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Auf irgendeinem Wege irgendwann

nach Österreich. Das Völkerkundemuseum wird zum Weltmuseum

NUN HEISST DAS ehemalige Völkerkundemuseum also „Weltmuseum Wien“. Mit der Änderung des Namens und der Corporate Identity soll auch ein neues Konzept einhergehen – eine Entwicklung, die in einer Linie mit gegenwärtigen Reflexions- und Neudefinitionsprozessen von Museen steht. In den späten 1980er Jahren eingeleitet, erhalten diese auch langsam in den ethnographischen Museen Einzug: Beispielsweise im Natural History Museum in Washington, das 1991 nach heftigen Kritiken seine Präsentationsräume zu „Afrika“ schließen ließ; 2001 wurde das heutige Museum der Weltkulturen in Frankfurt umbenannt und umgestaltet, 2006 folgte die Eröffnung des neugebauten Musee du Quai Branly in Paris. 1 Maßgeblich dazu beigetragen haben die kritische neue Museologie und postkoloniale Theorien, die das Museum u.a. als „Kontaktzone“ (James Clifford, 1997) konzipieren: Als einen Ort, der Aushandlungsprozesse möglich macht, indem er Machthierarchien und konflikthafte, von Gewalt durchzogene gesellschaftliche Verhältnisse nicht ausblendet.

Eine Neubestimmung des „Weltmuseums“ und seiner Ausstellungskonzepte hätte also für die Wiener Institution die Chance geboten, sich kritisch mit der eigenen Geschichte des Sammelns und Ausstellens im Kontext von (Post-)Kolonialismus, Rassismus und Exotisierung auseinanderzusetzen. Ob das passieren wird, muss sich erst herausstellen: Das Projekt Weltmuseum hat mit der Veränderung der Corporate Identity und der ersten Ausstellungseröffnung erst den Anfang genommen. Die Umgestaltung der Museumsarchitektur und eine Kooperation mit dem ZOOM Kindermuseum sind u.a. noch geplant, erst 2016 soll es als solches fertiggestellt sein. In den Presseunterlagen, der aktuellen Ausstellung und bei der Eröffnungsveranstaltung ist jedenfalls, trotz großem Anspruch an Veränderungen, von einem kritischen selbstreflexiven Zugang leider bisher wenig zu merken.

DIE SAMMLUNGSGESCHICHTE des Museums, die wie jene anderer europäischer anthropologischer Museen in einem kolonialen und rassistischen Kontext steht, wird in der Neugestaltung bestenfalls verschämt angedeutet. Es gehe um „einzigartige, historisch-ethnographische Sammlungen, […] die man in Wien gar nicht erwarten würde, die aber dennoch auf irgendeinem Wege irgendwann nach Österreich gelangt sind“ benennt etwa Steven Engelsman, der neue Direktor des Museums, vormals Leiter des Rijksmuseum voor Volkerkunde in Leiden (Niederlande) „das enorme Potenzial des Hauses“. Damit wird zugedeckt und verschwiegen. Etwa die Geschichte von gewaltsamen Aneignungen von Kulturgütern. Oder schlicht der Raub von Objekten, aber auch Menschen. Nur ein Beispiel: ein Teil der Sammlungen des Wiener Museums stammt vom Wiener Ethnographen Rudolf Pöch. Ermöglicht durch Strukturen der deutschen Kolonialherrschaft reiste er etwa 1907 nach „Deutsch-Südwestafrika“ (heutiges Namibia) und sammelte, forschte und filmte; und exhumierte – gegen den Willen der lokalen Bevölkerung – kürzlich Verstorbene. Von 1915 bis 1918 war er maßgeblich daran beteiligt, in Kriegsgefangenenlagern der k.u.k. Armee Menschen zu fotografieren, zu vermessen und Gipsabdrücke anzufertigen, mit dem Ziel, rassifizierte Typologien zu bilden.2

IM ZENTRUM des neuen Museumskonzeptes stehen nun, das ist den Ankündigungen zu entnehmen, „Menschen und Kulturen“. Mehrmals ist von Perspektivwechseln, von einer stärkeren Zusammenarbeit mit den Herkunftsländern der Sammlungen und von „Begegnungen auf Augenhöhe“ die Rede. Dass die Perspektive doch nicht so flexibel ist, zeigt die erneute Festschreibung der Zuständigkeit des Museums im Bereich der „außereuropäischen materiellen Kultur und Kunst“, was einen eindeutigen Bias im Blickregime des Sehens und Angesehen-Werdens bedeutet. Dessen Auflösung wäre vielleicht durch die Zusammenlegung des Museums für (Europäische) Volkskunde und des Völkerkundemuseums eher möglich gewesen. Das Projekt scheiterte aber daran, dass dem neuen Museum keine Eigenständigkeit zugebilligt wurde – das Völkerkundemuseum / Weltmuseum ist dem Kunsthistorischen Museum unterstellt. Eine Entscheidung, die, nebenbei bemerkt, die finanziellen Schwierigkeiten des Volkskundemuseums weiter prolongiert.

