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Subversion! Subversiv?

Eine kleine Geschichte über Möglichkeiten und Unmöglichkeiten, über Transformationspotenziale und Etikett-Sackgassen

Subversion – das ist, was Christoph Schlingensief laut Medienberichten
mit seiner Operninszenierung bei den Wagner-Festspielen in Bayreuth versuchte. „Subversive Aktivitäten“ wirft der US-Verteidigungsminister Robert Gates dem Iran in Lateinamerika vor. Das Belvedere in Wien wiederum widmet sich in der aktuellen Ausstellung „Die Macht des Ornaments“ „der subversiven Sprache“ des Ornaments in der Kunst. Dies sind nur einige wenige Beispiele dafür, wie die Begriffe „Subversion“ und „subversiv“ in jüngster Zeit in den Medien transportiert werden: vielseitig, jedoch meist undefiniert.

KunstkritikerInnen etikettieren Kunstmanifestationen, die sie als radikal, provokativ und dabei meist auch als positiv bewerten, nach wie vor gerne als „subversiv“. In der „Theorieproduktionsmaschinerie“ jedoch herrschte in den letzten Jahrzehnten eher Subversions-Überdruss vor. Lange Zeit schien sich kaum jemand mit dem Begriff, „den inzwischen keiner mehr ohne Anführungszeichen ausspricht“, wie es Diedrich Diederichsen 1993 bezeichnete, beschäftigen zu wollen – weder als intentionale Handlung noch als „Philosophieren-Über“. Doch nun lässt sich unter anderem an einigen aktuellen Publikationen ablesen, dass „Subversion“ auf theoretischem wie auch aktivistischem Boden wieder an Interesse gewinnt. Anlass genug, nicht jener Schar an AutorInnen zu folgen, die „subversiv“ lediglich als Etikett verwenden und nicht näher darauf eingehen, was an dem so Etikettierten denn eigentlich subversiv sei, sondern sich dem Begriff „Subversion“ sowie einigen Definitionen und Konzepten neu anzunähern: Wie kann der Begriff der Subversion, der durch historische, gesellschaftliche, mediale Veränderungen und „Überanstrengung“ als Attribut einer Zuschreibung seine inhaltliche Entleerung erreicht hat, gegenwärtig noch eingesetzt werden?

Subversiv im Begriff

Der Begriff „Subversion“ geht auf das lateinische Wort subverto zurück, das „umkehren, umstürzen“ bedeutet. Während Subversion bei antiken Autoren und in der Bibel vor allem in Bezug auf Zerstörung verwendet wurde, erlangte das Wort zur Zeit der Französischen Revolution vermehrt die Bedeutung des „Untergrabens und Verderbens der herrschenden Sitten“ und die des Aufruhrs. Die Wurzeln des Begriffes im deutschen Sprachraum finden sich Anfang des 19. Jahrhunderts, wobei er hier Umstürzung und Umsturz bedeutete. Im deutschen Fremdwörter- Duden findet sich eine Definition, die Subversion als unterwandernde umstürzende Aktivität revolutionärer Gruppen beschreibt: „Subversion: meist im Verborgenen betriebene, auf den Umsturz der bestehenden staatlichen Ordnung zielende Tätigkeit. Subversiv: Subversion betreibend, umstürzlerisch.“

Damit wird die Subversion dem politischen Aktivismus zugeschrieben. Auf die Frage, wann, wie und warum es zu einer Ausweitung des Begriffes auf eine künstlerisch-intellektuelle Praxis kam, gibt es verschiedene Antworten. Eine lautet, dass Subversion als Begriff für eine intellektuelle und nicht revolutionärgewaltsame Handlung in den 1960er Jahren in Europa in Bezug auf politische Dissidenz, aber vor allem auch innerhalb des Kunstfeldes besondere Prominenz erlangte. Mit Subversion wurde damit ein Begriff zur Abgrenzung gegenüber physisch orientierteren bzw. gewaltsamen Formen von Widerstand formuliert. Aus dem vorwiegenden Gebrauch des Begriffes für eine aus dem Untergrund agierende revolutionäre Tätigkeit wurde eine Bezeichnung für eine intellektuelle, widerständige und häufig dem Feld der Kunst zugeschriebene Praxis.

