MALMOE

Nach­rich­ten aus dem beschä­dig­ten All­tag (#12)

Aller­hei­li­gen

Öster­reich, am Land, am ers­ten Novem­ber. Das ganze Dorf ist mit Autos zuge­parkt und Mas­sen tum­meln sich auf dem Fried­hof, um jener zu geden­ken, die den letz­ten gro­ßen Schritt bereits voll­bracht haben. Über die Grä­ber hat sich ein Lich­ter­meer aus Ker­zen ergos­sen. Jede Fami­lie scheint sorg­sam bedacht, die Grab­plat­ten hell erstrah­len zu las­sen. Eine gewisse Lust am Gedenk­wett­be­werb kann erahnt wer­den. Nach Ein­bruch der Dun­kel­heit sehen die letz­ten Ruhe­stät­ten präch­tig im Ker­zen­schein aus, zu schade, dass die Haupt­per­so­nen dies nicht mehr sehen kön­nen. Wäh­rend die her­bei­ge­reis­ten Fami­li­en­mit­glie­der sich zu den Kom­post­plät­zen ihrer Lie­ben grup­pie­ren, kramt der Pfar­rer die eigens vor­be­rei­tete Rede her­aus, die über eine makel­los beschal­lende PA-Anlage den letz­ten Win­kel des Toten­ackers erreicht. Dann stapft er los und bespren­kelt die Grä­ber mit Weih­was­ser. Detail: Die Hand des Pries­ters ist mit Mull und Pflas­tern ver­bun­den, hin­ter­lässt die­ses beson­dere Was­ser bei man­chen Ver­bren­nun­gen? Wäh­rend er Weih­was­ser sprit­zend noch das letzte Grab abgeht, erhebt sich ein Gedröhn. Auf dem nahe­ge­le­ge­nen Feld beginnt ein Trak­tor seine Arbeit und bringt Gülle aus. Ein­drucks­vol­ler lässt sich nicht illus­trie­ren, dass man auf die Reli­gion scheißt, als genau jetzt Kuh- und Schwei­ne­dung zu ver­sprü­hen. Nie­mand stört sich daran. Der Land­wirt im Tre­cker wird sicher­lich kein Mos­lem sein und es zeigt sich eben, dass die Tra­di­tio­nen am Land all­seits über­kom­men sind. „Unsere Kul­tur“, die angeb­lich gegen das Fremde ver­tei­digt wer­den muss, geht den Anwe­sen­den, die teil­weise noch ange­sof­fen sind von der vor­abend­li­chen Hal­lo­ween-Party, nicht allzu tief. Dies darf aber nicht als Erfolg der Auf­klä­rung fehl­in­ter­pre­tiert wer­den. Es ist ein­fach die unbe­darfte Fle­xi­bi­li­tät gegen­über den Ver­hält­nis­sen, die teils sym­pa­thisch, weil unideo­lo­gisch, teils erschre­ckend, weil ihre Ideo­lo­gie ver­ken­nend ist. Denn schließ­lich wird der Herr auf sei­ner Kacke-sprit­zen­den Land­ma­schine Neben­er­werbs­bauer sein, der zu unun­ter­bro­che­ner Arbeits­leis­tung ver­dammt ist, teils aus mone­tä­rer Not, teils wegen der sozia­len Kon­trolle und teils aus blan­kem Wahn. Jenen, die zwi­schen sich und diese Gesell­schaft zwei Meter öster­rei­chi­sche Erde gebracht haben, lässt sich nur zuru­fen: „Ruhet in Frie­den“.

