MALMOE

Zehn Platten zu Weihnachten

Zum mittlerweile dritten Mal präsentiert die Neigungsgruppe Musikkonsum der MALMOE ihre Alben des Jahres. Wie üblich mit viel Gitarre zwischen Folk, Punk und Noise, einer ordentlichen Portion Synthesizer, aber auch Ausflügen zu politischem Screamo, avantgardistischem Doom und Klassikern des Funk.

Big Thief – Capacity (Saddle Creek)

Pathos kann ein schöner Part von Trost sein. Big Thiefs zweites Album Capacity enthält davon mehr als das nur ein Jahr zuvor veröffentlichte Album Masterpiece, und es steht ihm gut. Die Erzählungen der Sängerin und Gitarristin Adrianne Lenker handeln von erlebten tragischen Momenten aber auch großer Liebe, Freiheit und Freundschaft. Nicht die Themen selbst, aber die poetische Sprache, Erzählweise und der Einsatz der Instrumente und Stimme machen die Stärke aus. Die Albumversion des Roadsongs Shark Smile mit dem improvisiert wirkendenden halbminütigen Intro enthält viele Elemente, die diese Musik ausmacht. Das Album ist wie eine Sammlung an wunderbaren Essays, deren einzelne Bilder ein großes Bild ergeben. Aus den vielen Momenten entsteht zuletzt ein wohliges Gefühl

Bruch – The Lottery (Cut Surface)

„I keep my head up“, singt Bruch aka Philipp Hanich mit tiefer Stimme im melancholisch-schönen Titeltrack The Lottery, und so liegen auf diesem Album das Traurige und der Trost stets nahe beieinander. Bruch tritt mal solo, mal in einer variablen All-Star-Band-Besetzung aus der Cut Surface Label-Familie auf. Diese Vielschichtigkeit der Live-Inkarnationen schlägt sich auch auf Platte nieder, da finden sich düstere Elektronik und krachiger Synthiepop im Mix mit Surf und Garagenrock. Maximal schwermütig wird es mit To My Sanity, ein in schweren Samt gehüllter Schlager für das Tanzcafé. Wie schon auf dem letzten Album mit Take Me Home Vienna – eigentlich heimliche Hymnen für die „tote Stadt“. Wegen des späten Releasedatums wie wohl von einigen voreiligen Best-Of-Listen 2016 auch von MALMOE übergangen, sei diese Empfehlung hiermit nachgeholt.

Chelsea Wolfe – Hiss Spun (Sargent House)

An Chelsea Wolfes neuem Album schieden sich zuletzt die Geister. Hiss Spun marschiert den auf dem Vorgänger Abyss eingeschlagenen Weg festen Schrittes weiter. Wieder geht es sehr düster, teilweise brachial zu. Aber an manchen Stellen wirkt das 2017er-Werk etwas weniger ausgetüftelt, kommt dafür mehr mit dem Vorschlaghammer daher. Also zugegeben: An Abyss reicht Hiss Spun nicht ganz heran. Und überzeugt dennoch auf voller Linie. Im Zentrum stehen klarerweise wieder Wolfes hypnotischer bis stürmischer Gesang und dicke Gitarrenbretter mit reichlich Distortion. Wolfe erschafft eine betörende Atmosphäre zwischen Post-Rock und Doom-Metal, die vollends mitreißt, auch wenn den Körper in der einen oder anderen Passage ein banges Zucken durchfahren mag. Herausragend ist vor allem der Mittelteil (The CullingParticle FluxTwin Fawn), der bei entsprechender Lautstärke ein Gefühl auslöst, als kauere man auf allen Vieren auf einem fliegenden Teppich, der knapp über tobende Gewitterwolken zischt.

