MALMOE

Das Tänzchen

Aus der Rei­he: Der große Min­is­ter. Hykels wun­der­same Visio­nen und Tat­en

Sein Blick badete im frischen steirischen Hügel­land. Alles so grün. Kaum Häuser. Es sah viel rustikaler als bei ihm zuhause in Purk­ers­dorf aus. Auch dort glaubt man am Rek­tum des Wiener­walds zu sein und liegt doch nur im Speck­gür­tel Wiens. In dem Moment griff er sich auf sein kleines Bäuch­lein. Dann lächelte er. „Dieses Unter­be­wusst­sein ist wirk­lich ein Hund. Dem fällt zu allem etwas ein …“. Jet­zt lachte er, ob sein­er gewitzten Assozi­a­tion und wollte dem Strunz schon sein Gedanken­spiel zuflüstern, doch kam ihm dieser zuvor.

„Jet­zt. Hykel. Geh schon.“ Und schon ver­passte er ihm einen Stoß, dass dieser auf die Tanzfläche stolperte und direkt in den Armen des Gastes lan­dete. Die Gneis­sel hat­te es wie abge­sprochen einge­fädelt. Sie heiratet diesen Typen, lädt den rus­sis­chen Präsi­den­ten zur Hochzeit ein und ermöglicht ein kleines intimes Gespräch von Staats­mann zu Staats­mann. Nach der gelun­genen Part­nerüber­gabe dreht­en sich nun Hykel und der Russe im Klang der Blas­musik über den Tanz­bo­den.

„Mein Präsi­dent, ich bin Min­is­ter hier. Hykel. Sie haben wahrschein­lich schon von mir gehört.“ Sein Tanz­part­ner nick­te. Nun zog er ihn etwas enger an sich, legte seinen Kopf unauf­fäl­lig auf seine Schul­ter und flüsterte ver­trauensvoll: „Ich bin hier auch für die Spezial­sachen zuständig. Agen­ten. Geheim­di­enst. Echte Profis. Falls Sie Infor­ma­tio­nen benöti­gen. Wir haben Kanäle gefun­den. Inter­net. Sie ver­ste­hen?“

„Ver­ste­he.“

„Ihr Kol­lege in Ameri­ka. Tump. Er sendet fast täglich merk­würdi­ge Botschaften auf einem geheimen Kanal. Twit­ter. Sie kön­nen mir noch fol­gen?

„Wie?“

„Wir ver­muten, die Nachricht­en sind ver­schlüs­selt. Sie ergeben keinen Sinn. Aber wir arbeit­en daran.“

„Ich ver­ste­he.“

„Deal?“

„Wie bitte?“

In dem Moment riss ihm die süd­steirische Winz­erköni­gin den Part­ner aus der Hand und der Kan­zler Kunz fiel in seine Arme. Dieser drück­te seine Wange fast zärtlich an Hykels und flüsterte: „Hat er ange­bis­sen?“

„So gut wie. Das mit Twit­ter dürfte ihn über­rascht haben.“

„Sehr gut. Vergessen Sie die wirtschaftlichen Angele­gen­heit­en nicht. Sie wis­sen ja.“

„Klaro.“

Sie tanzten so noch wort­los bis zum Ende der Musik, dann fol­gte Hykel dem Präsi­den­ten, der sich mit einem Gläschen Welschries­ling an den Rand der Fest­ge­sellschaft begab, um die Aus­sicht zu genießen.

„Süd­steier­mark. Die ist etwas ganz beson­deres. So etwas haben Sie in Rus­s­land wahrschein­lich nicht. Also, so ohne Schnee.“ Läs­sig drück­te er sich an den mas­siv­en Oberkör­p­er des Staats­gastes. „Ich weiß, Sie haben eine der stärk­sten Armeen. Unsere ist auch nicht ohne. Was wir aber wirk­lichen haben“, Hykel legte eine län­gere Kun­st­pause ein und blick­te dem Präsi­den­ten tief in die Augen, „ist Köpfchen. Der Geist ist unsere schärf­ste Waffe. Und wenn wir uns zusam­men­tun, prof­i­tieren alle davon. Wir haben eine Fir­ma, die kann Top-Fahrräder her­stellen. Mit Fün­f­gangschal­tung, Akku mit Ent­ladungss­chutz und das Unternehmen ist vol­lkom­men loy­al. Falls Sie Waf­fen­räder brauchen. Kein Prob­lem. Sie ver­ste­hen?“

