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„Wer hat eigentlich Interesse dass es so ausgeht?“ Ein neuer Sammelband beschäftigt sich mit Protestformen sozialer Bewegungen. Von Streik, Demo, Direkter Aktion und Graffiti, über Torten, Infostand und Kleidung bis Warenboykott, Medientechnik und Aneignung von „Protest“ von Rechts. Karoline Boehm und Klaus Schönberger, zwei an diesem Buchprojekt Beteiligte, im Interview mit MALMOE. MALMOE: Wie ist das Projekt entstanden? Boehm: Es ist in einem Seminarkontext entstanden an der Uni Hamburg. Schönberger: Institutionell gibt es eine Seminarform, die forschendes Lernen heißt, das sind Seminare, an deren Ende eine Ausstellung, eine Broschüre oder auch ein Buch stehen. Es soll den Erkenntnisprozess, das im Seminar Erarbeitete, auch nach außen vorzeigbar machen. Relativ bald gab es die Idee, dass wir ein Buch machen, und der Prozess, wie ein Buch gemacht wird, wurde von Anfang bis Ende durchdekliniert, d.h. von der Themenfindung und Textproduktion bis zur Erkenntnis, dass Lücken bleiben werden, z.B. Osteuropa hätten wir auch gerne behandelt. Boehm: Im Entstehungszeitraum dann gab es massive und sehr vielseitige Proteste im Zusammenhang mit der Bologna-Reform und Studiengebühren, Heiligendamm, Euromayday, Bambule. Die Erfahrung von Repression und eigener Sprachlosigkeit war dabei stark motivierend und mobilisierend. MALMOE: Das Buch versucht einzelne Protestformen systematisch zu analysieren: in ihrer Kommunikation nach Innen bzw. nach Außen, nach den Formen der Kooperation und Konfrontation, in ihren performativen und medialen Wirkungen. Schönberger: Ja, das ist aber ein Ergebnis der Empirie, das stand am Ende, es war ein Erkenntnisprozess. Boehm: Da gab es auch eine Zuspitzung durch das Schreiben über die verschiedenen Protestformen. Schönberger: Es war auch zäh, und hat viele angekotzt, dass alles ständig neu diskutiert wurde. Ich finde es eine schöne Sache, dieses Changieren zwischen Aktionismus und akademischer Intervention. MALMOE: In eurem Projekt gab es also intern gleichzeitig ein analytisches und aktionistisches Interesse. Wie waren dann die Reaktionen nach Erscheinen des Buches? Boehm: Was wir gemacht haben, ist Wissensbestände aus der Bewegung heraus zu bündeln, und dann in einen neuen Zusammenhang zu stellen, um sie wieder zurück zu tragen. Bestimmte Schlussfolgerungen werden im aktivistischen Publikum sehr stark angenommen, z.B. diese Einteilung in Protestformen, damit können die Leute gut arbeiten. Man wird sich bewusster über die eigenen Kompetenzen, indem man eine Protestform so spezifisch fasst. - statt nur zu sagen, wir haben eine Demo gemacht, wird dann klar was da alles nebenbei noch entsteht: Plakate, Flyer, Performances und Strategien über die Aneignung des Raumes -, da lässt sich dann auch so was wie die kommunikative Gerichtetheit viel klarer ausmachen. Ich glaube, es bietet auch eine Möglichkeit, Kritik an den Mitteln anzusetzen. Wenn man z.B. in der Situation bei einer Demonstration der Polizei gegenübersteht, und versucht der etwas entgegenzusetzen, wenn man das als konfrontatives Moment betitelt, das macht eine ganze Menge klar, dass in diesem Moment auch andere politische Ziele in den Hintergrund rücken. Schönberger: Genau, die Frage, ob ich das auch will und ob das auch Sinn macht. Boehm: Und wie ich mit „Ressourcen“ in der Bewegung umgehe, wie viel Zeit, Kraft und Gedanken kostet da wen was. Schönberger: Dann erfolgt Aktivismus nicht als Naturereignis. Dann ist das etwas, das ich mir überlegen kann. Es geht eigentlich, und das ist der Witz der ganzen Sache – es geht darum, über die