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  Der Linienwall

Zwischen No Border-Protesten und Graffiti-Wall. Eine historische Rückschau auf den Vorläufer des Wiener Gürtels.

Dort, wo sich heute die Blechlawine rund um die Innenstadtbezirke wälzt, befand sich bis Ende des 19. Jahrhunderts eine verhasste Grenzanlage, deren Wiedererrichtung bislang nicht einmal die rührigsten Köpfe der Partei „DIE PARTEI“, noch die verbohrtesten österreichischen Innenminister_innen verlangten: Der Linienwall umschloss auf einer Strecke von mehr als 13 Kilometern fast zweihundert Jahre lang die Wiener Vorstädte von der Spittelau bis zum Erdberger Mais, ungefähr dem Verlauf des heutigen Gürtels folgend.

Für eine Befestigungsanlage war der Linienwall recht jungen Datums, da er erst ab dem Jahr 1704 errichtet wurde, zur Abwehr der so genannten Kuruzzen. Diese Bezeichnung wurde für jene aufständischen Ungar_innen verwendet, die es so gar nicht goutierten, nach dem Ende der Osmanischen Oberhoheit nunmehr von habsburgischer Soldateska beherrscht zu werden, einer Kriegsmeute, die im Jahr 1686 nach mehrwöchiger Belagerung von Ofen dessen Eroberung zu einem tausendfachen Massaker an der muslemischen und jüdischen Bevölkerung des heutigen Budapest genutzt hatte. Solcherlei katholische Leitkultur war nicht unbedingt im Sinne der Protestant_innen unter der ungarischen Bevölkerung, woraufhin über mehrere Jahrzehnte hindurch Rebellionen gegen die habsburgische Besatzungsmacht aufloderten, zuletzt im Jahr 1700. In der Folge drangen ungarische Aufständische immer wieder nach Niederösterreich vor, weswegen zum Schutz Wiens und seiner Vorstädte eine neue Befestigungsanlage geplant wurde, was noch beschleunigt wurde, als die Kuruzzen im März 1704 erneut vor Wien standen. Sie wurden zwar abgewehrt, der Bau des Linienwalls wurde nun aber endgültig in Angriff genommen.

Illegale Grenz­überschreitungen

Für die Planung zeichnete Hofmathematicus Johann Jakob Marinoni verantwortlich; bei der Ausführung mussten dann alle Bewohner_innen innerhalb der projektierten Linien mithelfen, explizit auch Adlige, Geistliche, Frauen und Fremde. Auch Kriegsgefangene wurden herangezogen, und tatsächlich, als im Juni 1704 die Kuruzzen wieder angriffen, konnte der Linienwall schon erfolgreich zur Verteidigung eingesetzt werden; bis er fertiggestellt wurde, sollten allerdings noch einige Jahre vergehen.
Ursprünglich handelte es sich nur um einen Erdwall mit Palisaden und einem Graben davor, später wurde er mit Ziegeln verkleidet und erhielt damit jenes Aussehen, das für Jahrzehnte hindurch Wien-Reisende als ersten Eindruck von der habsburgischen Metropole zu Gesicht bekamen. Knapp vier Meter hoch, ermöglichten zunächst neun, später doppelt so viele Tore ein legales Passieren der Linien. Lange Zeit wurden diese Tore des Nächtens geschlossen, es gab aber nicht wenige findige Stadtbewohner_innen, die sich ihre eigenen, unbewachten Durchlässe schufen – keine Grenzen ohne illegale Möglichkeiten, sie zu überschreiten.

Pestprävention

Kontrollen an den Stadttoren dienten in der Frühen Neuzeit auch als Mittel der Seuchenbekämpfung, der Linienwall als der eigentlichen Stadtmauer vorgelagerte Grenze machte da keine Ausnahme: Im Pestjahr 1713 wurden bei seinen Toren schwarze Tafeln aufgestellt, die jene Orte verzeichneten, wo die Pest ausgebrochen war. Eigens abgestellte Contagions-Kommissare hatten nun die Reisegeschichten der Einlass begehrenden Personen zu überprüfen und all jenen die Passage zu verwehren, die aus verdächtigen Orten kamen. Nach der berüchtigten, die Monarchie vom Osmanischen Reich trennenden Militärgrenze, in deren Kontumazstationen Reisende, die die Habsburgermonarchie betreten wollten, zu Pestzeiten eine mehrwöchige Quarantäne über sich ergehen lassen mussten, war der Linienwall somit eine weitere Hürde für die bedrohliche Seuche, und darüber hinaus eine Schleusenstation, mit der die habsburgische Verwaltung Migration zu regeln versuchte.

Kriminelles Personal

Bewacht wurden der Linienwall und seine Tore zunächst durch Vorstadtbewohner, die allerdings selbst zu Raufhändel neigten. Später wurden Soldaten der so genannten Stadtguardia herangezogen, deren äußerst schlechte Bezahlung zur Folge hatte, dass sie in die Stadt kommende Händler zwangen, ihnen ihre Waren billig zu verkaufen, um diese dann selbst mit Gewinn weiter zu verhökern. Nach 1741 wurden invalide Soldaten aus dem Großen Armenhaus – dem heutigen Unicampus – eingesetzt, neben ihnen verrichteten Maut- und Zolleinnehmer ihre Dienste.

