MALMOE

Der Koan der Politik

Aus der Rei­he: Der große Min­is­ter. Hykels wun­der­same Visio­nen und Tat­en

Hykel zog mit sein­er Buren­wurst eine weit­ere Spur durch den Senf­batzen, der sich auf dem Papptellerchen neben der ange­bis­se­nen Sem­mel bre­it­gemacht hat­te. Gol­di, die Ruhe in Per­son, wartete großväter­lich, bis er genüsslich abge­bis­sen hat­te und beg­nügte sich zwis­chen­zeitlich damit, die Szener­ie zu beobacht­en. Hier, auf der schmalen Verkehrsin­sel­hal­testelle am stauge­plagten Ring mit Blick auf Par­la­ment und Jus­tiz­palast, war stets was los. Zwei Kinder­wä­gen hat­ten sich bei dem Eng­pass zwis­chen Würs­tel­stand und Kebab-Bude verkeilt und gehet­zte Väter gestikulierten zu Schimpfti­raden, welche so nur im char­man­ten Wien gedei­hen. Touris­ten­trauben drängten sich um wohlfeile Nudel­box­en, ein anderes Grüp­pchen zu der Stelle, wo sich Par­la­ment und Jus­tiz­palast beson­ders schön in der prächti­gen Abend­sonne fotografieren ließen. Fast wären die Touris­ten unter die Räder der Autokolon­nen ger­at­en, welche dichtge­drängt in der lang gezo­ge­nen Kurve beschle­u­nigten, um dann bei der absurd nahen näch­sten Ampel abrupt abbrem­sen zu müssen. Doch wie von magis­ch­er Hand gelenkt blieb alles im Fluss – Autos, Men­schen, Straßen­bah­nen, Hunde, Ein­satzwä­gen und sog­ar die Ein­heimis­chen.

Hykel schluck­te den Bis­sen hin­unter, knüllte die Servi­ette zusam­men und warf sie läs­sig in den bre­itrandi­gen Mis­tkü­bel. „Mein lieber Gol­di, schön ist’s hier …“

Just in diesem Moment rem­pelte ihn ein rabi­ater Hun­debe­sitzer an und ballte die Faust, sodass Hykel einzig blieb, die Hände beschwichti­gend wiegen zu lassen.

„Es ist wohl nachvol­lziehbar, warum wir uns ger­ade hier tre­f­fen?“, sagte Hykel zu Gol­di, der ger­ade von ein­er ziel­stre­bi­gen Touris­ten­gruppe durchge­walkt wurde und sich erst sam­meln musste. „Wenn das eine Anspielung auf den etwas unglück­lichen Ort der let­zten Einkesselung sein soll, dann Bra­vo. Der Strunz sorgt sich um die treue Stammwäh­ler­schaft“, antwortete Gol­di schließlich.

„Nein, nein, die 1300 Grat­tler neben der Tan­gente waren nur eine kleine Fin­gerübung für die Exeku­tive und natür­lich auch für die Leute im Kessel. Die Frage war, wie stark kann man eine Men­schen­herde zusam­men­pressen, ohne dass sie im- oder explodiert? Wie lange kann man sie in diesem Zus­tand ver­har­ren lassen? Das ist höch­ste Polizeikun­st. Und das ist neben­bei auch die Grund­lage unseres Rechtsstaats.“

„Das ist ein ziem­lich­er Bal­anceakt“, ent­geg­nete Gol­di.

„Für uns und für das Volk“, betonte Hykel, „das Volk muss ler­nen, mit unseren Schwankun­gen und Span­nun­gen umzuge­hen. Es muss uns die Stange hal­ten, weil es nicht ver­ste­hen will, was wir tun. Das ist Avant­garde.“

„Nicht ein­fach, Herr Min­is­ter. Ich mein’, dieser Gedanken­sprung.“

Da erblick­ten bei­de die Gneissl auf der anderen Straßen­seite. „Welch’ Ambivalenz, Herr Min­is­ter“, ver­suchte sich Gol­di eben­falls in der Her­vor­bringung ein­er außergewöhn­lichen Erken­nt­nis. „Die Außen im Inneren der Ringstraße und der Innere im Äußeren. Wie im Leben …“

„Aber nicht doch, Gol­di, üben Sie sich doch nicht in Analo­gien. Gehen Sie es direkt an!“ Dem großen Min­is­ter kam sogle­ich eine Idee, wie er dem Gol­di seine tiefen­philosophis­chen Über­legun­gen von vorhin in einem ein­fachen Beispiel leb­haft vor­führen kon­nte. Er zog seinen Par­ka aus, über­re­ichte ihn ihm, krem­pelte die Ärmel seines weißen Hemds nach oben, drehte sich zur Fahrbahn, holte tief Luft, schloss die Augen, konzen­tri­erte sich.