„Ver­ste­he.“

„Mit denen sind Ihre Sol­dat­en in Nul­lkom­manix an jed­er Front.“

„Wir haben Trup­pen­trans­porter.“

„Kein Prob­lem. Nur wegen dem Kli­maziel. Sie wis­sen ja. Fahrver­bote und so weit­er.“

„Ver­ste­he.“

„Wir haben auch einen Getränke­hersteller. Ein wirk­lich­er Busi­ness­man. Der verkauft sog­ar Nord­ko­rea als Demokratie. Sie ver­ste­hen?“

„Ver­ste­he.“

„Der hat ein Getränk, da kannst du ums Ver­reck­en nicht mehr ein­schlafen. Wenn das ein Sol­dat trinkt, marschiert er die halbe Nacht.“

„Wir haben Amphet­a­mine.“

„Aber falls. Dann rufen sie ein­fach … alles klar?“

„Klar.“

„Eine Sache noch, hier, wo uns die Natur mit ihren reichen Gaben beschenkt …“, und tat­säch­lich, das Aben­drot legte sich auf die Hügel der Toskana Öster­re­ichs. „Da fühlen wir uns als Men­schen und als Poli­tik­er.“ Putin nick­te her­zlich und legte sog­ar seine Hand über Hykels Schul­ter. Hykels Hand tastete an Putins kon­turi­ertem Schul­terblatt ent­lang und ruhte an der sehni­gen Flanke seines Stier­nack­ens. „Wo war ich?“, hauchte Hykel und blinzelte in die Abend­sonne. „Bei den Men­schen“, assistierte Putin und knuffte Hykel sacht in die Rip­pen. „Ja natür­lich, und nicht nur bei denen, son­dern darauf auf­bauend bei Hegels Ver­hält­nis zwis­chen Natur, Men­schen und der Welt­geschichte, die ja unser bei­der eigen­stes Steck­enpferd ist.“ „Ich bin ganz Ohr“, erwiderte Putin und legte gespielt langsam die freie Hand an sein Kinn.

„Laut Hegel sind die Men­schen in der Welt­geschichte ja nur Werkzeuge“, begann Hykel.

„Zuvor müssen aber Naturbe­herrschung und ein all­ge­meines Ver­ständ­nis über Sit­tlichkeit gegeben sein, son­st klappts nicht“, unter­brach ihn Putin und tätschelte kurz Hykels Haupthaar.

„Ja, zur Sitte wollte ich auch lange, aber ich habe dann doch bemerkt, dass ich eher nicht so der Nacht­men­sch bin“, ver­lor Hykel den Faden und sich in Erin­nerun­gen und der Land­schaft.

„Zur Sache“, ermah­nte ihn Putin, „seit Breschnew haben wir noch einen demon­tierten Tief­bohrer rum­liegen, damit ihr die schö­nen Alpen erschließen kön­nt. Und da wir euch bei der Naturbe­herrschung helfen, kön­nt ihr uns sich­er bei der Durch­set­zung der Sit­tlichkeit helfen. Alles im Dien­ste der Welt­geschichte, ver­ste­ht sich“, schmun­zelte Putin ver­schmitzt.

„Die Welt­geschichte ist fall­weise ein gar rutschiges Par­kett, doch hier brauchts Charak­ter­stärke“, sin­nierte Hykel hal­blaut, während Putin seinen Griff etwas nachjustierte. Hykel sagte mit fes­ter Stimme: „Mir scheint, da haben sich in dieser Stern­stunde die Richti­gen gefun­den.“ Putins Hand, schw­er und schwielig wie die eines Eisen­erz­er Arbeit­ers, umschloss ganz fest die seinige. „Also von uns einen Top-Tief­bohrer mit­samt Bauan­leitung und im Gegen­zug diese Glack­pis­tolen, von denen keine Lade­hem­mungen bekan­nt sind. Natür­lich in dop­pel­ter Trup­pen­stärke. Gute Idee mit dem Hegel. Werde ich mir merken.“ Hykels Grin­sen schien fest­geschraubt und selb­st seine unstete Dialek­tik schien die Luft anzuhal­ten. Ver­weile doch, du bist so schön, dachte er zufrieden.