menueleiste1
home archiv suche messageboard abo hier gibts malmoe feedback alltag verdienen regieren widersprechen funktionieren tanzen erlebnispark
Let’s get queer

Queere Widerstandspolitik, Theatralität, radikale Demokratie

Die mittlerweile globalisierten Konzepte queerer Theorien und Praktiken produzieren eine Vielfalt von Geschlechtsidentitäten, die Kategorisierungen und Zuschreibungen aufdecken, um das repressive patriarchale und rassistische Geschlechtertheater der heterosexuellen Matrix mit radikaler Geste ad absurdum zu führen. Theatralität und radikal-demokratisches Handeln sind queerer Widerstandspolitik unmittelbar inhärent.

From Here To Queer

Inhaltlich wurde in den 90er Jahren der Diskurs einer feministischen „essentialistischen“ Position, die grundlegend von weiblicher Identität ausging, durch Konzepte performativer Subversion und der Inszeniertheit von Geschlechtsidentität infrage gestellt. So genannte „Queere“ Politik und ihre Aktionsformen etablierten sich in einer Zeit in der die verschiedenen Bewegungen des Feminismus in eine Krise geraten waren. Der konstruktivistische Ansatz von „Queerness“ führte Teile der Frauen-, Bi-, Lesben-, Schwulen-, Transgender- Bewegung zu verstärktem radikal-demokratischen Engagement, nachdem Feminismus und aktivistischer Widerstand seit den 70ern in gewissem Sinne out waren. Das Verhältnis zwischen Sexismus, Rassismus und Kapitalismus rückt dabei in den Vordergrund. „Queer- Politics“ und die damit verbundene Performativität sind wesentlich mit der Entwicklung von Metropolen verbunden, die als Orte der „Instanzierung und Infragestellung von Geschlechterordnungen“ umkämpfte Räume darstellen.

Globalisierte Metropolen, die im Wandel spätkapitalistischer Zeiten viele Strömungen absorbieren und ausdrücken, gaben den Rahmen für ein Zusammenkommen von unterschiedlichen minoritären Gruppen und deren Organisierung und Manifestation im öffentlichen Raum. Aber auch das globalisierte Medium des Internets trug dazu bei. Denn obwohl der durchschnittliche Internet-User noch immer ein weißer in den westlichen Staaten lebender Mann ist, ergriffen auch viele Frauen und MigrantInnen die Möglichkeit, sich im „grenzenlosen“ Internet zu vernetzen und ihre politischen Anliegen zu artikulieren. Frauenplattformen, Grrrl-Sites, popfeministische Zines, und andere queere Online-Treffpunkte finden sich zahlreich im Netz. Theatralische Aneignung des öffentlichen Raums ist dabei, wie Judith Butler betont, wesentlicher Teil der politischen Strategie der Queer-Bewegung: Travestie, Drag-Performances, cross-dressings, butch-femmes spectacles, „Kiss-ins“, Regenbogenparaden der schwul-lesbischen-, bi- und transgender Szene, öffentliche Aufführungen des Todes - sogenannte „die-ins“ – von AIDS-AktivistInnen signalisieren demnach die zunehmende Theatralisierung von politischer Wut; und diese „theatralische Wut“ ist Teil des Widerstands gegen verletzende Anfeindungen durch „ständige Wiederholung jener Verletzungen genau vermittels eines „Ausagierens“ (acting out)“. Butler definiert die subversive Zitierung als theatralische, insofern sie „die diskursive Konvention nachahmt und übertreibt, die sie zudem auch umkehrt.“

Öffentliche politische Strategien und Aktionsformen, wie Christopher Street Day, Dyke-March und Ladyfeste wurden zu internationalisierten Praktiken. Auf den globalen Demonstrationen am 8. März, dem Weltfrauentag, aber ebenso auf globalisierungskritischen Manifestationen sind in den letzten Jahren vermehrt queere Praktiken aufgetaucht, die sich von den klassischen Demonstrationssstrategien vieler in ihrem parodistischen Charakter unterscheiden. Vor allem der sogenannte „Pink-Silver Block“ ist mittlerweile fixer Bestandteil von Demonstrationen gegen Sexismus, Rassismus und Kapitalismus. Das Konzept von Pink-Silver liegt dabei sowohl in der Irritation von Geschlechterrollen als auch im Spaß am subversiven Tun gegen machohaftes Verhalten auf Demonstrationen. In der Queer-Politik wird das Theatralische dem Politischen nicht entgegengesetzt.