Der Gol­di blick­te irri­tiert auf den Min­is­ter und erwartete eine ihm unbekan­nte Yoga-Übung und sah plöt­zlich zu seinem Schreck­en, wie der große Min­is­ter ein­fach auf die Fahrbahn schritt. Den recht­en Arm zu den ent­ge­genk­om­menden Autos gestreckt, ging er ziel­gerichtet zur Fahrbah­n­mitte. Reifen qui­etscht­en, Hupen dröh­n­ten, Augen wur­den aufgeris­sen, Nasen klebten an Frontscheiben, jedoch gab es kein Krachen, keinen einzi­gen Auf­fahrun­fall. Der große Min­is­ter drehte sich langsam zu den Autos. Vor ihm hiel­ten gut zehn, zwanzig, alle standen still, manche leicht quer.

„Mein lieber Gol­di“, rief der Min­is­ter Gol­di zu. „Was glauben Sie? Führt der Hirte die Schafe oder führen die Schafe den Hirten? Wer weist wem den Weg? Das ist der Koan der Poli­tik. Ich bin schon vie­len Schafen nachge­laufen und will doch auch Hirte sein.“

Dann drehte Hykel sich zur Außen­min­is­terin. „Bitteschön, kommen’s doch herüber, Frau Gneis­sel. Essen Sie mit uns eine Buren­wurscht.“

Etwas ver­legen wink­te Gneissl zunächst ab. „Herr Min­is­ter, ich wollt’ mir nur ein biss­chen die Füße vertreten. Ich wollt’ gar nicht rüber …“

„Aber bitte, kom­men Sie schon. Der Gol­di und ich laden Sie ein.“

Vor­sichtig betrat die Gneissl die Fahrbahn. Als plöt­zlich eine Aut­o­fahrerin aus der zweit­en Rei­he zu hupen begann, hob der Min­is­ter sofort seinen recht­en Arm, drehte kurz seine Hand und ließ seinen Zeigefin­ger in die Rich­tung des Autos schnellen.

Das war das Zeichen für Gol­di. Dieser legte den Par­ka des Min­is­ters auf der Theke des Würstl­stands ab und ging zum Auto. Dort machte der mit der Hand eine Kreis­be­we­gung, um zu sig­nal­isieren, dass die Frau das Fen­ster run­terkurbeln sollte. Sie drück­te auf einen Knopf und die Scheibe schob sich nach unten. Kaum hat­te sie ein „Ja, bitte?“ gesagt, war schon Gold­is Hand an ihrem Hals und er teilte ihr mit fre­undlich­er Stimme mit, dass in Wien Hupver­bot sei.

„Gol­di, schau, in der drit­ten Rei­he ste­ht auch unser Kan­zler.“ Der Min­is­ter sprang ein paar Schritte in die Rich­tung des Dienst­wa­gens, da streck­te der fes­che Kan­zler schon seinen Kopf aus dem Wagen. „Mein lieber Kunz. Wollen Sie nicht auch auf ein Würsterl kom­men?“

„Das ist sehr fre­undlich“, sagte dieser, „aber meine Lebenspart­ner­in hat schon gekocht. Der Chauf­feur bringt mich nach Hause. Aber danke, das näch­ste Mal bes­timmt.“

„Keine Ursache. Wir sind hier ja im Land der gren­zen­losen Unmöglichkeit­en.“

Dann sprang Hykel zurück zu sein­er Kol­le­gin, nahm sie am Arm und auf dem Weg zurück zum Würstl­stand erk­lärte er ihr, wie der Wille eines Einzel­nen den Weg der Poli­tik for­men kann. Aus dem Augen­winkel sah er, wie der Gol­di verzweifelt ver­suchte, seinen im Fen­ster eingek­lemmten Arm wieder zurück­zuziehen.

Auch das wird er noch ler­nen, dachte sich der große Min­is­ter schmun­zel­nd und sagte zur Gneissl: „Was wir hier machen, Frau Min­is­ter, ist, unser­er Poli­tik wieder zur ihrem Recht zu ver­helfen.“ Und da nick­te er bedächtig zum Par­la­ment und schwenk­te den Kopf weit­er zum Jus­tiz­palast.