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Theorie der Barrikadenkunst

"Kunst und Revolution" von Gerald Raunig.

Unlängst wurde ich ausgelacht. Beim Warten auf eine Verabredung las ich "Kunst und Revolution" für diese Rezension. Die schließlich Eintreffenden fragten grinsend, ob ich etwa mit dem öffentlichen Lesen eines solch prätentiösen Titels bei Passantinnen aus dem Kulturbereich Eindruck schinden wolle.
In der Tat hat Gerald Raunig am Cover dieses Bandes mit großen Worten nicht gespart. Im Buch selbst wird dann etwas tiefer gestapelt: Wenngleich mit Hilfe der großen Theorie-Männer der linken Postmoderne, Deleuze/Guattari, Foucault, Hardt/Negri und Holloway, wird der Revolutions-Begriff bescheidener angelegt als bei Lenin und Co. Statt als Übernahme der Staatsmacht wird Revolution als permanenter Prozess im Kleinen definiert. Gegen die Fixierung auf Staat und Partei und gegen den Dualismus von Revolution und Reform soll Revolution mit Negri als eine Dreiheit von Widerstand, Aufstand und konstituierender Macht verstanden werden.

Mit der solcherart zurechtgeschnitzten revolutionären Begriffsmaschine werden im Buch diverse Episoden der Kunstgeschichte durchfaschiert, an denen es zu interessanten Berührungen zwischen Kunst und Politik gekommen ist: Die Pariser Commune, Aktivismus in der deutschen Kunst der 1910er Jahre, russische Revolutionskunst, Situationismus, Wiener Aktionismus, Volxtheaterkarawane und No Border Camp. Das damit produzierte Blätterteig-Laberl ist für Theoriejargon-VeganerInnen mitunter eine gewisse Herausforderung – die Grenze zwischen dem politische Imagination beflügelnden Erfinden von Begriffen um dem exkludierenden Jargonieren ist ja eine bekanntermaßen heikle. Aber das Buch schlägt sich wacker, und bringt philosophische Konzepte zum Teil recht verständlich rüber. Insgesamt ist auch das Vorhaben würdigenswert, Theorien wie jene von Hardt/Negri statt bloß wiederzukäuen, wie das so oft geschieht, methodisch auf ein Untersuchungsfeld anzuwenden. Auch Leerstellen und Probleme der theoretischen Konzepte werden nicht unterschlagen.

Das normative Ideal der Studie sind vorübergehende Allianzen zwischen Kunst und Politik, das Spiel mit und das Durchlöchern von Grenzen. Die Negativfolie sind Forderungen nach Verschmelzung bzw. Aufhebung der Grenze von Kunst und Leben bzw. Politik, weil das meist zur Befestigung von neuen Grenzen und Hierarchien führe.

Als positives Lieblingsbeispiel wird die örtliche "Volxtheaterkarawane" angeführt, der in ihrem Tun eine Verbindung von Gesellschaftskritik, Selbstkritik und Institutionskritik attestiert wird. Ein ganzes Kapitel widmet sich ihrer Organisationsform des unhierarchischen Kollektivs, ihren Bündnisstrategien sowie deren partiellem Scheitern, ihrer Selbstrepräsentation und deren Enteignung im Zuge des Medienhypes nach der Verhaftung in Genua 2001. Gemeinsam mit den No Border Camps wird die Praxis der Volxtheaterkarawane als Möglichkeit der Thematisierung und Veränderung von Grenzregimes in Zeiten der Vervielfachung von Grenzen und Ausschlüssen untersucht.

Dass FM4-Journalist Martin Blumenau die Volxtheaterkarawane in einer MALMOE-Podiumsdiskussion im März als Vorbild genannt hat, da es ihr gelungen sei, ihre inhaltlichen Anliegen mit einer medial attraktiven Form auszustatten, sorgte damals für unmittelbaren Widerspruch. Die dort genannten Schattenseiten der medialen Aufmerksamkeit für die originellen Inszenierungseffekte von Aktivismus – nämlich Spektakularisierung, Entpolitisierung und Enteignung der Präsentation – werden in "Kunst und Revolution" theoretisch verarbeitet. Öffentlichkeit ist anzustreben, aber statt als Spektakel und Vermittlung als Produktion von Bildern und Aussagen, die für weitere Allianzen offen stehen.
Glücklicherweise erscheint Raunig nicht bei einem großen Verlag, so dass uns das Pickerl "Das geheime Manifest der Volxtheater-Chaoten von Genua" am Cover erspart geblieben ist.


Gerald Raunig "Kunst und Revolution. Künstlerischer Aktivismus im langen 20. Jahrhundert", Verlag Turia+Kant





online seit 14.06.2005 17:09:45 (Printausgabe 26)
autorIn und feedback : Beat Weber


Links zum Artikel:
www.turia.atWebsite des Verlags Turia+Kant



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