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Der Punkt ohne Wiederkehr

Soziale und politische Probleme werden durch die EURO zwar nicht erfunden, aber für ein größeres Publikum sichtbar gemacht.

Der Autor Serghyi Zadhan, Herausgeber und Autor der Essay-Sammlung „Totalny Futbol – eine polnisch-ukrainische Fussballreise“ (Suhrkamp Verlag) über die Ukraine im „EURO-Fieber“.

Ich habe begriffen, woran mich das heutige Charkiw 1 erinnert. An Moskau im Jahr 1980, die sowjetische Hauptstadt der damaligen Olympischen Spiele. Die gleiche Sauberkeit, die gleichen herausgeputzten, geleckten Straßen, die gleichen frisch gestrichenen Hausfassaden im Zentrum, die gleichen hergerichteten Sportanlagen. Die streunenden Hunde sind aus den Straßen verschwunden (trotz der vielen Protestaktionen in der Ukraine gegen die Tötung von Straßentieren aufgrund der Euro). Ich vermute, dass kurz vor der Euro ebenso die Alkoholiker_innen, Prostituierten und Obdachlosen aus der Stadt verschwinden werden. Und die Machthabenden, so denke ich, würden mit Vergnügen auch jene aus dem Stadtbild entfernen, die mit der Europameisterschaft unzufrieden sind – dorthin, wo sie Tourist_innen nicht sehen können. Dann müsste man allerdings aber die halbe Stadt hinausbefördern. Und deswegen beschränkt man sich wahrscheinlich auf kleinere Aktionen und begnügt sich damit, den Menschen erneut Sand in die Augen zu streuen. Natürlich gefällt es mir, dass die Charkiwer Behörden endlich die Straßen reinigen lassen, dass wir jetzt einen neuen Flughafen und ein renoviertes Stadion haben und dass heute haufenweise westliche Journalist_innen in die Ukraine kommen, die sich dafür interessieren, was hier vor sich geht. Natürlich gäbe es das alles ohne die Euro nicht. Und klar ist die Euro ein großes Fest für die, die Fußball lieben. Aber ist dieses Fest alle Aufwendungen wert, die für es erbracht werden? Ehrlich gesagt, ich bin unsicher.

Wir waren alle euphorisch, als wir erfahren haben, dass wir das Gastgeberland für die Europameisterschaft sein werden. Und wenn es schon allein nicht sein soll, dann halt gemeinsam mit Polen. Damals, im Frühling 2007, hatte die ukrainische Gesellschaft noch nicht ganz ihren Optimismus verloren und die zukünftige Euro wurde als ein wirklicher Durchbruch gesehen. Im Grunde hätte sie das auch sein sollen. Aber Fußball ist keine Sache, die einfach für sich und losgelöst von allem anderen besteht. Im Grunde genommen ist Fußball ein Modell für das gesellschaftliche, politische und ökonomische Leben, nur im Kleinformat. Deswegen konnte es gar nicht anders sein, als dass alle Probleme, die die Ukraine in den letzten fünf Jahren hatte, auch bei den Vorbereitungen der Euro auftauchten: die Unfähigkeit der früheren „orangenen“ Machthabenden 2, schwierige strategische Aufgaben zu bewältigen; die wachsende politische Unordnung im Land; die Wirtschaftskrise; der Regimewechsel; die Beschneidung der Demokratie; die Neuaufteilung der Einflusssphären bei gleichzeitig anwachsender Korruption und Bestechlichkeit; die forcierten Vorbereitungen zur Europameisterschaft. Und was kam dabei raus? Fortwährende Apathie bei der Bevölkerung, wachsende Skepsis, eine steigende Zahl an Unzufriedenen. Wie man’s auch dreht, im Bewusstsein des einfachen Ukrainers ist die Euro mit dem Präsidententeam und den lokalen Behörden verbunden. Niemand hat besondere Illusionen darüber, wie genau staatliche Mittel für die Vorbereitungen zur Europameisterschaft eingesetzt werden und wer genau an der Europameisterschaft verdient.

