MALMOE

Nach Corona ist vor Corona

Ich treffe ungern Aussagen über die Zukunft. Das Gehirn liefert immer mehrere mögliche Zukünfte (das Vorhersagen der Zukunft ist eine seiner Hauptbeschäftigungen) und die wenigsten davon sehen irgendwie erfreulich aus, was für die meisten, wenn sie sie ausgebreitet bekommen, entmutigend wirkt. Nach hundert Jahren Konterrevolution sind das Scheitern, die Niederlage, die Minderheitenposition, das Nichtverstandenwerden, der Verlust längst die Normalität.

Gerade wenn der Drang nach einem klaren Weg in die Zukunft besonders groß ist, weil die Situation festgefahren und durchgedreht aussieht, sollte dem nicht nachgegeben werden – die Zukunft ist noch nicht geschrieben und die verschiedenen möglichen Szenarien hellen sich alle auf, wenn die Klasse besser organisiert ist, das heißt, es gibt so oder so nichts Besseres zu tun als das voranzubringen.

Vielleicht erleben wir gerade eine historische Katastrophe wie die, als die Europä*r nach Amerika kamen und die dortigen Gesellschaften von den mitgebrachten Krankheitserregern in Massen dahingerafft wurden. Vielleicht ist dieses Bild völlig daneben, weil die gesellschaftliche Organisation zur Pandemiebekämpfung auch der westlichen Welt bekannt und möglich ist, weil wir es nicht mit einem Immunitätsproblem zu tun haben und weil hinter der Rede von den europäischen Krankheiten häufig die europäischen Verbrechen versteckt werden. Vielleicht kommt der Virus auch gar nicht aus Asien, sondern wurde dort nur als erstes registriert. Vielleicht werden jetzt ganz schnell alle geimpft und nächstes Jahr haben wir schon ein ganz anderes apokalyptisches Problem – oder einfach wieder die gleichen apokalyptischen Probleme, die schon vorher nicht gelöst waren. Vielleicht dauert der Rollout der Impfstoffe und Medikamente Jahre, erreicht viele gar nicht, wird von anderen massenhaft verweigert, und größere Teile der Menschheit bleiben auf lange Zeit in einer lebensgefährlich verseuchten Welt gefangen.

Die Situation kann in die verschiedensten Richtungen weiter- oder nach hinten losgehen, die Entwicklung der Kräfteverhältnisse ist sehr schlecht vorherzusagen. Das bisherige Versagen der meisten neoliberal dominierten Staaten im Angesicht der Pandemie könnte den Sozialismus boosten – oder gerade diejenigen, die gestützt auf Kapital und Staatsgewalt ihre Verantwortung für die Leichenberge auf die anderen abwälzen: wenigstens Gulag verhindert!

All das ändert wie gesagt nichts daran, was es zu tun gibt: Kämpfe im Interesse der Arbeitskräfte (lies: alle, die für den Lebensunterhalt nichts als ihre Arbeitskraft zu verkaufen haben, egal wie gut oder ob ihnen das überhaupt gelingt) unterstützen, sichtbar machen, verbinden – das bleibt immer so, bis es irgendwann geschafft ist und alle kriegen, was sie brauchen. 2019 waren so viele Kämpfe aufgeblüht und hatten sich zaghaft zu verbinden begonnen: Fridays For Future, Gilets Jaunes, Massenstreiks in Indien, generell viel mehr Streiks, Frauenrechtsbewegung, Chile und vieles mehr. Und trotz Pandemie auch 2020: USA, Polen, Peru, Indien again…

Die Weltrevolution beginnt vor der eigenen Tür, in Betrieb und Küche vor der Nase, sie beginnt jeden Tag damit, sich auf der Grundlage der geteilten Interessen zu organisieren, die ganzen Ausreden und tausend kleinen Ideologeme aufzuknacken, sich nicht auf die falschen Hälften des ideologischen Diskurses einzulassen, stattdessen die eigene Lage und die eigenen Handlungsmöglichkeiten zu erkennen und zu verändern, um solidaritätsfähig zu werden und sich mit den anderen Kämpfen überhaupt sinnvoll verbinden zu können. Macht Alle Lieber Mal Österreich!