Aller­see­len

Eine For­schungs­gruppe rund um den New Yor­ker Psy­cho­lo­gen Shel­don Solo­mon griff die The­sen des US-Kul­tur­anthro­po­lo­gen Ernest Becker der sym­bo­li­schen Ver­ar­bei­tung der Todes­angst auf und ent­wi­ckelte dar­aus poli­tisch bri­sante Expe­ri­mente. Die Grund­these der US-Forscher*innen pos­tu­liert, dass die soge­nann­ten Death Remin­der Rou­ti­nen ent­wi­ckeln, inner­halb deren sie Men­schen­grup­pen an deren Sterb­lich­keit und die Unaus­weich­lich­keit des eige­nen Todes erin­nern. Dies geschieht in der Reli­gion und jeder Mensch in katho­li­schen Regio­nen kennt die Pro­zes­sio­nen, in denen die Gemeinde wie geschla­gene Hunde um die Häu­ser zieht und ruft: „Mut­ter Got­tes, bitte für uns Sün­der, jetzt und in der Stunde unse­res Todes.“ Es geschieht aber auch in der Poli­tik, die die Grup­pen­iden­ti­tät der Nation als „höhe­res“ und damit den Tod über­stei­gen­des Ziel aus­gibt, wie aktu­ell der wahl­wer­bende Boris John­son die „Eng­lish­ness“ als eine höhere Lebens­form pro­pa­giert, für deren Erhalt frü­here Genera­tio­nen ihr Leben hät­ten las­sen müs­sen. Glei­che Ver­su­che gibt es in Deutsch­land und Öster­reich, sie müs­sen abs­trak­ter blei­ben und von der Höhe der „Kul­tur“ reden, schlicht weil der letzte Krieg uneh­ren­haft ver­lo­ren ging – gemeint ist aber bei Nation und Kul­tur das glei­che Prin­zip. Auf­fäl­lig ist laut Solo­mon nun, dass wenn Proband*innen mit dem Gedan­ken an den eige­nen Tod durch gezielte Fra­gen oder Bil­der von Bei­set­zun­gen erin­nert wur­den, sie sich im wei­te­ren Ver­lauf des Expe­ri­ments abweh­rend gegen Migra­tion zeig­ten. Unbe­wusst such­ten die Teilnehmer*innen die Nähe zu Per­so­nen glei­cher Nation oder Reli­gion, weil die Frem­den die Erzäh­lung der eige­nen natio­na­len oder reli­giö­sen Todes­über­win­dung gefähr­den. Über­welt­lich­keit und Plu­ra­li­tät pas­sen nicht zusam­men. Für Dinge, die sie zuvor abge­lehnt hat­ten, zeig­ten die Proband*innen plötz­lich Ver­ständ­nis. Iraner*innen recht­fer­tig­ten Selbst­mord­at­ten­tate, US-Amerikaner*innen gaben Atom- und Gift­gas­bom­ben als sinn­vol­len Schutz gegen die Bedro­hung Ame­ri­kas aus. Die Forscher*innengruppe konnte bele­gen, dass das ganze Arse­nal des Rechts­po­pu­lis­mus durch geschürte Todes­angst ver­stärkt wird. Ihr Schluss, dass über den Tod gerne redet, wer Men­schen­grup­pen kon­trol­lie­ren will, scheint sehr plau­si­bel. Death Remin­ding ist ein Herr­schafts­in­stru­ment und des­we­gen sind freie Men­schen dazu ein­ge­la­den, fri­vol auf den Tod zu pfei­fen.

Neu­lich in der Begeg­nungs­zone

Des is jo ärger wia in Hol­land“, empö­ren sich zwei ältere Damen auf der Maria­hil­fer Straße über bei­der­seits an ihnen vor­bei­rol­lende Fahrradfahrer*innen, die hier „alle Frei­hei­ten“ hät­ten. Hol­land ist für seine Pro­bleme mit dem Rad­ver­kehr bekannt – hört man immer wie­der. Zuge­ge­ben, es gibt Raum für Ver­bes­se­rung, was die gegen­sei­tige Rück­sicht­nahme unter den Verkehrsteilnehmer*innen betrifft. In Wien ist man den Nah­kampf im Stra­ßen­ver­kehr irgend­wie ein­fach gewöhnt. Auch wird es auf der Mahü gerade etwas eng in der Fuß­gän­ger­zone, weil neben den Lie­fer-LKWs und den mah­nend abge­stell­ten Poli­zei­au­tos auch noch rei­hen­weise Punsch­hüt­ten Platz fin­den sol­len. Die große Auf­re­gung, die jeder neue Rad­weg und jede Initia­tive zur Ver­kehrs­be­ru­hi­gung aus­löst, müsste den­noch mal psy­cho­lo­gisch näher ergrün­det wer­den. Weil wo kom­men wir da hin, wenn wir jetzt den Autos den öffent­li­chen Raum weg­neh­men?

