in seinem Fazit auf den französischen Historiker François Furet bezieht, begibt er sich zumindest in die unmittelbare nähe solcher Abrechnungen. Denn es war Furet, der in den 1990er Jahren zum großen Schlag gegen die Geschichte des Kommunismus ausholte: In seinem „Schwarzbuch des Kommunismus“ rechnete er die Toten von der russischen bis zur sandinistischen Revolution zusammen, um damit kommunistische Ideen als terroristisch zu diskreditieren.



Ignacio Martínez de Pisón: Der Tod des Übersetzers. John Dos Passos und die Geschichte eines ungeklärten Mordes, Hamburg 2007, Verlag Hoffman und Campe, 271 S., 19,95 Euro.


Terminhinweis:

Mittwoch, 14.11.2007
Politdiskubeisl
20 Uhr im EKH (Wielandgasse 2-4, Wien 10)

Transnationale Guerilla. Aktivismus, Kunst und die kommende Gemeinschaft
Buchpräsentation und Diskussion mit Jens Kastner




online seit 13.11.2007 10:52:57 (Printausgabe 39)
autorIn und feedback : Jens Kastner




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