MALMOE

Ein Einbruch und der Gummibaum Lusi

Für die MALMOE-Literaturseite schreiben Katharina Pressl und Marie Luise Lehner über das Wohnen, manchmal hochpolitisch oder eindringlich, manchmal humorvoll oder seicht. Dieses Mal behandeln die Texte das Statussymbol Topfpflanze und Befindlichkeiten sowie die Aussicht durch den Türspion.

Folge 2: Ein Einbruch und der Gummibaum Lusi

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Topfpflanzengemeinschaft Glückseligkeit

Der Gummibaum Lusi brüllte quer durch den Raum: „Jetzt stell dich doch nicht so an!“ Die restlichen Topfpflanzen hielten in ihren Tätigkeiten inne und schauten teils verdutzt, teils geschockt auf. Manche waren den Zwist zwischen Lusi und dem Pfeilblatt Miss Alocasia, an das der aufgebrachte Ruf gerichtet war, bereits gewohnt. Die Pilea Pam zuckte nicht einmal mit den Schultern, meinte nur: „Geh, kennst die Miss Alocasia ja eh, was regst dich denn auf!“ Lusi richtete ihre Blätter nach oben und machte eine bittende Bewegung Richtung Himmel, wohl um Gott anzuflehen, die anderen mögen endlich Einsicht zeigen, oder, wenn nicht die anderen, dann wenigstens die Pilea Pam.

Schließlich war sie derselben Überzeugung wie Gummibaum Lusi: Immer ging es nur um Alocasia, was Alocasia brauchte, was Alocasia gefiel und nicht gefiel, was sie tat und was sie sein lassen wollte. Und immer in einer dramatischen Form. Die Blätter verfärbten sich und fielen ab. Ging es ihr gut, erfuhren ebenso alle davon; sie presste ein neues Blatt oder eine Blüte hervor und es gab ein großes Tamtam, alle kamen, um sie zu bewundern ganz ungeachtet der Orchidee, die daneben seit Jänner durchgehend in mehreren Farben gleichzeitig blühte, ohne Mucks.

Die Pilea Pam hatte das Gehabe der Miss Alocasia zunächst lächerlich gefunden. Dann rügte sie sich selbst, dachte, wer war sie, um zu beurteilen, dass das ein Gehabe sei, dachte sich weiter, ganz in Ordnung sei das nicht, Miss Alocasia Miss Alocasia zu nennen, nur weil sie nicht verheimlichte, wenn es wo schmerzte, und dachte sich, einen kleinen Setzling könne man sich davon ja sehr wohl abschneiden, von der Idee, Unmut zu äußern und Sehnsucht nach einem besseren Zustand auszudrücken. Also nahm sich die Pilea Pam beim Kragen, redete der Miss Alocasia gut zu, richtete sich auf, um Schatten zu spenden und versuchte selbst recht prachtvoll auszusehen, damit der zuständige Mensch nicht den Mut verlor und sich weiter um die gesamte Topfpflanzengemeinschaft kümmerte.

Miss Alocasia klagte wieder und weiter, jammerte und schimpfte, laut und zu jeder Gelegenheit. Auch in einer für alle schwierigen Zeit, in der man aber besonders der Pilea Pam ansah, dass der für die Wasserzufuhr zuständige Mensch vorübergehend das Land verlassen hatte. Danach hörte Pilea Pam nicht unbedingt auf zuzuhören und war Miss Alocasia nicht böse, doch verlor sie ihre Leidenschaft in der Sache, mimte höchstens Verständnis oder widersprach ihr, sagte, um die Erdoberfläche geht es gar nicht, eigentlich brauchst du einen neuen Untergrund, während sie aus ihrer eigenen ausgetrockneten Erde Wasser zuzelte und ihre Blätter Richtung Sonnenlicht drehte.

