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  Becoming Digital 0x02

Digitalisierung

Voraussetzung jeglicher digitalen Bearbeitung ist das Vorhandensein des Ausgangsmaterials in Form von Daten, die für Computer lesbar sind. Der dafür nötige Transformationsprozess – er kann Digitalisierung genannt werden – ist nicht neutral. So geht die Umwandlung von physischen Objekten in digitale Abbilder zumeist mit einem Verlust von Qualität einher. Ein weiterer verändernder Prozess ist die Speicherung der durch Digitalisierung angefallenen Daten. Diese Daten sind nicht selbsterklärend und für sich alleinstehend, sondern werden in einen Kontext eingebunden. Sie müssen für eine weitere Verwendung gekennzeichnet werden: Handelt es sich um Bilder, Texte, Videos usw.? Je nach Formatwahl ist eine geringe oder starke Veränderung die Folge. Dieser verändernde Prozess betrifft auch „born-digital“, das sind solche Daten, die kein physisches Vorbild haben, weil sie originär digital erstellt wurden. Als maßgeblicher Veränderungsfaktor muss schließlich die Modellierung von Daten gelten, bei der Zusammenhänge zwischen digitalen Objekten hergestellt werden. Ein großer Interpretationsspielraum ergibt sich, je nachdem, welche technischen, methodischen, theoretischen Ansätze herangezogen werden. Selbst bei gleichen Ausgangsdaten unterscheiden sich Modelle, da in ihnen je nach Interessenlage Aspekte hervorgehoben, vernachlässigt oder ignoriert werden. Selbst bei einem relativ einfachen Beispiel wie einer kleinen Textedition sind eine Unmenge von Möglichkeiten und Entscheidungen zu berücksichtigen. Das Resultat mag zwar mehr oder minder große Ähnlichkeiten zum Ausgangsmaterial aufweisen, ist aber in jedem Fall eine eigenständige und individuelle Umsetzung. Einflusskriterien umfassen den Forschungsansatz, die verfügbaren Mittel, die Erfahrungen der Beteiligten oder die Anbindung an andere Projekte.

Entscheidend bei alldem ist nun, dass ab dem Moment der Digitalisierung die dabei entstandenen Daten eine Eigenständigkeit gewinnen. Dies hat trotz einer engen oder auch losen Anbindung an ein physisches Ausgangsobjekt die potentiell beliebige Umwandlung dieser digitalen Daten für unterschiedlichste Anwendungsbereiche zur Folge. Was vorher nicht oder nur schwer in Verbindung zu bringen war, ist im Digitalen ohne weiteres herstellbar, da die Basis die gleiche ist: Lesbarkeit durch Computer. Erst eine entsprechende Modellierung lässt einen Bezug zum Ausgangsmaterial herstellen oder verwerfen, wobei die Möglichkeit weitreichender Umdeutung der Daten aufrechtbleibt. Um beim Beispiel der Textedition zu bleiben: Vormals klar unterscheidbare Materialien wie handgeschriebene Manuskriptseiten und ein eventuell vorhandenes Hörspiel zum Text können im Digitalen auf unterschiedlichste Weise verschränkt werden und somit ihre Unterscheidung verlieren. Zugleich können sie aber so modelliert werden, dass die Unterscheidung künstlich aufrechterhalten wird.

Die Digitalisierung erzeugt auf technischer Ebene eine Ununterscheidbarkeit von Materialien, die in ihrer Datenform beliebige Veränderungen und Verbindungen eingehen können. Für die Digital Humanities bedeutet dies neue Möglichkeiten von Inter- und Transdisziplinarität sowie eine Erweiterung der Analysemethoden. Dabei entscheidet die Modellierung von Daten darüber, ob das Potential für neue Zusammenhänge und Erkenntnisse ausgeschöpft wird. Zugleich besteht die Gefahr, dass sich Digitalisierung zu einer Kolonialisierung des Nicht-Digitalen entwickelt. Denn je mehr digitalisiert wird, umso mehr Märkte und Verwertungsoptionen eröffnen sich. Es gilt aufmerksam zu sein, welche Begehrlichkeiten dies nicht nur für um Anerkennung und Fördergelder ringende akademische Disziplinen, sondern auch Unternehmen und Staaten eröffnet.


online seit 31.05.2017 15:18:20 (Printausgabe 77)
autorIn und feedback : Klaus Illmayer




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