Umkämpfte Steuergrenze

Wichtiger als die militärische Bedeutung des Linienwalls war dessen Funktion als Einnahmequelle für verschiedene Behörden. So wurden an den Toren abgesehen von den obligaten Kapellen gleich drei verschiedene Gebäude errichtet, an denen jeweils unterschiedliche Abgaben zu berappen waren: Am Linienmauthaus etwa war eine Maut für Konsumgüter zu bezahlen, am Wegamt eine Gebühr für das Passieren des Tors und am Holzaufschlagamt schließlich ein Aufschlag für mitgeführtes Brennholz, letzterer wurde an das Große Armenhaus abgeliefert.

Diese Funktion des Linienwalls als Steuergrenze wurde auch im 19. Jahrhundert beibehalten. Die 1829 eingeführte „allgemeine Verzehrungssteuer“ war an den Linienämtern zu begleichen und sollte das soziale Gefälle zwischen den Vororten einerseits und den Vorstädten andererseits nur noch vertiefen: Die Lebenshaltungskosten innerhalb der Linien waren entscheidend teurer als außerhalb, der Preis mancher lebenswichtiger Konsumgüter stieg damals gar um ein Fünftel. Kein Wunder also, dass sich in Umgebung der Linientore, namentlich in Neulerchenfeld etliche Gasthäuser ansiedelten, in denen Speis und Trank billiger zu haben waren als in den Vorstädten, kein Wunder aber auch, dass diese zeitgenössisch als „Blutsteuer des Proletariers“ bezeichnete Abgabe und ihre baulichen Manifestationen auf Kritik und Widerstand stießen: Es war kein Einzelfall, als sich zu Weihnachten 1830 eine aufgebrachte Volksmenge am Neulerchenfelder Linientor gewaltsam Einlass verschaffte, ohne Steuern zu zahlen; schon wenige Monate zuvor war es dort zu einer mehrstündigen Revolte gekommen.

No Border-Proteste anno 1848

Die bedeutendsten Protestaktionen fanden an dieser Grenze im Revolutionsjahr 1848 statt: In dessen denkwürdigem März blieb es nicht bei zerborstenen Fensterscheiben und bespuckten Finanzwachebeamten, die Mariahilfer Linie etwa wurde gänzlich zerstört. Die Öffnung der verhassten Grenze wurde als kollektives Fest begangen, die Güter strömten fortan unversteuert in die Stadt und die Regierung sah sich gezwungen, mit Steuersenkungen zu reagieren. Manche dieser Errungenschaften – namentlich die Steuerfreiheit für Kartoffeln und Milch – blieben auch nach dem Sieg der Konterrevolution erhalten, der Linienwall selbst allerdings wurde noch nicht abgerissen und somit können sich Konsumhistoriker_innen bis heute über fast das gesamte 19. Jahrhundert umfassende Datenreihen für in die Stadt eingeführte Waren freuen; auch sie müssen allerdings zugestehen, dass jene Güter, die in nicht unbeträchtlichen Ausmaß über die Linien geschmuggelt wurden, von all ihren schönen Tabellen nicht erfasst werden.

Ein Ende als Graffiti-Wall

Der Linienwall sollte auch nach dem relativ spät erfolgten Abriss der Stadtmauern ab 1858 noch erhalten bleiben und seine Trennungswirkung wirkt bis heute fort, da die ab 1842 errichteten Bahnhöfe – Süd-, Ost und Westbahnhof – vor ihm Halt machten. Als 1890/92 die Vororte zu Wien eingemeindet wurden, verlor der Linienwall endgültig seine Funktion als Steuergrenze, da die Steuereinhebung fortan (und bis 1921!) an den neu errichteten Linienämtern an der nunmehrigen Stadtgrenze erfolgte; das endgültige Aus erfolgte 1893, als die Abtragung des nutzlos gewordenen Bauwerks beschlossen wurde. Binnen fünf Jahren verschwand der Linienwall, die Zeit des Gürtels konnte beginnen. Nur an wenigen Stellen blieben bis heute sichtbare Überreste der einst so mächtigen Anlage erhalten, so an der Schnellbahnstrecke zwischen den Stationen Quartier Belvedere und Landstraße – es handelt sich um die graffitiverzierte, stadteinwärts gelegene Ziegelmauer –, weiters im Innenhof des Hauses Weyringer­gasse 13 sowie am so genannten, auch als Stadtwildnis bezeichneten Donauprallhang in Wien-Erdberg. Letztere Mauer soll allerdings erst im 19. Jahrhundert errichtet worden sein.

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online seit 16.06.2016 08:46:47 (Printausgabe 75)
autorIn und feedback : Anton Tantner




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