Dieses Mal war es die Zugluft gewesen. Alocasia beschwerte sich über die offenen Fenster auf der gegenüberliegenden Seite des Raumes, wie jedes Mal, wenn jemand der Menschen das Ritual des Stoßlüftens beging. Gerade als Miss Alocasia wie tags zuvor in aller Deutlichkeit zu beschreiben begann, wo genau in ihren Adern dadurch ein kleiner Riss entstand, und als sie schon kurz davor war, ihre lilafarbene Blattunterseite lila-orange zu färben, was ein Zeichen war, die Ohren zuzuhalten, weil kurz daraufhin der zuständige Mensch kam und aufgebracht zwillte, schien alles auf einmal zu geschehen. Lusi rief: „Jetz stell dich nicht so an!“, Miss Alocasia rollte tief gekränkt ihre Blätter ein, Pilea Pam raunte ihre Wurschtigkeit hinüber und KLONK! dem zuständigen Menschen sprang, als er sich beim Anprobieren der neuen Jeans hinsetzte, der Hosenknopf derart explosiv vom Bund, dass er gegen die Fensterscheibe flog, dort einen Sprung im Glas hinterließ und im Topf der Drachenbaumfamilie Scherzmann zu liegen kam. Kurz war es still, bis Miss Alocasia in ihrer Blattrolle losprustete, die Orchidee ihr Gekicher mit der Hand verdeckte und der Gummibaum wackelte, sodass die Pilea Pam die Schwingungen bis in den Untertopf spürte. Die Topfpflanzengemeinschaft brummte noch länger mit einer Art Glückseligkeit vor sich hin, die sie erst bemerken würde, wenn sie wieder vergangen war. Aber so war das Leben als Topfpflanze – dachte die Pilea Pam noch beim Einschlafen – und da gehörten das Jammern, das Zureden, das Fehlen und das Haben, das Rufen und Raunen, das Kichern, der Unmut und die Sehnsucht nun einmal dazu.

Katharina Pressl

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Wie mein Vater den Einbruch in die Wohnung von Herrn Wratzeks Tochter beobachtet hat

Mein Vater fährt über die Oberfläche der Nachbarstür. „Normalerweise machen sie, bevor sie kommen, ein Kreuz“, sagt mein Vater. „Mit dem Schlüssel kratzen sie es in die Tür.“ Herr Wratzek steht neben ihm. Sein eigner Schlüssel baumelt an einem Ring, den er in der Hand hält. Woher mein Vater sich mit den Strategien von Einbrechern auskennt, weiß ich nicht, aber nach kurzem Suchen finden wir ein Kreuz, das jemand mit einem Schlüssel in die Wand geritzt hat. Ich bin erstaunt, dass es stimmt, und frage mich, ob mein Vater schauspielt und sich die Geschichte mit dem Kreuz ausgedacht, nachdem er es in die Wand geritzt gesehen hat.

Das war, als noch nicht Herr Wratzek selbst, sondern seine Tochter in der Nachbarswohnung wohnte. Das war, als mein Vater noch alleine in unserer Wohnung wohnte und ich nur als Gast regelmäßig zu Besuch kam. Zu dieser Zeit gab es einen Einbruch in der Nachbarswohnung. Die Nachbarswohnung liegt genau gegenüber von unserer Tür am anderen Ende des Ganges. Wenn man durch den Spion schaut, sieht man die Tür im Fischaugeneffekt mit einem Ausschnitt der Bodenfliesen und einem kleinen Stück Wand rundherum. Mein Vater hatte die Nachbarswohnung an Herrn Wratzek vermittelt, nachdem sie frei wurde. An die Nachbarn davor kann ich mich nicht erinnern. Woher genau mein Vater Herrn Wratzek kennt, weiß ich auch nicht, aber Herr Wratzek war immer – und ist bis heute – sehr präsent im Viertel. Überall, wenn man in der Gegend unseres Straßenzugs entlanggeht, steht Herr Wratzek an der Ecke, grinst schelmisch, winkt mit halb erhobener Hand. An seinem Zeigefinger hängt ein Ring, an dem einige Schlüssel baumeln. Wenn er mich sieht, erkundigt er sich nach meiner Gesundheit. Er sagt, „Alles gut!“, oder dass die Arbeit schwer ist. Damals, als noch mein Vater in der Wohnung gewohnt hat und Herr Wratzeks Tochter in der Nachbarwohnung, war Herr Wratzek Hausbesorger in einem der Nebenhäuser.

