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Gelb und/in China

MALMOE-Farbenlehre Gelb VII

ICH HABE NIE VERSTANDEN, WARUM MENSCHEN AUS CHINA nach westlichen Darstellungen „gelb“ sein sollen. Löwenzahn ist gelb. Und billiges Vanilleeis (obwohl Vanille schwarz ist!). Aber Chines_innen? Die „gelbe Gefahr“? Eine weitere Farbe im Spektrum an rassistischen Farbenmetaphern, die im späten 19. Jahrhundert von den westlichen Kolonialmächten eingeführt wurde und bis heute Verwendung findet.

In China steht Gelb nach der traditionellen 5-Elemente-Lehre zunächst für das Element Erde. Der lebensspendende Huang He, der „Gelbe Fluss“, wird als die Wiege der chinesischen Zivilisation bezeichnet. Darüber hinaus ist Gelb die Farbe des Kaisers. Der legendäre erste Kaiser Chinas, Huang Di, der „Gelbe Kaiser“, ließ sich vor ca. 5000 Jahren mit einer Armee von Terrakotta-Kriegern begraben. Gelb war lange Zeit für den Kaiser reserviert. Auch heute noch glänzen die gelben Dächer der Verbotenen Stadt in Beijing auffällig inmitten der verwinkelten graubeziegelten Hutongs, den kleinen Gassen der Altstadt, oder was davon noch übrig ist. Kein Gebäude durfte den Kaiserpalast in der Höhe überragen. Aber mehr noch, die Verwendung von gelben Dachziegeln war einzig dem Kaiser vorbehalten.

GELB IST ABER AUCH DIE FARBE, IN DIE DIE WERKE Franz Kafkas gehüllt wurden, nachdem sie in den 1960er-Jahren, kurz vor der Kulturrevolution, erstmals ins Chinesische übersetzt worden waren. Gemäß Maos Strategie „Kenne deinen Feind“ wurden in den sogenannten „Büchern mit dem gelben Umschlag“ („huangpi shu“) negative Beispiele abgedruckt, in diesem Fall westlicher dekadenter Literatur. Tatsächlich wurde dieses „lehrreiche Lesematerial“, das eigentlich nur für den internen Gebrauch unter hochrangigen Parteikadern gedacht war, aber schnell in Umlauf gebracht und vor allem unter den städtischen Jugendlichen verteilt, die zur Umerziehung aufs Land geschickt worden waren. In kompletter Isolierung stellten die Bücher mit dem auffällig gelben Umschlag eines der wenigen literarischen Fenster zum Rest der Welt dar.

Heute wird Gelb auch im Zusammenhang mit anderweitig als problematisch erachtetem Lesematerial verwendet: Pornographie. Mit „huang shu“ (gelben Büchern) sind Bücher mit pornographischem Inhalt gemeint. Darüber hinaus gilt es, sich von „huang tu“ (gelben Bildern), „huang pian“ (gelben Filmen) und „huang wang“ (gelben Websites) fernzuhalten.

DIE BEDEUTUNG DER FARBE GELB („HUANG“) IN CHINA ist also sicherlich eine der spannendsten. Sie führt uns durch die turbulente Geschichte einer komplexen Gesellschaft, die in all ihren Versuchen, „Harmonie“ herzustellen, hauptsächlich von Zwiespältigkeiten geprägt ist. Während Gelb heute noch als Farbe des imperialen Chinas in diversen Eröffnungszeremonien sportlicher Großveranstaltungen bewusst eingesetzt wird, warnen Beratungsagenturen internationaler Firmen ausdrücklich davor, in ihren Infobroschüren Gelb zu verwenden, wenn sie in China erfolgreich Geschäfte machen wollen.

online seit 19.11.2013 09:37:53 (Printausgabe 64)
autorIn und feedback : Arnhilt Johanna Hoefle


Links zum Artikel:
malmoe.org/artikel/alltag/2677MALMOE-Farbenlehre Gelb VI



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