Doch bedeutet dies, dass Subversion damit als Praxis der Kunst den KünstlerInnen vorbehalten bleibt? Mark Terkessidis definiert Subversion als eine politische Handlung innerhalb klar definierter Strukturen: „Subversion ist die Aktivität eines Schwächeren in einem Verhältnis, das geprägt ist von einem definierbaren politischen Raum, einer bestimmten Herrschaftspraxis, von stabilen Routinen und einem dominanten Kollektiv.“

Subversion in Transformation

Die Subversion zielt auf Transformation ab. Sie zielt, je nach dem Feld, in dem sie intendiert wird (politisches, künstlerisches etc.), auf die Veränderung der kulturellen und/oder der politischen Hegemonie ab. Zu diesem Zwecke müssen hegemoniale Normen und Diskurse erkannt werden, um sie schließlich umdrehen, untergraben, umstürzen, verschieben, sprich transformieren zu können. Subversion könnte sich auch zunächst nicht-offensichtlich als solche erkennbar in Wahrnehmungskonventionen einschleichen (z.B. wenn eine Praxis nicht sofort als Subversion wahrgenommen wird, sondern erst einige Zeit später ihre Wirkung entfaltet), muss aber schlussendlich zumindest verstörend, idealerweise transformierend wirken, um als Subversion zu gelten.

Subversion hängt sowohl untrennbar mit dem Kontext ihrer Produktion und ihrer Rezeption als auch mit einem zeitlichen Aspekt zusammen. Was im New Yorker Feld der Kunst in den 1960er Jahren oder aber von chinesischen Regierungsapparaten in den 2000er Jahren als subversiv verstanden wird, muss zu einer anderen Zeit, in einem anderen kulturellen Zusammenhang, an einem anderen Ort nicht so wahrgenommen werden. Weiters kann das Subversive nach einiger Zeit neue Bedeutungen annehmen, selbst hegemonial werden, in den Mainstream eingehen und zu einem kapitalistisch-verwertbaren Konsumartikel werden (Beispiele aus allerlei kulturellen Branchen ließen sich leicht finden – Stichwort Mode, Popmusik, Körperschmuck etc.).

Viele Subversionen finden jedoch in spezifischen und mehr oder weniger engen Räumen statt, ohne je in andere Räume überzugehen, wie z.B. im Fall von künstlerischen Manifestationen, die als subversiv gedacht sind und/oder als subversiv verstanden werden. Nicht selten benötigt es bestimmte Ressourcen, um künstlerische, intellektuelle, theoretische Formen von Subversion zu initiieren und zu rezipieren. Polemisch formuliert: Es gibt Formen der Subversion für Eingeweihte, in denen einige wenige die Ressourcen besitzen, die Subversion zu produzieren und zu erkennen. Dass damit Subversion auf problematische Weise zu einer „elitären“ Methode politischen Handelns gemacht wird, bleibt meist unreflektiert.

Subversion als Methode

Ohne hier ausführlich auf die vielen verschiedenen Methoden, die in Theorien zur Subversion unterschieden werden, eingehen zu können, sollen einige kurz angedeutet werden. In Bezug auf politischen Aktivismus wird der Subversion häufig die Rolle der strategischen Vorarbeit zum gewaltsamen bzw. revolutionären Umsturz zugeschrieben. Auch im Zusammenhang mit jenen politischen Aktivitäten, die zwar auf Veränderung, jedoch nicht auf einen physisch-gewaltsamen Umsturz aus sind, werden subversive Methoden meist als intellektuelle Produktion von Taktiken und Strategien definiert. So bezeichnet etwa Diedrich Diederichsen die Subversion als einen Unterbegriff der Dissidenz, nämlich als den „taktisch-strategischen Komplex“.

Subversion kann auch als Verschiebung von hegemonialen Normen und Codes verstanden werden. Diese Definition setzt auf Seite der AkteurInnen der Subversion einiges voraus. Die AkteurInnen müssen handlungsfähig sein, das heißt, sie müssen die Möglichkeit haben, eine subversive Aktivität setzen zu können. Außerdem müssen die AkteurInnen dazu fähig sein, (bewusst oder unbewusst) Normen und Diskurse zu erkennen, denn nur so können sie zu ihnen in Beziehung treten und diese verschieben.