Analyse der Form eine Repolitisierung zu erreichen. Es geht nicht darum, aus der Form den Inhalt zu machen, sondern sich zu überlegen, was sind eigentlich meine politischen Ziele, und was ist die angemessene Form dafür, oder in welcher politischen Situation ist das eine angemessene politische Form. Oder ist das eher hinderlich, oder wer hat eigentlich Interesse daran, dass es so ausgeht oder so verläuft? Diese Fragen lassen sich gut auf der Grundlage der Analyse, die wir vornehmen, diskutieren oder nachvollziehen. Es ist quasi eine akademische „Handreichung“ für die politische Bewegung. Damit können sie sich, auseinandersetzen. Es ist ein Angebot. Wer selbstkritisch reflektieren und nicht nur blindlings handeln möchte, der kann die Analysen gewinnbringend verwenden. Und auch wenn jemand zu anderen Schlüssen kommt, dann war es immerhin anregend. Das ist vielleicht die Stärke des Buches: es macht Vorschläge. MALMOE: Diese Vorschläge ergeben sich aus der Analyse historischer Erfahrungen. Schönberger: Wir haben historisch gearbeitet, das ist auch ein Privileg von Wissenschaft, wofür man Zeit und Neugierde braucht. Aber das gab es immer in allen Bewegungen, Leute, die versucht haben ihre eigene Geschichte zu reflektieren. Bezeichnenderweise aber nicht über die Form und nicht über die Mittel, sondern anhand von Programmatiken und Forderungen. Man hat Jahrzehnte lang über Formulierungen von Flugblättern gestritten, aber dennoch stand immer die Frage im Raum: wie artikuliere ich mich? Und es ist interessant, dass die Programmatik in die Geschichtsschreibung Eingang gefunden hat und die Frage nach den Formen kaum. Uns erscheint es enorm politisch, sich noch mal über die Form Gedanken zu machen. Boehm: Das Repertoire der Formen ist ja vor allem auch erweiterbar und es können je nach Kontext neue Ensembles gebildet werden! Bei der Besetzung des Audimax bei den Uni-Protesten in Wien gab es ja schon diese Verknüpfung der Diskussion über die Programmatik mit der über die Form. Allerdings eher in einem regulativen und oft legalistischen Sinn: Beschriebene Wände oder nicht, was von dem Aufgehängten wird wieder abgehängt, darf es überhaupt so aussehen,- so dreckig usw. Gerade bei einer Besetzung wird die Form zum zentralen Politikum, das sind natürlich miteinander verknüpfte Fragen. Schönberger: Also dass die Besetzung fehlt, oder auch die Barrikade, das ist eine unserer Lücken, gerade aufgrund der gegenwärtigen Besetzungen, seien es die Audimax-Besetzung, die Fabrikbesetzungen in Frankreich oder die Hausbesetzungen der 1980er Jahre. Hier könnte man schön zeigen, wie die Symbolik der Form und Inhalt zusammenhängen. MALMOE: Auch rechte bis rechtsextreme Gruppierungen eignen sich mittlerweile linke Protestformen an. Inwiefern kann man da überhaupt von Protest und Subversion sprechen? Ist Subversion nicht prinzipiell explizit gegen normative Gesellschaftsverhältnisse gerichtet? Schönberger: Wir haben lange darüber diskutiert im Projekt, ob auch die Neonazis eine soziale Bewegung sind. Das blieb ein Streitpunkt und es stellte sich die Frage, woran wird das jetzt gemessen? Boehm: Rassismus und Sexismus sind da in der Debatte schon eindeutige Anhaltspunkte gewesen. Aber trotzdem, wie führt man die Argumentation weiter? Schönberger: Und wie geht man mit diesen Rekuperationen um? Auch innerhalb der Neonazi-Bewegung gibt es eben zunehmend Leute, die ein bestimmtes qualifikatorisches Niveau haben, das es ihnen ermöglicht, mit solchen Instrumenten umzugehen. Und das spricht nicht gegen die Instrumente, sondern eher dafür, niemanden zu unterschätzen. Also die kommen eben aus der Mitte dieser