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Eine Geschichte der Girls Rock Camps

Die Geschichtsschreibung der Girls Rock Camps beginnt gerne so: „The very first Rock 'n' Roll Camp for Girls Summer Camp took place in August, 2001, on the Portland State University Campus.“ In Folge setzen sich die Rock 'n' Roll-Camps für Mädchen – auch kurz „RnRC4G“ – in eine Genealogie zur US-amerikanischen Riot-Grrrl-Bewegung der frühen 1990er Jahre und den daraus folgenden Ladyfesten, die erstmals 2000 (in Olympia, Washington) stattfanden. Die Girls Rock Camps erscheinen somit als logische Konsequenz der Manifeste und Proklamationen junger, Punkrock-begeisterter Mädchen und Frauen. So postuliert das wohl bekannteste Riot-Grrrl-Manifest von 1991: „_weil_ wir andere ermutigen und selbst ermutigt werden wollen, angesichts all der unsicherheiten und des männer-sauf-rocks, der uns vermittelt, das wir keine instrumente spielen können.“ Am besten werden dabei jene ermutigt, die noch jung sind – zumeist zwischen 8 und 18 bzw. 21 Jahren – und die Bühnen der Zukunft erobern sollen. Ein „Trend“, wie es das deutsche feministische Missy Magazine in einer Online-Ankündigung 2010 beschrieb, der vor gut zehn Jahren in den USA entstand und mit kurzer Verzögerung nach Europa – Schweden und England – schwappte. 2009 folgte das erste deutsche Rockcamp für Mädchen in Cottbus, 2010 Graz und dieses Jahr Wiener Neustadt.

History repeats itself

Die Geschichte klingt sehr gut. Nur leider, ganz richtig ist sie nicht. Sie ist aber auch nicht ganz falsch - sondern wohl irgendwo dazwischen. So gab ein_e aufmerksame_r Leser_in des Missy Artikels Namens “planb“ mit leicht knurrendem Unterton zu bedenken: „Das Rock Camp ist toll. Aber nur weil Ihr es tausendmal wiederholt wird die Sache nicht korrekter: Es gibt/gab in der BRD Rockcamps für Mädchen/Frauen seit sicher fast 30 Jahren. Natürlich nicht unter dem Label Rockcamp, sondern unter den Namen: Frauenmusikwoche. Die gab/gibt es in Frankfurt, Hamburg, Stuttgart, Berlin, Ruhrpott, Schweiz (Val Sinestra) etc. Ja, es ist ärgerlich, dass das Rad immer wieder neu erfunden wird… Aber schön, dass junge Frauen die Orga von Rockcamps wieder in die Hand nehmen.“
Wenn auch das Rad, das hier immer wieder erfunden wird, unterschiedlich rollt. Tatsächlich gab es schon Jahrzehnte vor den ersten Ladyfesten bzw. Girls Rock Camps deklarierte Frauenmusikfestivals. Die ersten Frauenmusikwochen im deutschsprachigen Raum fanden bspw. 1983 in Wien statt – eine Folge davon war unter anderem 1987 die Gründung des Frauenmusikzentrums fm:z in Hamburg. Seit 1991 fanden unter dem Namen rocksie! in verschiedenen bundesdeutschen Städten Instrumental-, Gesangs- und Bandworkshops für Frauen und Mädchen statt. Doch richteten sich die Angebote der Frauen- bzw. Mädchenmusikwochen eher an bereits erfahrene Musikerinnen oder zumindest an geübte – ein Netzwerk für Frauen, die bereits im Musikbusiness stehen oder eben rein woll(t)en. Dem entgegen ist bei den Girls Rock Camps ein gewisser Dilettantismus erwünscht. Ziel ist nicht, die Gitarre besonders virtuos, sondern sie überhaupt zu spielen, und auch nicht im Alleingang, sondern als Teil einer Band. So folgen die Unterrichtseinheiten weniger einem straighten Lehrplan als offenem Experimentieren und Ausprobieren. Wobei das unterschiedliche Verständnis von professionellem bzw. geübtem Musizieren vs. einem DIY-Gestus geschuldeten Musik-Machen nur einer von vielen Unterschieden ist. Dass sich auf die Tradition der Frauenmusikwochen keine Bezüge finden, hat dennoch nicht nur inhaltliche Gründe. In Zeiten der medialen Aufmerksamkeitsökonomie wirkt der Druck nach Neuigkeits- oder Sensationswert von Veranstaltungen auch auf jene, die sich ansonsten Marktförmigkeit und Mainstream eher verwehren. Denn trotzig wird dem Einwand von „planb“ entgegengehalten, dann sei das Rock Camp in Cottbus eben das „erste girls rock camp im osten des landes.“

Girls Rock Camps für alle!