Was heißt verschieben aber nun eigentlich? Verschiebungen stehen für jene Handlungen, die etwas aus ihrem gewöhnlichen Kontext in einen anderen „fremden“ Kontext übersetzen und dadurch Bedeutungen verwirren, verstören. Damit könnte „Verschieben“ auch das Potenzial der Sichtbarmachung zugeschrieben werden. Indem Normen affirmativ-überzeichnet oder unsinnig gemacht werden, kommen sie sichtbarer zu Tage – vor allem jene Normen, die im Alltag meist unreflektiert am Werke sind (z.B. binäre Geschlechterkonstruktionen und deren Konventionen). Auch durch Überidentifizierung können meist unreflektiert ablaufende Vorgänge von Normativität enthüllt werden, wie es etwa Judith Butler in Bezug auf das subversive Potenzial, das der Performativität von Geschlecht innewohnt, beschrieben hat. In diesem Sichtbarmachen steckt eine Stärke subversiv-affirmativer Methoden. Sie machen sichtbar, was sonst oft unsichtbar bleibt bzw. bleiben soll. Ein Beispiel für eine Form der Überidentifizierung wäre zum Beispiel, als AntifaschistIn einem Neonazi zu applaudieren. Inwieweit in diesem Fall aber die Subversion von Anderen als solche erkannt oder nur selbst so empfunden wird, ist vom Kontext abhängig und daher äußerst riskant – denn die AnwenderInnen der Methode der Überidentifizierung riskieren immer, als das wahrgenommen zu werden, was sie eigentlich subvertieren wollen.

Subversiversion des Alltags

Viele der AutorInnen, die sich mit Subversion beschäftigen, lassen in ihren Konzepten von Subversion AkteurInnen zielgerichtet und bewusst eine Aktivität planen und durchführen. Abgesehen davon, dass ein solches Konzept die Frage der Handlungsfähigkeit problematisieren sollte und meist vergessen wird, dass nicht alles, was als subversiv rezipiert wird, auch als Subversion beabsichtigt war, gibt es noch einen anderen Aspekt, der meist keine Erwähnung findet: dass mit den meisten Subversionskonzepten nicht „Praktiken des Alltags“ beschrieben werden.

Ohne sich stets der Bedeutung ihrer Handlungen bewusst zu sein, agieren Menschen im Alltag immer wieder widerständig und erfinderisch im Umgang mit Normen und Gesetzen. Ist es subversiv, bei Rot über die Straße zu gehen (dann wären z.B. fast alle FußgängerInnen in New York City und anderen Großstädten subversiv)? Ist es subversiv, aus Prinzip öffentliche Verkehrsmittel ohne Fahrschein zu benutzen? Sollten die kleinen, leisen Gesten, die nicht mit einem politischen System, einer Institution etc. auf Konfrontationskurs gehen, sondern mit denen sich die Individuen in ihrem (alltäglichen) Umfeld Normen widersetzen, die sie als einschränkend erfahren, auch als subversiv bezeichnet werden?

Ob man derartige Handlungen als subversiv bezeichnen möchte oder vielmehr als kleine Widerstandsaktionen im Alltäglichen – jegliche widerständige Handlung als subversiv zu bezeichnen, bedeutet, den Begriff völlig willkürlich zu verwenden. Dabei lässt sich die gegenwärtig verbreitete Skepsis gegenüber dem Begriff der Subversion vor allem auf seine inflationäre, unreflektierte, unbestimmte Verwendung, wie sie insbesondere in den Medien der Fall ist, zurückführen. Aber kann eine Theoretisierung des Begriffes der Subversion dieser Skepsis überhaupt entgegenwirken? Ist nicht alles schon gescheitert im Moment der Benennung?

Nicht erst in jüngster Zeit lassen sich vermehrt Stimmen finden, die Subversion als eine Form politischen Handelns in gegenwärtigen, demokratischen, hyperkapitalistischen Systemen für unmöglich erachten. Ist die Subversion im Zeitalter ihrer Unmöglichkeit angelangt? Wie soll noch subvertiert werden, wenn alles zum Markt, zur kapitalistischen Möglichkeit wird, die kapitalistischen Systeme Subversives produktiv integrieren? „Der Kapitalismus wurde zur subversiven Avantgarde seiner selbst“, wie es Andreas Zielcke neulich in der Süddeutschen Zeitung formulierte. Die Frage, inwiefern Subversion in den gegenwärtigen, hyperkapitalistischen Gesellschaften überhaupt (noch) möglich ist, muss wohl weiterhin offen bleiben, denn eine generelle Antwort lässt sich nicht finden.

Subversion!?

Ebenso ist es unmöglich, universell gültige Kriterien einzuführen, was als subversiv und was als nicht-subversiv zu bezeichnen ist. Subversion und Subversivität sowie auch deren „Erfolg“ hängen von Fall zu Fall von unterschiedlichen Kriterien ab. Gerade auf Grund des heute häufig geäußerten Zweifels an der Möglichkeit von Subversion und der Tatsache, dass der Begriff der Subversion überwiegend als sinnentleertes Etikett eingesetzt wird, erscheint es jedoch umso notwendiger, den Unterschied von intentionaler Subversionsproduktion und Subversivität als Attribut der Zuschreibung stets mitzubedenken.