Gesellschaft und sie sind durchaus in der Lage zu reden, zu schreiben. Aber das war ja auch früher schon so. Sie stilisieren sich als Protest und als Widerstand. Ich würde eher von einer konformistischen Rebellion sprechen, die vermeintlich vorgibt, gegen die Verhältnisse zu sein, im Prinzip aber eigentlich eine Spielart der herrschenden Verhältnisse herstellen will, verstärken oder zuspitzen möchte. Es ist niemandem damit gedient zu sagen, das dürft ihr aber nicht, das ist unseres, sondern es ist eher die Frage, in welchen Kontexten verhalten wir uns wie, und das heißt, es gibt eben keinen sicheren Ort von Protest, es gibt keinen sicheren Ort einer Form. Boehm: Aber trotzdem ist es doch die Frage, wenn Subversion das Unterlaufen oder das Umstürzen von herrschenden Verhältnisse meint, an welchen Verhältnissen die sich eigentlich orientieren, oder was sie dann eigentlich ironisieren, was der Effekt davon sein kann. Geht es darum, dass sie ihre Inhalte gesellschaftsfähig machen, also ist das ihr Ziel in dem Moment, wo sie quasi subversiv agieren? Oder ist es vielleicht trotzdem eine humoreske Ebene, oder eine bestimmte Zeichensprache, die in ihrem Kontext trotzdem nicht verstanden, oder vielleicht auch zur Spaltung führen kann? Schönberger: Eben, die sind auch nicht homogen. Aber dieses Kommunikationsguerilla-Konzept ist prinzipiell offen und kann die gewünschten Resultate nicht garantieren, sondern zielt auf Irritationen und auf Offenheit von Situationen. Und die Neonazi-Ideologie steht für ein geschlossenes Weltbild. Die müssen irgendwie an einen Punkt kommen, an dem sie ihre Ideologie als Wahrheit absichern. Das ist der Unterschied. Das freie Denken, das wilde Denken, das wilde Lachen, das unterschiedlich ist, ist etwas, das sich bei denen nicht durchsetzen wird. Da wird's ein paar Aktionen geben, dann hat sich's aber auch wieder. Die müssen immer in Bezug auf einen strategischen Ort des Ausschlusses agieren. Ausschluss, Verjagen von Minderheiten, Traktieren von Minderheiten, das heißt, es wird versucht einen Ort einzunehmen, an dem sie die Gewissheit haben, wie etwas gelesen wird, aber das ist immer subvertierbar. MALMOE: Ein anderes Beispiel: Facebook. Hat die Frage des Subjekts eines Protests noch Relevanz? Schönberger: Es gibt unterschiedliche Vorstellungen über das, was als politisch erklärt wird. Die Vorstellung von „Click-To-Protest“ ist, dass wenn man sich auf Facebook bei "Ich schäme mich für die Minarett-Initiative" eingetragen hat, wie das in der Schweiz 80.000 NutzerInnen gemacht haben, dass das nicht politisch sei, oder dass es keine Konsequenz hätte. Es gibt nach wie vor starke Vorstellungen, dass mit Protest ein bestimmter Einsatz verbunden ist, Mut und Zivilcourage gezeigt werden sollte und dass, wenn ich mich mittels Internet an Protest beteilige, das nicht so ernst gemeint ist. Ich würde das gelassen sehen, weil die meisten, die sich hier beteiligen, sich auch noch andernorts engagieren. Facebook ist ebem eine weitere Artikulationsform. Es ist ein Irrglaube, dass das alles substituierbar sein wird. Erfahrungsgemäß führt so eine virtuelle Form von Protest auch dazu, sich face-to-face zu treffen und bestimmte Dinge wieder zu verabreden usw. Das lässt sich nicht alles virtualisieren. Die Frage finde ich aber auf einer anderen Ebene, jenseits des Technischen, interessant. Da geht es um das alte Problem des revolutionären Subjekts, das sich antagonistisch zu den Verhältnissen verhält. Aus einer historischen Sichtweise lässt sich ersehen, dass, solange es kapitalistische Verhältnisse gibt, auch antagonistische Verhaltensweisen oder Bedingungen und