Fatale Nor­ma­li­sie­rung

Die aus­tra­li­sche Jour­na­lis­tin Lenore Tay­lor hat sich die auf­op­fe­rungs­volle Mühe gemacht, bei einer Pres­se­kon­fe­renz ein­mal auf­zu­schrei­ben, was Donald Trump tat­säch­lich sagt. Hier ein paar Kost­pro­ben: Da sei eine Mauer, die sei so hart, dass drei aus­län­di­sche „Mau­er­bauer“ sie haben sehen wol­len, um zu sehen, wie hart sie sei. (Es ließ sich nicht klä­ren, wer diese drei aus­län­di­schen „Mau­er­bauer” sind, die die Härte einer Mauer sehen woll­ten, die es nicht gibt.) Es sei noch nie­mals aus Beton etwas so Har­tes her­ge­stellt wor­den, es halte Feuer aus und man könne ein Spie­gelei auf der Mauer bra­ten. (Liegt sie etwa auf dem Boden?) „Welt­klasse Klet­te­rer” hät­ten ver­sucht über die 20 Meter hohe Mauer zu klet­tern, es sei ihnen unmög­lich gewe­sen. (Die Mauer ist pro­jek­tiert zwi­schen 8 und 14 Metern Höhe, die 8 wür­den vier Mil­li­ar­den kos­ten, die 14 acht Mil­li­ar­den und damit weit über den maxi­ma­len For­de­run­gen der Finan­zie­rung lie­gen, von 20 Metern war nie die Rede). Trump gesteht ein, man könne die Mauer umlau­fen statt durch­zu­boh­ren oder drü­ber zu klet­tern, aber das sei viel zu weit. (Zu weit halt – you know.) Tun­nel­boh­ren sei unmög­lich, denn die Mauer sei ein­fach zu tief. So ging es über 45 Minu­ten dahin und stets musste Tay­lor raten, wovon Trump eigent­lich redet, schließ­lich hatte die Pres­se­kon­fe­renz den geplan­ten Mau­er­bau über­haupt nicht zum Thema … Die US-Kolleg*innen schie­nen dies gewohnt zu sein und bas­tel­ten Dar­stel­lun­gen, die viel kohä­ren­ter waren als das, was Trump eigent­lich gesagt hatte. Die Frage ist, inwie­weit Journalist*innen hier in eine Kom­pli­zen­schaft gera­ten und es nicht tref­fen­der wäre zu berich­ten: „Da ist ein gemein­ge­fähr­li­cher, ver­rück­ter Alter im Wei­ßen Haus und ich habe keine Ahnung, was er redet.“

Wer hat die Zeit?

Die App Blin­kist wirbt damit, in Tex­ten von nur 15 Minu­ten Lese­zeit, oder noch prak­ti­scher auf­ge­nom­men als Hör­buch, die Kern­aus­sa­gen von Sach­bü­chern zusam­men­zu­fas­sen. So könne man dann „mit­re­den“, ohne die jewei­li­gen Bücher tat­säch­lich lesen zu müs­sen (läs­tig!), und könne so auch den Arbeits­weg beson­ders „effi­zi­ent“ nut­zen. Die Strea­ming-Platt­form Net­flix tes­tet der­weil eine Speed­watching-Funk­tion, die den User*innen erlau­ben soll, Serien und Filme ein­fach schnel­ler abzu­spie­len. Diese ein­drucks­volle Tech­no­lo­gie dürfte älte­ren Fernsehzuschauer*innen noch aus der Benny Hill Show bekannt sein. End­lich keine faden Län­gen mehr beim Film­schauen und eine ganze Seri­en­staf­fel lässt sich leicht an einem Abend bin­gen. MALMOE über­legt diese viel­ver­spre­chen­den Geschäfts­mo­delle zu ver­bin­den und als Ser­vice für unsere Leser*innen künf­tige Aus­ga­ben in vol­ler Länge ein­zu­le­sen. Das hilft einer­seits lange, ein­same Abende zu fül­len, wer es aber eilig hat, dreht ein­fach die Geschwin­dig­keit rauf.