MALMOE

Die Schwingen des Weltgeists oder Die anwesende Abwesenheit

Aus der Rei­he: Der große Min­is­ter. Hykels wun­der­same Visio­nen und Tat­en

„Gol­di, hier drüben!“ Hykel stand auf der anderen Straßen­seite und hob diskret den Zeigefin­ger.
Gol­di rümpfte die Nase und wartete auf die näch­ste Grün­phase. Dass das Bun­de­samt für Ter­ror­bekämp­fung und den Schutz unser­er Ver­fas­sung von zwei so stark befahre­nen Straßen ins Eck gedrängt wird … Da ist‘s im Lan­desamt dann doch beschaulich­er, dachte er noch, bevor er sich über die Kreuzung wagte.
Hykel strahlte über das ganze Gesicht und deutete auf das Eck­ge­bäude. „Schauen Sie, mein lieber Herr Gold­gräber“, hob er unge­wohnt förm­lich an, „meine Vision bet­rifft dieses Gebäude und natür­lich das rast­lose Treiben hin­ter diesen Mauern.“

Gol­di zupfte ein Etui aus dem Sakko und steck­te eine Zigarette in den Mund­winkel. Zuerst miss­lang das Anzün­den wegen des Wiener Windes, als aber dann eine end­lose LKW-Kolonne vor­beirat­terte und seine Tschick beina­he auf dem schmalen Gehsteig lan­dete, ver­lor er die Geduld. „Hykel, ich kenne dieses Gebäude von Außen und bald auch von Innen. Wenn nur nicht diese Grat­tler vom Auss­chuss wären. Gehen wir ums Eck zum Hochn­er­park!“
„Hochn­er, ist das nicht diese Jour­naille?“, fragte Hykel, als er vor sich den Park sah, in dem ein paar knor­rige Bäume ihr tristes Dasein fris­teten.
„Genau, Robert Hochn­er. Seit sein­er Zeit bei der Arbeit­erzeitung bis zu seinem Ableben unter Beobach­tung. Man kann nie vor­sichtig genug sein. Set­zen wir uns.“
„Mein lieber Gol­di, das ist jet­zt aber doch etwas befremdlich hier! Wir sitzen im Hochn­er­park und der Stadt­teil heißt St. Marx … Obwohl ja der junge Marx dur­chaus von Hegel inspiri­ert wurde … Beden­klich, wie manche dann doch noch so fehlgeleit­et wer­den kön­nen.“ Hykel lauschte dem monot­o­nen Dröh­nen der Südost­tan­gente und ließ seinen Blick über die Kräne streifen, die sich hin­ter den alten Schlachthallen in den Him­mel bohrten. „Der Welt­geist ist ja nicht für jed­er­mann …“
„… Oder jed­er­frau“, feixte Gol­di und ließ den Rinden­mulch unter sein­er Sohle krachen. „Und wenn sich der Welt­geist doch mal sehen lässt und wir ihn sacht umar­men, braucht‘s halt ein paar beherzte Umbauar­beit­en und Per­son­al­rochaden, damit er sich auch wohl fühlt bei uns“, dozierte Gol­di und schnippte seine Zigarette in den Kiesweg.

Hykels Ner­vosität war nun wie weggewis­cht, er stützte sich bei der Rück­en­lehne ab, wobei er tun­lichst darauf bedacht war, nicht in den Tauben­dreck zu greifen. Dann erhob er sich mit einem Ruck und wippte feier­lich von einem Fuß auf den anderen. „Gol­di, ich danke für diese rasier­messer­scharfe Analyse des verän­dern­den Welt­geistes, ich habe doch immer schon geah­nt, dass wir bei­de wie Erb­sen aus der­sel­ben Schote sind.“