Bedürfnisse entstehen. Die jeweiligen Subjektivierungen führen dazu, dass die Menschen, die entsprechende Unterdrückung erfahren, sich zur Wehr setzen. Interessant ist, in welcher Form das stattfindet, mit den jeweiligen Vor- und Nachteilen, ob in der Form der Partei, der Bewegung oder des Projektes. Die jeweiligen historischen Verhältnisse legen geeignete Formen von Selbst-Organisation nahe. Boehm: Protest ist auch ein Identitätsangebot. Widerständigkeit entsteht dabei in verschiedenen Lebensbereichen, so also auch im Virtuellen. Schönberger: Man muss natürlich auch sagen, dass bestimmte Organisationsformen an bestimmte biografische Momente geknüpft sind und irgendwann nicht mehr gehen. Und das eigentliche Politische wäre, darüber nachzudenken, in welchen biografischen Abschnitten welche Formen von Antagonismus funktionieren, also was sind die Möglichkeiten? Und die sind eben nicht nur subkulturell. Boehm: Weil da ja auch so ein Ganz-oder-gar-nicht dahinter steckt. Schönberger: Ich hab so viele durch einen Durchlauferhitzer gehen sehen, das war das Ausstiegsbillett, sich radikal so zu gerieren und nur das als das Antagonistische zu verstehen, bestimmte Lebensformen, die du nicht durchhältst über die Jahrzehnte. Die sind alle weggebrochen. Wenn man Kontinuität ermöglichen will, dann stehen da noch einige Diskussionen an. Ich sehe oft, sobald jemand aus dem studentischen Alltag raus ist, gehen bestimmte Dinge einfach nicht mehr. Sie verschwinden aus bestimmten Diskussionszusammenhängen. Da mag Facebook eine Möglichkeit sein, die dann wenigstens auch etwas ausdrückt und vielleicht mehr ausdrückt als nur der Klick, auch wenn für andere wiederum der Klick gar nichts bedeutet. Ich bin nicht so pessimistisch, was das angeht. Wenn Protest heute so projektartig funktioniert, wie ich es vermute, dass die Leute sagen, sie machen befristet bei einer Aktion oder Kampagne mit, sei es wie in Heiligendamm, nehmen sich die Woche frei, und sind dann wieder weg. Dann wird's mal wieder eine andere Woche geben, es gibt offensichtlich immer wieder Anlässe und nicht mehr die Notwendigkeit, sein ganzes Leben zu verbringen als "Berufsrevolutionär". Ich sehe das optimistisch. Auch wenn vieles nicht mehr ausdrücklich oder so radikal artikuliert wird. Ich sehe noch nicht, dass bereits nicht ausgemacht ist, was da der „politischere“ Weg ist. Boehm: Problematisch bleibt dabei, denke ich, der unterbrochene Wissenstransfer, also was man sich an Know How aneignet und was dann eben auch wieder verloren geht in den Abschnitten, wo man nicht aktiv ist und damit die Diskontinuität der individuellen Debatte. Einem potenziell widerständigen Subjekt, mit so einer „seriellen Protestbiografie“, fehlt dann im Zweifel trotzdem manchmal das soziale Umfeld, um in konkreten Situationen aktiv zu werden. Schönberger: Dafür schreiben wir ja solche Bücher. Klaus Schönberger, Ove Sutter (Hg.): „Kommt herunter, reiht euch ein... – Eine kleine Geschichte der Protestformen sozialer Bewegungen“, Assoziation A, Berlin/Hamburg 2009 Interview: Erk Schilder online seit 23.02.2010 15:11:22 (Printausgabe 49) autorIn und feedback : Erk Schilder |
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Was wurde eigentlich aus...? Ein Update zu MALMOE-Themen in früheren Ausgaben. Folge 14: Museumsquartier [19.08.2010,Katharina Morawek] Cultural Entrepreneurs mit Ihu Anyanwu (G.Rizo) [31.07.2010,Interview: Andrea Lunzer & Claus Puhr] Wir, Nachkommen der TäterInnen Gedanken zu dem Dokumentarfilm „Liebe Geschichte“ [06.07.2010,Daniela Ingruber] die nächsten 3 Einträge ... |
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