“There´S A Riot Going On”

Anfang der 90er Jahre entstand in den USA besonders über das Aktiv-Werden von Frauen in der subkulturellen Musikszene die feministisch-queere Riot- Grrrl-Bewegung. Unter anderem war das Anliegen, durch Frauensolidarität offensive Politik durch eigene „Fanzines“ und durch Gründungen von vielen Frauenbands (wie „Bikini Kill“, „Le Tigre“, u.a.) und Labels, der durchwegs männlichen und heterosexuellem Szene von Punk, Hardcore und Rock etwas entgegenzusetzen.

Das Aufbegehren der Riot Grrrls präsentierte sich vieler Orts in der Sprache und im Ausdruck subversiv und trotzig-offensiv, im Anspruch der Organisationsform radikal-demokratisch und nach dem DIY(Do it yourself)-Prinzip. Mit Themen wie Rassismus, Sex/Gender, Bündnispolitik, lesbischer oder transgender Liebe, Dekonstruktion von Geschlechtlichkeit, Frauenselbstverteidigung, Cybernetworking und über Subversionsformen und Rebellion setzte „Frau“ sich in Workshops und Fanzines intensiv auseinander.

„Ladyfest Rocks“

Im Jahr 2000 fand dann in Olympia / Washington das erste „Ladyfest“ statt, mit dem die Idee von Riot Grrrl fortgeführt wurde. Beide gehen unmittelbar aus der politischen Punkszene hervor, weshalb die anti-hierarchische Selbstermächtigung zum Tun und Organisieren vor allem als politischer Akt gesehen wird und nicht die Professionalisierung des Musizierens oder des Kunst-Machens. Den Begriff „Lady“ eignete „frau“ sich an, um nach der Direktheit des „Riot don´t diet Grrrls“, einen neuen subversiven Bezugspunkt zu schaffen, in dem die verschiedensten (Anti-) Identitäten zusammentreffen und gemeinsam basisdemokratisch aktiv sind. Seit 2000 gibt es bald über 100 „Ladyfeste“, vor allem in Europa und den USA, aber durch internationale Vernetzung bedingt, mittlerweile auch auf anderen Kontinenten. Jedes dieser Feste hat in den unterschiedlichen Städten einen eigenen Charakter in der politischen und kulturellen Artikulation. Die Heterogenität der Festivalprogramme basiert auf unterschiedlichen feministischen Ansätzen, von separatistischen, essentialistischen bis zu postfeministischen und eben queeren Praktiken. Prinzipiell ist der Anspruch der „ladyfeste“ unkommerziell, und das Reisegeld für internationale AkteurInnen wird durch Solidaritätsfeste und Kampagnen im Vorfeld finanziert. Abseits des Mainstreams zu agieren, aber gleichzeitig auch „öffentlich“ in Erscheinung treten zu wollen, verlangt viel Substanz und den Luxus unentgeltlichen Engagements in einer langen und auseinandersetzungsreichen Vorbereitungsphase.

Die Festivals werden ausschließlich von Frauen und Transgender organisiert. In Wien fand das erste „Ladyfest“ vom 10- 13.Juni 2004 statt. Den Abschluss des Festivals, das an verschiedenen nichtkommerziellen Orten der Stadt veranstaltet wurde, bildete der theatral-aktionistische „Vienna Dyke March 2004“, der sich als radikal politischere Antwort auf die in vielen Ländern kommerzialisierte Regenbogenparade zu internationalisieren begann. „For freedom of movement – for freedom of love“ war das Motto für die buntgemischte Demonstration von Frauen und Transgendern. Der Marsch mit Festcharakter endete im Zentrum vor der Kirche am Karlsplatz, deren Engelsstatuen an der Front mit „Dyke Deluxe“-Schildern dekoriert wurden. Dyke March is for everyone: „lesbians – dykes – bi-woman – boychicks – tomboys – grrrls – lesbian femmes and moms – butches – transwoman – androgs – queer – woman – gay girls – womanists – dykes on bykes – asian dykes – african lesbian – leather dykes – babydykes…and YOU!”




online seit 19.09.2006 10:54:13 (Printausgabe 34)
autorIn und feedback : Gini Müller


Links zum Artikel:
mitglied.lycos.de/Priscagrrl/links.htmLinks zu diversen Riot Grrrl-Gruppen
www.ladyfestwien.org



Becoming Digital 0x04

Unbequeme Disziplin?
[28.08.2017,Christoph Hoffmann]


Becoming Digital 0x03

Interpretation
[31.05.2017,Klaus Illmayer]


Becoming Digital 0x02

Digitalisierung
[31.05.2017,Klaus Illmayer]


die nächsten 3 Einträge ...
 
menueleiste2
impressum kontakt about malmoe newsletter links mediadaten