Allen optimistischen Erklärungen des heutigen Regimes, dass die Euro eine Chance zur Verbesserung der Ukraine und zum Durchbruch nach Europa sei, glaubt man schon lange nicht mehr. Schon heute, zwei Monate vor der Euro, ist klar, dass das Ereignis für die Ukraine eine weitere vergebene Chance ist. Welchen Durchbruch kann man sich denn wirklich von einem Land erwarten, das von Oligarchengeldern abhängig ist und das sich durch ein derartiges Maß an Korrumpierbarkeit auszeichnet? Welche Möglichkeiten hat ein Land, in dem es politische Gefangene, wie z. B. die ehemalige Premierministerin Julija Timoschenko und den ehemaligen Innenminister Jurij Luzenko, gibt? Wie kann man in einem Land mit so einem hohen Ausmaß an sozialen Problemen und einer steigenden Zahl an Tuberkulose- und Aids-Kranken, von einem Fest des Sportes sprechen?

Wir alle sind Geisel der Europameisterschaft geworden – einerseits ist es verständlich, dass niemand, weder die Machthabenden noch die UEFA-Behörden, die Euro absagen würde: Zu viel Zeit, Kraft und Geld sind dafür aufgewandt worden, um jetzt plötzlich die Augen auf Probleme zu richten, die von Anfang an da waren. Andererseits ist es auch vollkommen klar, dass die Durchführung einer solchen Veranstaltung in der heutigen Ukraine ein zu großer Luxus ist und dass wir alle die Folgen dieser hastigen, nicht immer durchdachten und nicht immer berechtigten Bauten, Renovierungen, Initiativen und Erklärungen noch lange in unseren Geldbeuteln spüren werden. Im Großen und Ganzen hat sich die EURO 2012 in ein riesiges Problem verwandelt, das wir aus eigener Kraft werden lösen müssen – ohne Partizipation des „demokratischen Westens“. Das alles ist logisch – weiter oben habe ich geschrieben, dass Fussball immer nur gesellschaftliche Probleme widerspiegelt, ihnen Ausdruck verschafft und sie hervorhebt, sie aber nicht selbst hervorbringt.

Ich nehme an, dass die Euro der Punkt ohne Wiederkehr ist, mit dem der Wandel in unserem Land beginnt. Zumal alles darauf hinausläuft. Die Gesellschaft traut der Macht nicht, die Macht schottet sich von der Gesellschaft mit Polizeiaufgebot ab – früher oder später wird es zur Zuspitzung dieser Konfrontation kommen. An Fußball denkt man in solchen Situation als allerletztes. Die Euro 2012 wurde damit zu einem Indikator für die Wirksamkeit und Transparenz der öffentlichen und wirtschaftlichen Mechanismen, derer die Machthabenden sich bedienen. Wahrscheinlich hat deswegen die Europameisterschaft in unserem Land so viele Gegner_innen – wer will schon, dass der Präsident und seine Freund_innen auf Staatskosten ihre finanziellen Probleme lösen.

Aber dennoch kann ich sagen, dass mit der Euro alles in Ordnung gehen wird – neue Stadions, eine gute Stimmung auf den Tribünen, Kulturprogramm, saubere Straßen, freundliche Polizist_innen. Unser Land weiß, wie man Menschen Sand in die Augen streut, es bereitet sich gerade aktiv darauf vor. Unsere innenpolitischen Probleme werden die Fans, die zur Verstärkungen ihrer Mannschaften anreisen, nicht berühren. Für uns ist es nur ein Monat an Fußballspielen, mehr nicht. Im Juli ist alles schon wieder vorbei. Dann werden wir uns mit unseren Problemen zurechtfinden müssen, unsere Verluste zählen und den Sand aufkehren.

Übersetzung aus dem Russischen von Alena Pfoser

(1) Anm.: zweitgrößte Stadt der Ukraine

(2) Anm.: Orange ist die Farbe von Wiktor Juschtschenkos Parteibündnis. Wiktor Juschtschenko war von Januar 2005 bis Februar 2010 Präsident der Ukraine.

online seit 11.06.2012 14:23:00 (Printausgabe 59)
autorIn und feedback : Serghyi Zadhan


Links zum Artikel:
www.malmoe.org/artikel/regieren/2430Schwerpunkt: Nach der EM ist vor dem Euro?



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