Escape-ism – Introduction to Escape-ism (Merge Records)

Im Juni 2016 ist Alan Vega, legendärer Sänger des New Yorker Duos Suicide, von uns gegangen. Etwa ein Jahr später bemüht sich ein 49-jähriger Herr namens Ian Svenonius den Sound von Vega bzw. Suicide wieder auferstehen zu lassen. Jetzt mag man sagen, schon wieder so ein „Retromania“-Ding. Aber Svenonius, der nebenbei noch Buchautor und Filmemacher ist und in den letzten Jahrzehnten in verschiedenen Bandprojekten (u.a. The Nation of Ulysses oder The Make-Up) involviert war, liefert die stimmige Verknüpfung von New Wave und No Wave einfach zu perfekt ab. Der Übermacht der Ismen dieser Welt setzt Svenonius, ausgerüstet mit Drum-Computer und Gitarre, einen smoothen „Escap-ism“ entgegen, der einerseits für eine ausschließlich mit Strobo illuminierte Kleinbühne eines Hinterzimmerclubs erschaffen scheint (Iron Curtain, Lonely at the Top), andererseits auch als Abgangssong der Hauptfigur in einem Coen-Brothers-Film funktionieren könnte (The Stars Get in the Way, Rome Wasn’t Burnt in a Day).

Funkadelic – Reworked by ­Detroiters (Ace Records)

Menschen, die es lieben neben der Tanzfläche zu stehen und rhythmisch zu klatschen, bekommen mit dem neuen Funkadelic-Sampler genau das richtige für ihre schweißtreibende Freizeitbeschäftigung. Nun soll sich in breiten Teilen der Bevölkerung rumgesprochen haben, dass Disko tot sei und Funk bereits schlecht rieche. Bootsy Colins allerdings, dem legendären Funkadelic-Bassist hat das niemand gesagt, der hat nämlich gerade wieder eine recht brauchbare neue Scheibe – darf man sagen – auf die Tanzfläche geworfen (World Wide Funk). Auch wer seine schweren Plateauschuhe heute nur mehr zum Nüsseknacken benutzt, wird trotzdem einräumen müssen, dass Funkadelic eine Liga für sich ist und auf dieser Scheibe finden sich kaum aushaltbar ausgefeilte Beats, ein Groove zum Spiritus entzünden und Sounds, die vermuten lassen, gleich würde George Clinton seinen gewöhnungsbedürftigen Kopfschmuck aus der Stereobox schieben. Funkadelic/Parliament war immer mehr als funkiger Tanzanreiz, es war ein Werkzeug zum zeitweiligen Abschrauben der Schädeldecke. Der Sampler würdigt dies formschön.

Kelly Lee Owens – Kelly Lee Owens (Smalltown Supersound / Rough Trade)

Die 28-jährige Londonerin macht Electro-Mischmasch im besten Sinne, d.h. nicht abgedroschen und stumpf, nicht vollkommen abstrahiert oder überdreht, aber trotzdem konsequent untauglich für die „Best Electronic Dance Hits“-Werbung bei Spotify. Kelly Lee Owens spielte früher in Indie Rock Bands, diese musikalische Grundierung ist auf ihrem Debütalbums teilweise noch erkennbar, wenn die Grenzen zwischen Popsongstrukturen und Ambient Techno verschwimmen. Ansonsten sind die Einflüsse weit verzweigt: von Neuer Musik über New Wave bis zu Glitch – man kann sich lange in diesen Hybrid reinwühlen und erfasst doch nicht gleich alles. Die Instrumentierung ist meist minimalistisch, die Vocals bleiben bei vielen Tracks tendenziell im Hintergrund; wenn Kelly Lee Owens ihre Stimme einsetzt, dann gerne, um ihren Stücken eine Dosis „dreaminess“ zu injizieren.

Priests – Nothing Feels ­Natural  (Sister Polygon Records)

An dieser Stelle ein knappes Rennen zwischen den beiden Polit-Punk-Feuerwerken, den Priests aus Washington D. C. und den Downtown Boys aus Providence – hiermit seien sie euch einfach beide wärmstens ans Herz gelegt. Was die beiden Bands – neben so manchem gemeinsamen Termin im Tourkalender – verbindet, sind starke Lyrics und der gelegentliche Saxofon-Einsatz (das Punk-Instrument der Stunde!). Mit ihrem, auf dem eigenen Label verlegten Debütalbum Nothing Feels Natural klingen die Priests poppiger und abwechslungsreicher als zuvor und wecken Assoziationen mit frühen 2000er Indie-Rock-Acts wie Pretty Girls Make Graves oder The Long Blondes. Extra-Punkte gibt’s fürs Power-Piano auf JJ und die funky 80er Jahre New Wave Einschläge.

