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Roller Derby ist voller ­Heldinnen!

Turnstunde – Nachrichten vom Sportplatz* Ein Interview mit WarGina und Victoria Siempre

Roller Derby wurde in den 1930ern in den USA von einem Sportpromoter erfunden: Anfänglich als Marathon auf Tracks gedacht, wurde bald erkannt, dass insbesondere das Element des Körperkontakts das Publikum begeistert. Insbesondere dann, wenn Frauen* auf den Rollschuhen unterwegs waren. Spätestens in den 1970ern war Roller Derby in erster Linie Show-Sport: Kommerzialisierung und Voyeurismus spielten eine größere Rolle als Athletik und der Teamspirit. Nach der Aneignung des Sports seitens einer queer-feministisch geprägten Punkszene Anfang der 2000er in den USA, kann das Phänomen Roller Derby als „a vibrant DIY community of third wave feminist empowerment“ beschrieben werden. Roller Derby ist ein Frauen*-Vollkontaktsport auf Rollschuhen – Teams von je fünf Spieler_innen fahren auf ebenen Tracks gegeneinander und je ein_e Jammer_in pro Team versucht zu punkten. MALMOE sprach über Roller Derby, Feminismus und Sport mit den ­Vienna Roller Derby-Skater_innen Angela a.k.a. WarGina und Mara a.k.a. Victoria Siempre.

MALMOE: WarGina und Victoria Siempre … Allein eure Derby-Namen drücken schon aus, dass Roller Derby eine politische Message hat – der Sport in der heutigen Form kommt ja sehr stark aus der Riot-Grrrl-Bewegung in den USA. Warum eignet sich gerade Roller Derby zu solch einer feministischen Aneignung? Die Geschichte als kommerzialisierter Show-Sport legt das ja nicht gerade nahe.

WARGINA (W): Warum gerade Roller Derby so eine Aneignung erfahren hat, kann ich nicht eindeutig sagen. Der Riot-Grrrl-Kontext wird immer betont, allerdings ist das retrospektiv, aus einer mitteleuropäischen Perspektive heraus, schwer zu rekonstruieren. Aber für mich war es immer schlüssig, dass gerade etwas, das wie Roller Derby in seiner Ur-Form auf Show und das Herzeigen und Vermarkten von Körpern abzielte, auch hergenommen und umgedeutet werden kann und dann zu etwas anderem wird, zu etwas selbstermächtigendem.

VICTORIA SIEMPRE (V): Vielleicht ist der Widerspruch auch gar nicht so groß, ich würde nicht davon ausgehen, dass Roller Derby in den 1970ern so gar kein emanzipierter Sport war. Diese bestimmte Art der Körperlichkeit und des Sich-Inszenierens kann auch in einem kommerziellen Mainstreamkontext einen emanzipativen Gehalt haben.

W: Frauen auf Rollschuhen gegeneinander durch die Gegend düsen zu lassen, das gab es schon in den 1930ern. Und das war damals sicher auch kein konventionelles Frauenbild, auch wenn die Skaterinnen kurze Höschen trugen und viel Körper zeigten.

Mir fallen dazu ad hoc Sportarten wie Wrestling oder Body Building ein – beides auch Show-Sportarten, die aber auch eine queere Geschichte haben. Da gibt es diese Konstruktion „artifizieller“ Körper, die eine Ent-Naturalisierung und ein Spiel mit Geschlechternormen impliziert. Und der Voyeurismus auf sexualisierte Frauenkörper geht einher mit der Inszenierung einer völligen Entfremdung von allem, was als „authentisch“ oder natürlich gelten kann. Das eröffnet natürlich viel politischen Spielraum. Wie sieht diese spezifische Art der Inszenierung im Roller Derby aus?

W: Roller Derby spielt sehr stark mit konventionellen Vorstellungen von Weiblichkeit. Und mit Sexyness: Ich ziehe mich bewusst sexy an obwohl oder gerade weil ich Sport mache, inszeniere das aber so, wie ich will. Das ist die politische Basis, so habe ich Roller Derby kennen gelernt und das ist auch das, was Filme und Bilder von diesem Sport vermitteln: Kurze Hosen, zerrissene Strumpfhosen, viel Schminke, aber trotzdem sind die Figuren stark, mutig und selbstbestimmt.

