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  BESTANDSAUFNAHME ZWISCHEN REVOLUTION UND BÜRGERKRIEG

Thomas Schmidinger: „Krieg und Revolution in Syrisch-Kurdistan“, eine Rezension.

Rojava, die de facto autonome kurdische Region im Norden Syriens, ist als letzte Bastion gegen den mörderischen Jihad des selbsternannten „Islamischen Staates“ in aller Munde. Der komplizierten politischen Lage in Rojava und der Bedeutung der Autonomie nicht nur für KurdInnen nähert sich Thomas Schmidinger in „Krieg und Revolution in Syrisch-Kurdistan. Analysen und Stimmen aus Rojava“.

EINE ZENTRALE ERKENNTNIS des Buches ist, dass es kompliziert ist. Rojava besteht aus drei geographisch getrennten, mehrheitlich kurdisch besiedelten Kantonen innerhalb Syriens; seit 2014 steht es unter Verwaltung der PKK-nahen PYD, der kurdischen „Partei der demokratischen Union“. Ohne dass bisher Wahlen abgehalten worden wären, stellt die PYD die drei PremierministerInnen der drei Kantone und legt großen Wert auf die Gleichberechtigung aller ethnischen und religiösen Gruppen. Einige andere kurdische Parteien werfen ihr aber Autoritarismus und diktatorischen Stil vor, außerdem kollaboriere die PYD mit dem Ba’th-Regime Assads oder würde die regionale, von der PYD gegründete Miliz YPG nicht nur zur Verteidigung Rojavas, sondern auch gegen AnhängerInnen anderer Parteien in Rojava einsetzen. Diejenigen wiederum, die solche Vorwürfe formulieren, stehen teilweise der PDK nahe. Diese war im Irak unter dem konservativen Masud Barzani an der Regionalregierung der Autonomen Region Kurdistan beteiligt, lange mit der PKK verfeindet und, trotz teils gemeinsamen Kampfes gegen den IS, ist sie das wohl auch weiterhin. Das sind nur wenige Ausschnitte aus den Konfliktlinien, von denen im Buch viele auftauchen. Die Komplexität der Lage lässt über das ganze Buch hinweg keine tatsächliche Klärung der Situation zu, auch weil einige Fragen tagesaktuell diskutiert werden und sich die Situation ständig ändert.

SCHMIDINGERS BUCH besteht aus zwei Teilen: Im ersten, überschrieben mit „Der lange Kampf um Autonomie“, skizziert er die historischen Entwicklungen der Situationen von KurdInnen in Syrien, die nie einen guten Stand hatten. Dabei wird auch klar, dass kaum jemand in Syrien heute einen kurdischen Nationalstaat möchte. Schmidinger stellt eine Vielzahl religiöser, sprachlicher und ethnischer Gruppen, politischer Parteien und Einflüsse aus dem In- und Ausland vor. Offensichtlich ist Ethnizität bzw. die Kategorie „Volk“ für alle politischen AkteurInnen, die im Buch vorkommen, sehr wichtig. An einigen Stellen, wenn Schmidinger zu selbstverständlich mit diesen Ethnien operiert und sie etwa Jahrhunderte zurückverfolgt, bekommt das leider einen affirmativen Einschlag. Das führt gelegentlich dazu, dass die Bevölkerung kaum noch als Individuen, sondern vor allem als Angehörige einer dieser Gruppen gedacht werden kann. Dennoch gelingt Schmidingers Versuch, auch historisch die komplizierte Lage zumindest in den relevantesten Auszügen verständlich zu machen, weitgehend.

DER ZWEITE TEIL enthält Interviews, in denen auch die innerkurdischen Konflikte sichtbar werden. Dies ist, unter explizitem Hinweis darauf, dass diese „Uneinigkeit (…) durch einen solidarischen Blick auf die Verhältnisse nicht einfach wegfantasiert werden kann“, ein großes Verdienst des Buches. Gelegentlich wünscht man sich, Schmidinger hätte mehr nachgehakt. Die PYD etwa versteht sich als feministisch und scheint einen essentialistischen Feminismus zu vertreten, wenn ihre Kovorsitzende Asya Abdullah die (angestrebte) Frauenquote damit erklärt, dass es Kriege gäbe, „(w)enn Frauen nicht in der Politik sind, (…) weil Männer Kriege führen und keine Entscheidungen für den Frieden treffen“. Ihr Vorsitzkollege Salih Muslim wiederum erklärt in einem sehr aufschlussreichen Interview, ISIS sei ein „Instrument (…) der USA oder besser, des Imperialismus oder des Finanzkapitals“. So eröffnen die Gespräche die Möglichkeit eines kritischen Blicks, gerade auf die Positionen der kurdischen Parteien.

WAS DEM BUCH eindeutig fehlt, ist ein Glossar oder zumindest ein ausführliches Inhaltsverzeichnis der Interviews. Es ermöglicht aber, wichtig nicht zuletzt in der aktuellen Situation, wo mit jedem Sieg von ISIS ein neuer Massenmord droht, von allen möglichen Seiten Interventionen gefordert werden und Rojava und damit die Autonomie unter Beschuss des IS steht, einen tiefer gehenden Blick auf die politischen Hintergründe der Situation.

Thomas Schmidinger: „Krieg und Revolution in Syrisch-Kurdistan. Analysen und Stimmen aus Rojava“, Mandelbaum Verlag, Wien 2014.

online seit 20.12.2014 19:33:40 (Printausgabe 69)
autorIn und feedback : Nikolai Schreiter




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