Шaпκa (Schapka) – мы пропагaнда – Wir sind Propaganda (Unrecords)

Die zehn hingeknallten Stücke auf Schapkas erstem Album zeigen: Eines ist Schapka ganz bestimmt nicht: erwartbar. Weder musikalisch noch textlich halten sich die Songs an Genre- und Stilgrenzen und das ist deswegen so schön, weil es so viel möglich macht, immer wieder überraschen kann und – wie auch die sehr empfehlenswerten Live-Auftritte der Band – der Zuhörerin sehr viel Vergnügen bereitet. Die im Albumtitel genannte Propaganda kann eine auch verstehen als selbstironische Referenz an die bisweilen zu den schönsten Parolen gerinnenden Texte, die so vielfältige Themen anschneiden wie Sexarbeit, das Liebesleben einer Waschmaschine, Feminismus- und Queerness-Konzepte, das Squirten und Flirten, Gratis-Wohnen, die Fehleranfälligkeit von Sexspielzeugen und nicht zuletzt den Fahrschul-Alltag: „Goa Goa LSD – ich beiß mir in den großen Zeh!“

Varicella Zoster / unable to fully embrace this happiness – schlagzeilen vom rande der erkennbaren wirklichkeit (Split LP)

Frage: Gibt es noch klassischen Screamo in Schwaboland? Antwort: Ja. Varicella Zoster aus Graz und UTFETH aus Koroška liefern den Beleg in Form einer umwerfend emotionalen Split LP. Gespielt wird auf 140+ Bpm, geschrien auf allen Frequenzen des menschlichen Stimmorgans, voller Authentizität und ganz frei von den Einfältigkeiten moderner XY-Postcore-Bands. Es schmerzt dabei nicht nur die Kehle, sondern auch das Lyrische, das den Weg durch diese zu kratzen weiß: „das fremde ist dir nur lieb wenn es unter dir liegt, kriecht, kniet.“ Das Ergebnis ist ein hochpolitisches wie liebevolles DIY-Release, produziert in kompromissloser Wuchtigkeit. Bis dato keine Labels und demgemäß keine physische Veröffentlichung – nur zwei Bandcamp-Links, welche Freund_innen der Schreimusik dringend abrufen sollten: varicellazoster.bandcamp.com und utfeth.bandcamp.com

Steven Wilson – To the Bone (Caroline International)

Das Problem mit der Programmmusik ist neben den drei aufeinanderfolgenden „m“, die nie gänzlich überzeugende Illustration von Empfindung durch Tongestaltung. „Ich bin so trauhauhaurig“ – abfallende Tonfolge. Diese Nebenlinie der Hochkunstmusik wurde in die populäre Musik durch etwas eingeführt, was sich Art-Rock nennt oder schimpft. Genesis, Yes, ELP etc. Musik von Hobbits für Hobbits und wir denken gleich mal „wäh“. Der ganze formale, effekthascherische Aufwand für was eigentlich? Soll uns das prätentiöse Zeug zum Nachdenken oder Träumen bringen? Eher nicht. Nun ist aber bald Weihnachten und nachdem die meisten Art-Rocker längst nach Mittelerde gezogen sind, geben wir dem für seine Musik viel zu jungen Steven Wilson und seiner neuen Platte eine Chance und sagen uns: Ja, er macht das alles sehr schön. Schreiben, musizieren, arrangieren und singen. Und er hat auf seine etwas popelig-pathetische Art-Rock-Art vollkommen Recht, wenn er in seinem Song Refuge singt: „My dear wife/ And my children of God/ The borders were already drawn for us/ Hold on to life in this refuge of dirt“. Trotz dieser todtraurigen Wahrheit zeigt sich, wie einem warm ums Herz werden kann, sobald ein Antifaschist seine Stimme erhebt und sei es auch eine etwas kitschnudelige.