Subversion und Subversivität in Frage zu stellen bedeutet in gewisser Weise auch, nach wie vor an der Möglichkeit von Subversion festzuhalten, jedoch der Gefahren einer sinnentleerten Verwendung gewahr zu sein. Es erscheint nicht sinnvoll, den Begriff der Subversion aus heutigen Debatten über politisches Handeln zu eliminieren, ihn als obsolet zu verdammen und lediglich für eine bestimmte historische Periode, nämlich die 1960er Jahre, zu verwenden. Warum sollte die Subversion aufs Abstellgleis der Geschichte gestellt werden, nur weil sich die Voraussetzungen für ihre Produktion geändert und erschwert haben? Sowohl bei der Verwendung des Begriffes als Zuschreibung als auch beim Versuch einer Subversionspraxis ist es jedoch notwendig, die aufgezeigten Problematiken zu reflektieren und den Begriff nicht leichtfertig, das heißt unbestimmt und mit Bedeutungsunschärfe einzusetzen. Es sollte möglich sein, der Subversion verschiedene, auch historisch bedingte Bedeutungen zuzuerkennen und an immer wieder anderen, neuen Bedeutungsmöglichkeiten zu arbeiten, ganz im Sinne einer fortwährenden Infragestellung von Begriffen, Bestimmungen, Methoden und Konzepten. Das „Projekt“ Subversion muss fortgeführt werden – denn die „Verstörung der Diskursmaschine“ muss weitergehen. Oder – um eine Aussage der USamerikanischen Ikone des zeitgenössischen Tanzes und des Experimentalfilms, Yvonne Rainer, über Utopie zu variieren: Subversion – „the more impossible it seems, the more necessary it becomes“.






Literatur:

Judith Butler: „Das Unbehagen der Geschlechter“, Suhrkamp, Frankfurt/Main 1991
Diedrich Diederichsen: „Subversion – Kalte Strategie und heiße Differenz“, in: Ders.: „Freiheit macht arm: das Leben nach Rock ‚n‘ Roll, 1990-93“, Kiepenheuer & Witsch, Köln 1993
Kurt Röttgers: „Subversion. I. Wortgeschichte“, in: Joachim Ritter, Karlfried Gründer, Gottfried Gabriel (Hg.): „Historisches Wörterbuch der Philosophie“, Bd. 2., Verlag, Basel 1971
Mark Terkessidis: „Karma Chamäleon. Unverbindliche Richtlinien für die Anwendung von subversiven Taktiken früher und heute“, in: Thomas Ernst, Patricia Gozalbez Cantó, Sebastian Richter, Nadja Sennewald,
Julia Tieke (Hg.Innen): „SUBversionen. Zum Verhältnis von Politik und Ästhetik in der Gegenwart“, transcript, Bielefeld 2008
Andreas Zielcke: „In den kulturellen Tiefen der Krise“, in: Süddeutsche Zeitung, 06.02.2009

Weitere Literatur zum Thema:

Johannes Agnoli: „Subversive Theorie. ‚Die Sache selbst‘ und ihre Geschichte“, VERLAG, Freiburg 1996
Inke Arns, Sylvia Sasse: „Subversive Affirmation. On Mimesis as Strategy of Resistance“, in: IRWIN (Hg.): „East Art Map. Contemporary Art and Eastern Europe“, VERLAG, London 2006
Luther Blissett, autonome a.f.r.i.k.a.-gruppe (Hg.): „Handbuch der Kommunikationsguerilla“,Hamburg 1997
Thomas Ernst: „Ein Gespenst geht um. Der Begriff der Subversion in der Gegenwart“ (2004), online unter
www.rebelart.net/source/subversion.pdf
Martin Hoffmann (Hg.): „SubversionsReader. Texte zur Politik & Kultur“, ID-Verlag, Berlin 1998



online seit 02.03.2009 11:41:15 (Printausgabe 45)
autorIn und feedback : Astrid Peterle


Links zum Artikel:
www.malmoe.org/artikel/top/1776MALMOE-Schwerpunkt "Subversion" in Heft 45



Wie vorher!

aus dem Diskursiv: Vom Leben mit Kindern
[05.10.2018,Monika Vykoukal]


Neiiiihhin!

aus dem Diskursiv:
Vom Leben mit Kindern [05.10.2018,Patrick Ward]


Er hat die Melone so gern

aus dem Diskursiv:
Vom Leben mit Kindern [05.10.2018,Benjamin Herr]


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