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The past makes a lovely present Anmerkungen zur Besetzt! Ausstellung im Wien Museum „The past makes a lovely present“ ist der Werbeslogan des Wien Museums und diese Werbung ist Programm: Eine – kämpferische – Vergangenheit wird im Museum zur reizenden Gegenwart und das – endlich – Vergangene zum hübsch aufbereiteten Geschenk. Offensichtlich haben historische Museen ein besonderes Problem mit der Darstellung von Geschichte und das nicht erst aufgrund des „Kampf(s) um Freiräume seit den 70ern“, wie der Untertitel zur Besetzt! Ausstellung lautet. Eine frühe Fassung dieses fundamentalen Problems der Historie ist bereits seit Aristoteles benannt: Geschichte erzähle demnach einfach nur das Geschehene und erst die Poesie vermöge auch das Mögliche, Wahrscheinliche oder gar Notwendige zu erzählen. Und genau in dieser elementaren Hinsicht mangelt es der Sonderausstellung im Wien Museum an Poesie. Aber es geht nicht nur um solche alten (philosophischen) Probleme, andere, aktuellere (politische) Schwierigkeiten sind mindestens so virulent: In einer Ausstellung über Kämpfe um Freiräume werden Initiativen, Personen und Bewegungen zu Geschichte gemacht, deren Agens darin bestand (und besteht) sich gegen die Geschichte und ihren hegemonialen kulturellen Ausdruck zu wenden. Eines der ausgestellten Arenaflugblätter hält in dieser Hinsicht treffsicher fest: „Die herrschende Kultur ist die Kultur der Herrschenden.“ Ist nun zu befürchten, dass der „Kampf um Freiräume seit den 70ern“ durch seine städtische Musealisierung zur Kultur der Herrschenden werden wird? Glücklicherweise ist diese Gefahr gering, denn der Platz, den das Wien Museum der Besetzt! Ausstellung wie verschämt zuweist, ist dazu viel zu bescheiden. Ein einziger, fast versteckter Saal im ersten Stock nebst einer Handvoll Schautafeln in zwei angrenzenden Nebenräumen reicht zur Vereinnahmung des widerspenstigen Potentials der Besetzungsbewegungen und -bestrebungen der letzten Jahrzehnte bei Weitem nicht aus. Was im Wien Museum derzeit vorherrscht, ist vielmehr eine museale Selbstbespiegelung, die von der Präsentation „Absolut Wien. Ankäufe und Schenkungen seit 2000“ geliefert wird. Deren Objekte halten etwa den Aufgang zur Besetzt! Ausstellung buchstäblich besetzt (Beistelltisch und Servierwagen als Hindernisse im Stiegenhaus) und sie liefern darüber hinaus einen unfreiwillig komischen Rahmen für manchen Kampf um Freiräume (z. B. im Fall der „Direktion“, die als „begehbares Exponat“ zu „Absolut Wien“ zählt, aber einen Diavortrag und Musicboxbeitrag der „Besetzt!“ Ausstellung beherbergt). Im einzigen Saal, in dem die Exponate der Besetzt! Ausstellung zusammengedrängt sind, dominiert die Abfolge der Ereignisse über die Darstellung von Zusammenhängen. Allerdings ist diese Chronologie mit einer Fülle von Filmausschnitten, Photos, Flugblättern, Texten, Zeitschriften und Protokollen dargestellt, die einen Besuch der Kämpfe um Freiräume allemal lohnen. Die Ausstellung ist um eine möglichst vollständige, ja nahezu enzyklopädische Dokumentation erfolgter Besetzungen und Besetzungsversuche bemüht. Doch die beachtliche Menge an Materialien trägt in ihrer summarischen Darstellung wenig zum Verständnis dessen bei, was Dieter Schrage als einen „unterirdischen Strom der Rebellion“ bezeichnet hatte. In ästhetischer Hinsicht lassen sich die thematischen Schwerpunkte durchaus den Handschriften bestimmter Photograph_innen zuordnen. Arena (Peter und Burgi Hirsch), GAGA (Christian Schreibmüller), WUK, Ägidi/Spalo (Robert Newald) und Amerlinghaus (Gert Winkler) stehen im Zentrum der Ausstellung. Obwohl der Ausstellungstext zu den Besetzungen seit dem Jahr 2000 auch andere Konfliktzonen nahe legt, werden diese Initiativen nur summarisch abgehandelt. „In 3 Jahren wurden im Durchschnitt mehr Häuser besetzt als in den 1970er und 1980er Jahren zusammen“, heißt es in einem Nebenraum lapidar. Wer in solchen Diskrepanzen einen gewissen Widerstreit zwischen dem Wien Museum als institutionellem Stadtgedächtnis und der kuratorischen Arbeit von Martina Nussbaumer und Werner Michael Schwarz vermutet, wird durch die weiteren Angebote im Rahmen der Besetzt! Ausstellung bestärkt: Der Katalog ist umfangreich, ansprechend und mindestens so lesens- wie sehenswert. Es liegt nicht nur an den Möglichkeiten, die ein Buch gegenüber einer Ausstellung bietet, dass sich der Katalog bedeutend differenzierter und einfühlsamer präsentiert. Hier ist auch die grelle Farbgestaltung der Ausstellung zurückgeschraubt, und insbesondere das schreiende Knallgelb endlich ganz verschwunden, vor dessen allgegenwärtigem Hintergrund die vorwiegend schwarz-weiße Ausstellungsflachware optisch abzusaufen droht. Gespannt sein darf man auch auf die Veranstaltungen im Begleitprogramm, etwa die durchwegs vielversprechenden Podiumsgespräche (z. B. am 10. Mai eine Debatte über Besetzungen als politische Utopie mit einigen illustren Besetzer_innen der letzten Jahre und Jahrzehnte), oder aber die Stadtexpeditionen (z. B. ein Hausbesetzer-Rundgang am 6. Juli entlang der Demo-Route „Keine Schonzeit für Hausbesitzer“ aus dem Jahr 1981). Nicht zuletzt findet am Jahrestag von Schrages Tod am 29. Juni eine Gedenkveranstaltung statt. Wem aber die Zeit bis dahin zu lange wird, kann sich auf eine ausgedehnte virtuelle Exkursion in das Besetzungsarchiv des Vereins Kukuma begeben. Hier wird – ganz im Gegensatz zum Wien Museum – zwischen Besetzungen und anderen Freiräumen differenziert, und hier sind – auch das im angenehmen Gegensatz zum Wien Museum – alle vorgestellten Texte, Bilder und Materialien unter eine Creative Commons Lizenz gestellt. Ein hervorragendes Beispiel dafür, wie soziale Kämpfe durch ihre Archivierung nicht zur handlichen Gegenwart gemacht werden, sondern zur interaktiven Werkzeugkiste für die tägliche Neubesetzung freier und befreiter Räume! Tom Waibel arbeitet als Philosoph und Übersetzer an der Schnittstelle von politischer Theorie und aktivistischer Praxis. online seit 22.06.2012 13:55:11 (Printausgabe 59) autorIn und feedback : Tom Waibel |
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