Er ließ sich nach dieser Erken­nt­nis gle­ich Mor­gen­tau auf die Sitzbank sinken und hob wieder an: „Das Alte bleibt, das Neue geht und natür­lich auch in sein­er anti­thet…“ Das Stakka­to eines Press­luftham­mers, vielle­icht vom Klestilplatz, vielle­icht auch aus ein­er der vie­len Bau­ru­inen, die gle­ich ver­fault­en Zäh­nen die Gegend säumten, zwang ihn, kurz innezuhal­ten. „…ischen Form, also vice ver­sa. Sie ver­ste­hen?“
„Klar, aber jet­zt bitte zur Sache“, antwortete Gold­gräber und sog hastig an der näch­sten Zigarette.
„Ich meine, die Haus­durch­suchung beim Ver­fas­sungss­chutz hat ja recht gut funk­tion­iert.“
„Tadel­los, wie ich meine. Und war eine wirk­lich orig­inelle Idee.“
„Aber, das kön­nen wir nicht jedes Jahr liefern. Es war ein guter Open­er, aber was wir brauchen, ist eine Truppe, mit der wir in Ruhe arbeit­en kön­nen. Und zwar in diesem Haus“, und er zeigte mit seinem Fin­ger um die Ecke.
„Hm.“
„Wie Sie wis­sen, habe ich lange Zeit für Jörg, den Son­nenkönig Reden geschrieben. Ein­fache, erheit­ernde, mit einem starken Schuss Belei­di­gun­gen. Ein sim­ples Rezept. Auch für Fernse­hdiskus­sio­nen habe ich ihn gebrieft. Ich kann mich gut erin­nern, wie er ein­mal zu mir sagte: Dieser Hochn­er will immer Antworten. Was inter­essieren mich die Fra­gen eines Fernse­hjour­nal­is­ten?“
„Stimmt. Die sind genau­so dep­pert wie die vom Unter­suchungsauss­chuss.“
„Und dann kam plöt­zlich dieses leg­endäre Inter­view von Otto Waalkes. Damals bei der Ingrid Thurn­her. Es war genial.“
„Kann mich erin­nern. Ich kon­nte mich kaum hal­ten. Wo er sie umarmt hat. Es war zum total­lachen.“
„Das auch. Doch mir wurde damals eines schla­gar­tig klar: So muss Poli­tik funk­tion­ieren.“
„Wie bitte?“
„Ganz ein­fach. Was ist damals passiert, mein lieber Gold­gräber? Was haben wir gese­hen?“
„Gese­hen? Der Otto hat komisch herumgere­det und lustig gep­fif­f­en.“
„Das auch. Aber das Wichtige ist: Er hat keine einzige Frage beant­wortet und ist schließlich unter den Tisch gekrochen. Nur, was ist wirk­lich passiert?“
„Er hat ihre Beine gek­itzelt, ver­mute ich.“
„Benützen Sie ihren Geist, mein Lieber. Spren­gen Sie ihre Denk­fes­seln. Was ist passiert?“
„Sie ist ihm auf die Fin­ger gestiegen?“
„Otto war als Abwe­sender per­ma­nent anwe­send. Er kon­trol­lierte das Geschehen in sein­er abwe­senden Anwe­sen­heit. Nie­mand weiß, was er unter dem Tisch machte. Er war da und tauchte schließlich zur Belus­ti­gung der Zuschauer immer wieder auf und machte weit­er den Kasperl. So funk­tion­iert der tiefe Staat, mein Lieber. Nur so kann man ruhig regieren. Und das brauchen wir.“
„Einen Kasperl?“
„Nein, nein, eine geheime Elitetruppe, die mir unter­stellt ist und unter­halb des Ver­fas­sungss­chutzes operiert. 100 Per­so­n­en. Das würde fürs Erste reichen. Und ich weiß auch schon, wie sie heißen wird. Gehy­ki, Geheime Hykel Kieberei.“
„Ein ansprechen­der Name. Keck, neck­isch und richtig knack­ig. Alle Achtung.“
„So ist es. Von Zeit zu Zeit zeigen wir uns und machen ein paar Späße.“
„Und unten …“
„Machen wir es wie Otto Waalkes!“
„Die abwe­sende Anwe­sen­heit. Die anti­thetis­che Form vice ver­sa. Ich ver­ste­he.“