Stellen Sie sich also vor, der Spion sieht gerade hinüber, zur Tür von Herrn Wratzeks Tochter. Es ist Nachmittag, Herrn Wratzeks Tochter ist wie immer in der Arbeit, aber vor ihrer Tür steht ein junger Mann und klopft. Er klopft immer wieder und ruft etwas. Stellen Sie sich also vor, da steht ein junger Mann und klopft und ruft und mein Vater hört das und denkt sich, seltsam, weiß dieser Mann nicht, dass Herr Wratzeks Tochter um diese Zeit meistens nicht zuhause ist? So stehen sie in einer Reihe und sehen alle in die gleiche Richtung, die Richtung in der die Wohnung von Herr Wratzeks Tochter liegt. Ganz hinten mein Vater, davor der Spion, dann ein Stückchen Hausflur und ganz vorne der fremde Mensch, der schon wieder zu rufen begonnen hat und mit den Fäusten gegen die verschlossene Tür hämmert. Die Sprache könnte Serbokroatisch sein und mein Vater denkt, vielleicht ist es ein Liebhaber von Herrn Wratzeks Tochter. Serbokroatisch spricht sie genauso fließend wie Deutsch. Es könnte aber genauso ein Cousin sein. Ihr Bruder ist es nicht, das ist eindeutig, dem Bruder gehen nämlich hinten schon die Haare aus, und dieser Mann hat dichtes Haar am Hinterkopf. Nachdem sie ein Weilchen hintereinandergestanden haben, entscheidet sich der Liebhaber oder Cousin, auf jeden Fall auffällig laute Mann anders, dreht um und geht auf meinen Vater zu. Er sieht ihn an, der Mann sieht zurück. Knapp vor meinem Vater, der sich nicht bewegt und natürlich auch kurz aufhört zu atmen, biegt der junge Mann nach links ab und geht die Stiegen hinunter. Mein Vater hört zuerst die Schritte, die die Treppe hinuntergehen, die Fußspitzen voraus, danach ist erst die Ferse auf den massiv und dumpf klingenden Stufen aus Stein zu hören. Später gehen Füße über die hohl klingenden Fliesen im Erdgeschoss und auf einmal ist es aus mit den Klängen. Es fehlt ein Geräusch – das Geräusch der Haustür, die weder beim Aufgehen quietscht noch langsam ins Schloss fällt. Damals wäre sie noch schneller zugefallen als heute nach der Renovierung der Tür. Aber sie fällt nicht und wieder hält mein Vater kurz den Atem an und hört in das Haus hinein. Nachdem es kurz still gewesen ist, steigen, langsam und viel vorsichtiger als vorher, vier Füße die Steintreppen hinauf. Sie treten nur mit den Fußspitzen auf die Steinstufen, kurz und nah an der Kante. Mein Vater sieht durch den Spion zwei Rücken auf die Tür von Herrn Wratzeks Tochter zugehen. Mit wenigen Handgriffen öffnet der eine schnell und ohne viel Krawall zu machen die Tür von Herrn Wratzeks Tochter. Was er dazu benutzt, ist nicht gut zu erkennen. Die beiden Männer verschwinden in der Wohnung und schließen die Tür hinter sich.

Mein Vater sagt später, dass er verwundert war, wie schnell die beiden Beamten im Gang gestanden sind, nachdem er sie gerufen hatte. Sie waren schon da, als die beiden Männer die Wohnung wieder verließen. Mein Vater sagt, sie hätten ihm ein wenig leidgetan, eine Verhaftung, hätte er ihnen gerne erspart, sie hätten kaum etwas Wertvolles bei sich gehabt. Einen Laptop, eine analoge Kamera und nur vierzig Euro Bargeld, die sie in der Wohnung der Tochter finden konnten. „Natürlich“, sagt mein Vater, wäre es gut gewesen, wegen der Daten auf dem Laptop, die Herrn Wratzeks Tochter vielleicht nirgendwo anders gespeichert habe und auch ein neues Gerät sei eine Investition, aber im Großen und Ganzen, hätte sich der Einbruch in keinem Fall gelohnt.

Herr Wratzek streicht über die Oberfläche der Wand, in die das Kreuz geritzt wurde. Nickt anerkennend. „Ja“, sagt er. Er wendet sich meinem Vater zu. „Danke“, sagt er. Zum Abschied winkt er mit halb erhobener Hand, lächelt verschmitzt und schließt dann die Tür am anderen Ende des Ganges mit leisem Geklimper von den Schlüsseln an seinem Ring auf und lässt sie dann mit einem Knall hinter sich ins Schloss fallen.

Marie Luise Lehner