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Kaffeehausliteratur

An die Arbeit - eine Rezension der Zeitschrift "Respektive"




Die neue Zeitschrift Respektive aus Zürich widmet sich den Schnittstellen von Kunst, Kultur und Politik. Kunst und Politik sowie Ästhetik und Theorie werden in Respektive nicht als zwei getrennte Bereiche angesehen. Das „Zeitbuch“ strukturiert sich deshalb nicht nach Ressorts, sondern entlang von Leitfragen thematisch.

Die soeben erschienene erste Ausgabe wirft einen genaueren Blick auf die Erscheinungsbilder und Wahrnehmung von Arbeit heute. Ausgehend von einem marxistischen Arbeitsbegriff, den Anton M. Fischer in einem Aufsatz erörtert, wird Arbeit in einen untrennbaren Zusammenhang mit den bestehenden gesellschaftlichen Produktionsverhältnissen und damit mit der Ausbeutung unter dem herrschenden Kapitalverhältnis gebracht. Fragen an den gehypten französischen Philosophen Alain Badiou, der mit seinem Traktat „L’hypothèse communiste“ für Aufsehen gesorgt hat, bleiben unbeantwortet. Konkreter fassbar wird Arbeit in einem Interview mit einer migrantischen Verkäuferin in einem kleinen Lädchen in Zürich. Wie schwer es ist, sich gegen selbsttechnologische Kontrollformen zu wehren, zeigt eine „témoignage“ über Arbeitsverhältnisse im kulturellen Sektor. Das Feld der Kreativitätsindustrie ist extrem egofixiert, und es ist - trotz branchenüblicher narzisstischer Selbstbespiegelung - schwer, etwas aus den Kulturproduzent_innen rauszubekommen, was über deren Minimalhorizont hinausgeht. Caroline Kikitsch dagegen zeigt in ihrem Artikel „Freundschaftswerbung. Im Pitch um Anerkennung“ die Schwierigkeit, Formen von Individualität jenseits kapitalistisch-prekarisierter Subjektivitäten zu leben und versucht sich an einem alternativen Vorschlag der Organisierung, der anhand von Freundschaftslinien zu entwickeln sei. Wie ein roter Faden zieht sich die Frage nach der Organisierung und Solidarität durch alle Artikel in Respektive. Ein analysierender Rückblick auf die große Streikbewegung in Frankreich des Frühjahres 2009 behandelt diese Frage am Beispiel konkreter Kämpfe (an der Universität Avignon) und zeigt vor allem die Grenzen gewerkschaftlicher Organisierung auf. Ein Interview mit einem Basisaktivisten der Oberwalliser Jugendorganisation der Schweizer Gewerkschaft Unia erstaunt - mit von dieser Seite selten gehörten - erfreulich antikapitalistischen Tönen.

Lina Brion und Kenneth Hujer berichten von nicht stattfinden Arbeitskämpfen in der Musikbranche und stellen das Pariser Künstlerkollektiv „Claire Fontaine“ vor, das eben die eigenen Produktionsprozesse und -bedingungen klar offenlegt. Die Behandlung des Themas Arbeit im sauber gelayouteten Zeitbuch wird ergänzt durch Rezensionen der 52. Biennale in Venedig und einer Ausstellung des Dresdner Hygenie-Museums zu Arbeit sowie einer Bildserie mit Werken der Hamburger Fotografin Antje Müller, die nach Spuren der Arbeit in zerfallenden Gebäuden ehemals staatseigener Betriebe im Osten Deutschlands gesucht hat.

Sympathischerweise vertraut das Respektive-Kollektiv nach wie vor auf die Marx´sche Kritik der politischen Ökonomie, weigert sich aber nicht auch weniger explizit marxistische Artikel abzudrucken. Ein wenig wundert man sich aber schon, warum John Holloway und operaistische Themen in einer Zeitschrift zum Thema „Absenz. Arbeit in Bild, Begriff und Kritik“ nicht auftauchen. Die Lektüre lohnt aber schon alleine deswegen, weil hier Kulturproduzent_innen Orte aufsuchen, an denen sich nicht nur ein Begriff von verschiedenen Funktionsweisen der Gesellschaft abzeichnet, der zu solidarischem Handeln untereinander aber auch gegenüber anderen Proletarisierten anregt.





online seit 08.04.2010 14:32:00 (Printausgabe 49)
autorIn und feedback : Pascal Jurt


Links zum Artikel:
www.respektive.net



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