V: Mittlerweile würde ich aber sagen, dass die Inszenierungen sehr verschieden sind. Roller Derby ist auch ein Sport, der versucht, für seine sportliche Komponente anerkannt zu werden. Und je leistungsorientierter und professionalisierter Vereine arbeiten, desto weniger spielen Image und Inszenierung eine Rolle.

W: Ich möchte das auch gar nicht bewerten, ich kenne das von unserem Team: diese Klischees von den „wilden Mädls“, dieses nicht ernst genommen werden … das ist irgendwann zu viel. Ich habe null Bock darauf, ständig auf etwas reduziert zu werden, und eine Möglichkeit, das zu unterbinden ist eben, sich so unauffällig wie möglich – also seriös und sportlich – anzuziehen.

Ist dieses politische, „schrille“ Image womöglich auch eine Barriere für potentiell interessierte Spieler_innen? Wer kommt zum Beispiel zu Vienna Roller Derby, sind das vor allem schon politisierte Frauen*?

V: Es gibt hier eine große Vielfalt. Angemerkt muss aber werden, dass wir leider ein eher weißer Mittelstandshaufen sind. Die Inszenierung hat nicht Roller Derby erfunden, die kommt ganz stark aus dem Rockabilly und Punk. Dementsprechend zieht Roller Derby natürlich Leute an, die sich diesen Subkulturen zugehörig fühlen. Aber nicht nur. Und ich denke schon, dass der Feminismus – wie auch immer er im Einzelfall definiert wird – ein gemeinsamer Nenner aller Spieler_innen ist.

W: Durchwegs alle Skater_innen möchten den Konventionen, die Frauen gegenüber herrschen, etwas entgegensetzen. Wir haben in unseren Statuten stehen, dass wir antirassistisch, antisexistisch, antiheteronormativ sind, aber natürlich diskutieren wir das nicht jedes Mal, wenn wer neu ins Team kommt.

Wie ist die Einladungspolitik? Welche Genders dürfen Roller Derby spielen?

W: Bis vor kurzem waren es bei uns Frauen ohne genauere Definition. Jetzt haben wir die Statuten dahingehend präzisiert, dass Skater_innen alle sein können, die sich als Frauen definieren und alle Menschen, die sich nicht klar festlegen wollen. Das ist der aktuelle Stand.

V: Auch der Weltverband (WFTDA) hat eine eigene Gender-Policy, die sich über Hormone definiert: es können also auch Transfrauen spielen, sofern sie Hormone nehmen.

Das Feministische definiert sich also in erster Linie über die Offenheit, was Identitäten betrifft und die Inszenierung von und Selbstbestimmung über Geschlecht, Sexualität…

V: Nein, der Feminismus wird finde ich weniger über das Image ausgedrückt als über die Organisationsform. Die Selbstorganisation der Vereine ist eine Kerndefinition des Sports. Dass zusammen und im Kollektiv gearbeitet wird, etwas geschafft wird. D.I.Y (Do it Yourself) ist Prinzip! Seit Rauswurf der Sportpromotoren, die anfangs den Sport mitprägten, ist die wichtigste und klarste Regel: Skaterbased! Der Weltverband gibt vor, dass jede League zu 80 % im Besitz der Skater_innen sein muss. Du kannst also nicht an Energy Drink-Firmen verkaufen. Alles ist basisdemokratisch, wenn du Mitglied werden möchtest musst du auch nachweisen, dass du demokratisch organisiert bist.

Jetzt einmal zu euch, zuerst habt ihr Vienna Roller Girls geheißen, jetzt nennt ihr euch Vienna Roller Derby. Wie ist der Verein entstanden?

