MALMOE

Antifa – Mythos & Wahrheit

Das Peng!-Kollektiv im Interview über die Ausstellung Antifa – Mythos & Wahrheit

MALMOE: Wie kam es zu der Ausstellung, was war für euch der Anlass, Antifa ins Museum zu bringen?

Peng!: Der konkrete Anlass war die Einladung der Stadt Chemnitz, als Teil des Kunstfestivals „Gegenwarten“ einen künstlerischen Beitrag zum Thema Sachsen beizusteuern. Mit dem Projektbudget von etwa 23.000 Euro konnten wir tun, was wir wollten. Wir haben uns dann ziemlich schnell entschieden, das Geld an Antifa-Gruppen weiterzuleiten und damit eine Diskussion über die Bedeutung antifaschistischer Arbeit, besonders in Ostdeutschland, anzuregen.

Wir kommen teilweise selbst aus Sachsen, einige sind hier aufgewachsen und manche wohnen immer noch hier. Wir haben also einen persönlichen Bezug zu den „sächsischen Verhältnissen“. Uns war es wichtig, nicht zum tausendsten Mal über die sächsischen Nazis zu reden, sondern über diejenigen, die sich tagtäglich den Nazis in den Weg stellen. Es gibt unzählige linke Initiativen, Projekte, Demos, Gruppen, die sich hier eben nicht nur gegen Nazis wehren müssen, sondern auch immer wieder der Repression von Polizei und Verfassungsschutz ausgeliefert sind und von der sächsischen Landesregierung kriminalisiert werden.

Mit der Chemnitzer Kunsthalle gab es nach euren Angaben eine Diskussion um den legalen Rahmen der Ausstellung. Auf Twitter schreibt ihr, Hintergrund dafür seien die Wahlen in Chemnitz gewesen. Wie würdet ihr das Verhältnis zwischen Antifaschismus und Legalität beschreiben?

In der Auseinandersetzung ging es um eine Textpassage, die die Hufeisentheorie kritisiert. Das Museum wollte, dass wir die Parteinamen aus dem Text entfernen und berief sich dabei auf das politische Neutralitätsgebot. Die Hufeisentheorie, oder Extremismustheorie, gehört auf die Müllhalde der Geschichte. Darin sind sich Politolog*innen größtenteils einig. Als „eine der denkfaulsten Konstruktionen der Politikwissenschaft“, bezeichnet sie beispielsweise die Extremismusforscherin Natascha Strobl. Selbst die Bundeszentrale für politische Bildung kritisiert die Theorie. Sie verharmlost Bewegungen und Denkweisen der Rechten und diffamiert die der Linken. Trotzdem packen der Bundesinnenminister, der Chef der Polizeigewerkschaft, die sächsische Landesregierung und nicht zuletzt der Boulevard das Hufeisen bei jeder Gelegenheit wieder aus – und darüber freut sich vor allem die AfD. Die Hufeisentheorie ist dafür verantwortlich, dass in der öffentlichen Meinung – besonders hier in Sachsen – „die Antifa“ auf einer Stufe mit gewaltbereiten Neonazis steht.

Weil die Kritik an der Hufeisentheorie das zentrale Element unseres Werks darstellt, ließen wir uns nicht auf die Forderung des Museums ein. Es kam zum Streit, der erst gelöst wurde, als die Stadt Chemnitz intervenierte und uns versicherte, dass der Text – trotz des Neutralitätsgebot – nicht verändert werden müsse. Die Diskussion um das politische Neutralitätsgebot von staatlichen Institutionen ist hierbei wichtig. Immer wieder versucht vor allem die AfD über diese ziemlich vage Vorgabe, politischen Druck auf die Institutionen aufzubauen und unliebsame, weil linke Kunst zu zensieren.

Als Grund für die Sperrung eures Accounts auf Ebay vermutet ihr Meldungen durch rechte Trolle. In einem Artikel auf netzpolitik.org stellt ihr dem Kantholz das Gewehr der Wehrmacht gegenüber und fragt nach der Verhältnismäßigkeit. Damit ploppt auch die Gewaltfrage auf, die ja von der AfD eng mit dem Kantholz verknüpft wurde. Was beschäftigt euch in dem Zusammenhang?

In der Diskussion um das Kantholz ist vor allem die Frage nach dem Gewaltmythos um die Antifa spannend. Antifaschismus ist extrem viel mehr als der kleine militante Teil, der immer wieder in den Medien diskutiert wird. Dieser Mythos wird bewusst gestärkt, zum Beispiel von der AfD, oder, wie im Fall des Einkaufswagens in Leipziger Silvesternacht, von der Polizei (beides auf der Ausstellungswebseite antifa.de nachzulesen). Die allermeisten Menschen haben das Kantholz als Tatwaffe beim Angriff auf den Bremer AfD-Politiker Magnitz abgespeichert, auch wenn mittlerweile zweifelsfrei belegt ist, dass es sich beim Kantholz um eine Erfindung der AfD handelte, die sich damit als Opfer linker Gewalt inszeniert hat. Auch Ebay fiel auf diese Legende herein und löschte die Auktion. Dass es für Ebay aber völlig in Ordnung ist, Devotionalien der Wehrmacht zu versteigern, zeugt von einer Doppelmoral. Unsere Ausstellung war der Versuch, der Kriminalisierung und Herabwürdigung von antifaschistischer Arbeit ihre Schönheit und Vielfältigkeit gegenüberzustellen.