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  „Zeigen, verletzen, queere Bewegungen“

Rezension des Buchs "Visuelle Lektüren / Lektüren des Visuellen"



"Visuelle Lektüren / Lektüren des Visuellen" ist ein Bilderlesebuch in vielfacher Hinsicht. Das von Hanne Loreck und Katrin Mayer herausgegebene Buch, 2009 im Textem Verlag und im Material Verlag Hamburg erschienen, arbeitet auf verschiedenen Ebenen an der Materialität visueller Repräsentationen und will sich auch so lesen lassen. Denn „Bild-Praktiken, Bild-Prozesse, Bild-Verhältnisse“ (Einleitungstitel) werden auf der Ebene der ausgewählten Texte ebenso wie auf der Ebene ausgewählter visueller Arbeiten analytisch verhandelt. Zudem thematisiert auch die Buchgestaltung Flo Gaertners (visuelle) Prozesse des Herstellens von Bedeutung. Die programmatische Einleitung der Herausgeberinnen positioniert das Buch in einem deutschsprachigen Feld spezifisch. Sie plädiert für „eine der Intertextualität vergleichbare Intervisualität oder Interikonizität“ und dafür, aufmerksam zu sein für „die für jeden kritischen Bilddiskurs notwendige Durchkreuzung des Feldes des Sichtbaren mit den Differenzkategorien Geschlecht, Ethnie, des Sozialen, Sexuellen, Kulturellen und Medialen“. Damit richtet sie sich explizit gegen die in den letzten Jahren im deutschsprachigen wissenschaftlichen Feld voranschreitende Etablierung eines „neue[n] kulturelle[n] Leitparadigma[s] Bild“, die so tut, als hätte es queer-feministische, antirassistische und poststrukturalistischen Kritiken und Theorien visueller Repräsentation nie gegeben.

Mich hat eine Dimension des Buches speziell interessiert: „Zeigen, verletzen, queere Bewegungen“ ist ein Untertitel des Texts Ulrike Bergermanns über das „Ausstellen von Dis/Ability“, der die Überlegung aufgreift, dass jeder verletzende Sprechakt wiederholt werden muss, um mit ihm umzugehen, und es dabei eine Form zu finden gilt, die das Verletzungspotenzial nicht neuerlich bekräftigt sondern bricht. Sabine Ritters Text „Misreading Sarah Baartman“ schreibt davon, wie „die Präsentation der Bilder von der ,Hottentottenvenus‘ in rassismuskritischer Absicht sich durch fehlende Kontextualisierung nahezu ins Gegenteil ihrer ursprünglichen Intention verkehren kann: Statt Wahrnehmungsmuster aufzubrechen, werden diese bloß reproduziert“. Das lesend, beschäftigt mich die grafische/gestalterische Entscheidung, bei den beiden für das Buch ausgewählten Texten, die präzise die rassistische Geschichte unseres visuellen Archivs thematisieren – Ritters Text und Kerstin Brandes Text über „Exotismus, Elitismus und die Grenzen des Erträglichen“ –, die besprochenen Bilder aus dem Textzusammenhang zu lösen und als eigenen Bildteil dem Text hintan zu stellen. Die Beiträge inszenieren somit das Dilemma exemplarisch: Wie das Verletzende, Beleidigende, Gewalttätige thematisieren, ohne es zu wiederholen? Denn warum wird an dieser Stelle ein kritisches Bildhandeln an die nur scheinbare Neutralität eines wissenschaftlich-aufklärerischen Herzeigegestus abgeben? Am Ende des visuellen Teils des Beitrags Sabine Ritters, der aus auf Briefmarkengröße verkleinerten Bildern besteht, steht ein überraschendes Bild – leider ebenso klein reproduziert wie die gewalttätigen visuellen Beleidigungen davor: Einer Installation von Carla Williams, „Untitled“, aus „How to read Character“, 1990 – 91 (Gelatine Silbedrucke und Fotokopie, Goldrahmen), die auf der visuellen Ebene Rassismus zitiert, benennt, verschiebt und bricht – paradigmatisch!

Weitere Bild- bzw. Textbeiträge von Michala Melián, Katrin Mayer, Sandra Schäfer, Elfe Brandenburger, Mareike Bernien, Kerstin Schrödinger, Elke Zobl, Eske Schlüters, Eva Meyer, Hanne Michaela Ott, Marie-Luise Angerer, Andrea Seier, Claudia Reiche und Michaela Wünsch.



Loreck, Hanne/Mayer, Katrin (Hg.): Visuelle Lektüren \ Lektüren des Visuellen. Hamburg: Textem Verlag, Material Verlag 2009. 2. Band der Schriftenreihe „querdurch“ der Hochschule für bildende Künste Hamburg.


online seit 15.06.2010 14:03:38 (Printausgabe 50)
autorIn und feedback : Johanna Schaffer




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