W: Die Erzählung lautet, dass sich vor circa drei Jahren drei Frauen in einer Bar getroffen und gedacht haben, dass sie doch einen Roller Derby Verein gründen könnten. Und das haben sie auch gemacht. Über Youtube-Videos und Roller Derby Websites haben die Gründerinnen dann begonnen, sich Roller Derby selbst beizubringen. Popkultur und Filme wie „Whip it!“ haben dazu beigetragen, Roller Derby bekannt zu machen. Und dann ist Zandy Zunder nach Wien gezogen, die davor schon in Berlin gespielt hat, und sie hat dann das Wissen mitgebracht.

V: Es ist wirklich alles total D.I.Y.! Wir schauen uns irgendetwas ab, informieren uns im Internet, trainieren uns selbst, Leute die schon was können, kommen und bringen es Anderen bei. Das Wissen wird einfach aneinander weitergegangen.

Die meisten von euch haben davor interessanter Weise noch nie Vereinssport betrieben und sind auch relativ spät zum Sport gekommen. Wie kommt das?

W: Wir trainieren wirklich viel und hart, 8 – 9 Stunden in der Woche! Es ist nicht per se spaßig, sich am Abend in einen Außenbezirk zu schleppen und sich völlig zu verausgaben. Aber wenn wir die Newbies (Anfänger_innen, Anm.) trainieren, merken wir, wie die Skater_innen langsam Feuer fangen! Warum tun das die Leute mit so viel Engagement und Commitment und warum beginnen die meisten erst gegen Ende ihrer 20er? Ich denk, dass das wie bei allen Teamsportarten damit zu tun hat, dass man in einem Team eingebunden ist und auch andere Leute kennenlernt. Und gerade Ende 20, wenn bei Vielen das Studium vorbei ist, du in irgendeinen Arbeitsalltag reinrutschst, deine sozialen Kontakte nur mehr eine Handvoll Freund_innen sind und du nur mehr die Sachen machst, die von dir erwartet werden, dann brauchst du etwas wie Roller Derby. Wo du mit voller Leidenschaft dabei sein kannst, im Kollektiv bist und dich so stark und selbstbestimmt fühlst. Genau das habe ich im Roller Derby gefunden.

Spielen die Ikonen des Sports hierfür auch eine Rolle?

V: Oh ja! Team London zum Beispiel, das ist mit Abstand das beste Team in Europa. Aber es ist nicht wie im Fußball, wo deine Ikonen unerreichbar sind. Im Roller Derby gibt es eine Chance sie zu treffen. Das sind Leute, die man schon mal auf Facebook gestalkt hat und die man spielen gesehen hat!

W: Stefanie Mainey …

V: Kamikaze Kitten!

W: Und diese tollen Frauen zu sehen, mit ihnen zu reden… da darf ich schwärmen wie eine 14jährige. Da darf ich dann mit 30 dastehen und die Frau so toll finden, und alle wissen, dass ich verliebt bin und posten „I have a derby crush“. Das ist wirklich ein relevantes Vokabel. Roller Derby ist harter Sport, Community und einander anhimmeln.

V: Roller Derby ist voller weiblicher Heldinnen!

W: ... auch lesbischer weiblicher Heldinnen!

Mehr Infos bald unter:
www.viennarollerderby.org
Die Filme „In the turn“ über Queerness im Roller Derby (die Regisseurin ist zu Gast!) und „Derby Crazy Love“ sind heuer in Wien beim Filmfestival „This Human World“ zu sehen

*) Die MALMOE-Sportkolumne „Turnstunde – Nachrichten vom Sportplatz“ aus ALLTAGSDISKURSE zu Gast im Erlebnispark


online seit 16.10.2014 00:47:21 (Printausgabe 68)
autorIn und feedback : Nikola Staritz




Passagencollagen #2

Aus der Fassung gebracht
[05.10.2018,Tortuga-Kollektiv]


DIY-Punk gegen die Spaltung

Die Debüt-LP von Lime Crush bringt musikalisch und personell einiges zusammen
[03.10.2018,Bianca Kämpf]


Eine Stimme für die Stimmlosen

Sollte es in einer postpolitischen Phase so etwas wie politische Musik geben, dann war Grime seiner Sache um einige Jahre voraus
[03.10.2018,Christoph Benkeser]


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