Ausgehend von der gemeinsamen Idee einer „Emanzipation durch Musik“ zeigt sich auch in den anschließenden Begrifflichkeiten „für Mädchen und Frauen“ eine weitere, wesentliche Diskrepanz: Während bei den Frauenmusikwochen der Begriff „Frau“ noch unhinterfragt als verbindende Klammer für Interessierte gesetzt wird, vertreten die Girls Rock Camps doch deutlich queerere Ansätze: Die Frage nach Geschlechtsidentitäten und deren Konstruktion sind ebenso Fixpunkte im Stundenplan wie eine kritische – nämlich explizit feministische – Auseinandersetzung mit den hierarchischen Machtverhältnissen in der Musikbranche an sich. Hier eröffnet sich ein zweites Spannungsfeld, von dem sich die Girls Rock Camps klar abgrenzen. Stehen doch Veranstaltungen, in denen junge Menschen – und vor allem Frauen – ermutigt werden, auf die Bühne zu steigen und sich zu präsentieren unter dem Generalverdacht, billige Kopien von TV-Castingshows zu sein. Während bei jenen gilt, dass zwar kaum eine_r ein Superstar _ist_, aber jede_r ein Superstar _werden könnte_, verfolgen die Girls Rock Camps den umgekehrten Ansatz: Jede_r _ist_ ein Star, aber keine_r _muss_ es werden. Einer allfälligen Verwechslungsgefahr treten die Camps zudem mit offensiv politischen Formulierungen und explizit queer-feministischen Programmierungen entgegen: Keine Mainstream-Musikerinnen coachen die Mädchen, sondern Musikerinnen, die zwar durchaus erfolgreich sind, aber vor allem einen feministischen Hintergrund haben.

Girls and Ladies

Mittlerweile umfasst der internationale Zusammenschluss „Girls Rock Camp Alliance“ rund 30 Girls Rock Camp-Veranstalterinnen auf der ganzen Welt, um professionelle Standards, kontinuierlichen Austausch und feministisches Handwerkszeug zu etablieren und zu vermitteln. Ein ziemliches Erfolgsrezept also, wie auch die Filmdokumentation des Girls Rock Camp 2005 in Portland zeigt. Aktuell ist der Film vergriffen, dafür kann die Wartezeit mit dem Handbuch „Rock 'n' Roll Camp for Girls“ (2008) oder der CD „Girls Rock! The Soundtrack“ (2008) versüßt werden. Seit 2004 gibt es zudem – analog zu den Girls Rock Camps – in einigen Ländern auch Ladies Rock Camps. Diese waren, so heißt es, die konsequente Antwort auf die häufig gestellte Frage: „Warum gab es keine Girls Rock Camps als ich ein Mädchen war?“ – und wer 2011 beim Abschlusskonzert in Wiener Neustadt im Publikum stand und selbst kein „Girl“ mehr war, weiß, wie sehr sich diese Frage aufdrängt. Die Durchführung der Ladies Rock Camps dient unter anderem dazu, über die Teilnahmegebühren Sozialpreise für Mädchen anbieten zu können, die sich eine Teilnahme an den Girls Rock Camps sonst nicht leisten könnten. Denn trotz aller Professionalisierungs- und Kommerzialisierungstendenzen hat sich an der Grundausrichtung der Camps wenig geändert: „We value appropriate sharing of resources, cooperation, and collaboration.“ Oder wie hieß es im letzten Absatz des Riot-Grrrl-Manifestes? „Weil ich absolut 100%ig überzeugt bin, dass mädchen eine revolutionäre kraft haben, die die welt wirklich verändern kann und wird.“ Und Girls Rock Camps helfen dabei. Sicher.


online seit 12.11.2011 20:41:11 (Printausgabe 55)
autorIn und feedback : Steph Kiessling




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