Die Kulturministerin Claudia Schmied nennt in ihrem Statement zur Pressekonferenz als ein wichtiges Ziel auch das Kennen- und Wertschätzen-Lernen „fremder Kulturen“. Abgesehen davon, dass hier durchklingt, dass sich der Kulturbegriff (zumindest der Kulturministerin) eher an einem überholten Verständnis der deutschsprachigen Ethnographie orientiert als an einem zeitgemäßeren, weniger essentialisierenden, bringt dieses Statement auch Klarheit dahingehend, wer oder was mit „Welt“ eigentlich gemeint ist. All das veranschaulicht, dass die Chance mit der Neubenennung gleichzeitig auch zentrale Begriffe und Konzepte neu- und umzukonnotieren – zumindest bis dato – ungenutzt blieb.

AM 16. APRIL WURDE nun, gemeinsam mit der Ausstellung „Getanzte Schöpfung – Asien zwischen den Welten“, der neue Markenauftritt präsentiert. Vor allem zwei Dinge fielen dabei ins Auge: Zum einen das (inzwischen auf youtube abrufbare) Imagevideo, das inhaltlich wie ästhetisch an einen Mobiltelefon-Werbespot erinnert und das Menschen zeigt, die im Museum u.a. hinter einer Maske hervor- und einer Statue ins Auge blicken (mit dem Slogan „es geht um Begegnungen“) oder eben mit dem Handy telefonieren („es geht um Kommunikation“). Die einzigen weißen Darsteller_innen sind eine Frau und ein Kind in ihrem Arm, die in der Museumseintrittshalle staunend nach oben blicken („es geht um Entdeckungen“). Vermag das Video damit zwar zu zeigen, dass nicht nur Mehrheitsösterreicher_innen das Museum besuchen (sollen), produziert es gleichzeitig dennoch eurozentristische Bilder. Weiße Menschen sind diejenigen, die Entdeckungen machen (während die anderen Darsteller_innen einander begegnen, sich inspirieren lassen, sich wandeln, etc.); die leerstehende, unbesetzte Halle, in der sie gezeigt werden, ist – für Museumsbauten im 19. Jahrhundert charakteristisch – architektursymbolisch Ausdruck der „eigenen“, nicht näher zu definierenden Kultur.3

ZUM ZWEITEN GAB es bei der Eröffnungsveranstaltung einen „Flashmob“, der in Form einer Tanzeinlage – im Vorfeld durch ein youtube-Video erlernbar – stattfand. Trotz des etwas holprigen Starts nahmen ca. 50 – vor allem weibliche – Personen aus dem Publikum teil. Eine Aktion wie diese entspricht ganz dem Partizipationsanspruch des neuen Museums, ein Anspruch, der sich auch in der aktuellen Ausstellung „Getanzte Schöpfung – Asien zwischen den Welten“ zeigt: Besucher_innen dürfen sich verkleiden, Tanzschritte lernen oder sich bspw. als „balinesische Tänzerin“ fotografieren lassen.

Neben der Zielsetzung, die Partizipation zu erhöhen, gibt es auch jene des forcierten Einbezugs zeitgenössischer Positionen (in die Ausstellungsgestaltung und in das Rahmenprogramm): Als Ko-Kuratoren und ausstellende Künstler sind derzeit Choreographen mit verschiedenen asiatischen Herkünften beteiligt. Dass es sich dabei überwiegend um Künstler handelt, deren Arbeiten ohne erkennbare Brüche auf traditionellen und folkloristischen Elementen beruhen, auch daran lässt sich ablesen, dass die Erneuerung nur sehr langsam zu passieren scheint.

Koloniale Aneignungen und Entwendungen, auf deren Basis die eigenen und geliehenen Schaustücke beruhen könnten, werden, wenig überraschend, in der aktuellen Ausstellung nicht zum Thema gemacht; in den Bildunterschriften werden lediglich Sammlungen angeführt und in wenigen Fällen „Forschungsreisen“ und Schenkungen erwähnt. Statt einer kritischen Reflexion der eigenen Sammlungs-, Ausstellungs- und Klassifizierungsgeschichte setzen die Ausstellung und das neue Museum derzeit auf Partizipation und – weiterhin – auf Faszination für das Andere. Das Weltmuseum läuft damit Gefahr, „Begegnungen zwischen den Menschen, zwischen den Kulturen, zwischen Wien und der ganzen Welt“, wie es in den Presseunterlagen heißt, nicht zu forcieren, sondern Unterscheidung und Distanzierung von als „fremd“ klassifizierten Menschen weiterzuschreiben – und die Geschichte der „Völkerkunde“ mit einer nur oberflächlich vereinenden Geste zuzudecken, anstatt sie einer kritischen Betrachtung zu unterziehen.



1) Vgl. Nora Sternfeld: Erinnerung als Entledigung. Transformismus im Museé du Quai Branly in Paris. In: Kazeem/ Martinz-Turek/ diess. (Hg.): Das Unbehagen im Museum. Postkoloniale Museologien. Wien 2009

2) Vgl. Brigitte Fuchs: „Rasse“, „Volk“, Geschlecht. Anthropologische Diskurse in Österreich 1850 – 1960, Frankfurt am Main 2003.

3) Vgl. Roswitha Muttenthaler/ Regina Wohnisch: Die Gesten des Zeigens. Zur Repräsentation von Gender und Race in Ausstellungen, Bielefeld 2006

online seit 20.06.2013 14:25:00 (Printausgabe 63)
autorIn und feedback : Paula Pfoser/ Renée Winter




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