MALMOE

Nachrichten aus dem ­beschädigten Alltag (#9)

C+M+B

Es klin­gelt an der Tür – die Sternsinger sind da. Es sind viel mehr als die üblichen drei Weisen (bzw. Könige) aus dem Mor­gen­land. Durch­wegs Burschen in diesem unglück­lichen Alter. Sie krächzen einen Song, soweit der Stimm­bruch es ihnen erlaubt. Dann wird hol­prig noch ein Sprüch­lein run­terge­betet. Alle sind eigen­tüm­lich nervös, als müssten sie aufs Häuserl. Die ganze Aktion trägt Züge ein­er Schutzgelder­pres­sung. Nach dem Kassieren machen sie auf dem Absatz kehrt und eilen auf die Straße zurück. Die Über­fal­l­enen dür­fen eine kleine Broschüre vom Bischof behal­ten. Natür­lich gab es bei dem Besuch der Kostümierten einen klaren Fall von Black­fac­ing (man ist am Land), denn der eine Heilige hat­te sich das Gesicht schleißig schwarz gefärbt, wie es die Polizis­ten in den Über­fal­lkom­man­dos im Fernse­hen machen. Auf­fäl­liger­weise fehlt in der Broschüre des Kirchen­oberhaupts das geschmink­te Schwarz­gesicht, denn die Kirche hat wohl Imageberater*innen und sog­ar irgend­woher ein orig­i­nal dunkel­häutiges Kind aufgetrieben. An der näch­sten Straße­necke begeg­net der Singtrupp einem anderen. Es kommt zum Stre­it und die Burschen begin­nen sich mit ihren Stöck­en, an deren Enden Sterne geschraubt sind, auf die Köpfe zu dreschen. Okay, die Friedens­botschaft wäre hier­mit glaub­würdig über­bracht. Stimmt es also, was die Recht­en und Recht­sradikalen (erken­nt noch jemand den Unter­schied?) immer behaupten: Grup­pen junger Män­ner, die von religiösen Ideen aufge­huscht wur­den, sind gewalt­bere­it und gefährlich? Aber nein. Es war nur eines dieser alters­be­d­ingten Spaßkämpfchen. Es gibt keinen Grund für echt­en Stre­it, die Claims sind abgesteckt und bei­de Trup­ps ziehen weit­er ihrer vorbes­timmten Wege als Part­ners in Crime ein­er harm­losen Tra­di­tion.

Prima Pornos

In Freiburg wer­den jet­zt „faire Pornos“ pro­duziert. Of all cities in the world natür­lich Freiburg. Die Idee ist sym­pa­thisch, allerd­ings kom­plett bek­nackt. Die Darsteller*innen gestal­ten ihre Szenen selb­st und entschei­den, welche Art von Sex sie haben. Damit soll ein „real­is­tis­cheres“ Bild der Sex­u­al­ität geboten wer­den und das glauben Men­schen, die keine Ahnung über die Auswirkung des Medi­ums Film haben. Sex vor der Kam­era ist notwendig unre­al­is­tisch, eben durch die Kam­era. Mit den „fairen Pornos“ solle Jugendlichen geholfen wer­den, die in ihrem Ver­hal­ten durch Online-Porn bee­in­flusst wer­den. Ähh­h­hh, ja nett, nur: Pornografie ist – wie Susan Son­tag richtig sagt – „Sci­ence Fic­tion der Lust“. Alle sind immer geil und dauernd ein­satzbere­it. Den Jugendlichen muss man natür­lich (im Sex­u­alkun­de­un­ter­richt?) erk­lären, dass das nicht die Real­ität ist, aber dement­ge­gen eine ange­bliche Real­ität „nor­maler Sex­u­al­ität“ pornografisch ver­fil­men? Vol­lkommene Schnap­sidee, denn der ganze Witz der Pornografie ist ja ger­ade das Exzep­tionelle. An diesem Wider­spruch ist kein Vor­beikom­men. Aber es kommt noch schlim­mer. Die Filme sollen finanziert wer­den durch Verkauf im Inter­net. Viele Teenager*innen wer­den an dieser Stelle sagen: „Supergeil!“. Nach zehn Gratis-Netz-Pornos jet­zt auch mal für einen richtig schön Geld bezahlen. Da durch die Bezahlung die Anonymität der Käufer*innen aufge­hoben wird, gibt es dann noch eines der Gespräche oben­drauf, nach denen die junge Ziel­gruppe darbt: „Was ist das für eine Rech­nung, Lukas?“ – „Och, da habe ich mir einen fairen Porno run­terge­laden, Mama.“ Wird sicher­lich ein Riesen­er­folg.

Dumm dumm dumm – du dumm dumm – dumm

Auch im Jahr 2019 wird es wieder der Fall sein, dass zahlre­iche Presse­berichte mehr nach Beiträ­gen von Satire­seit­en wie Die Tage­spresse oder Der Pos­til­lon klin­gen als nach real­er Berichter­stat­tung. Das beweist fol­gende Mel­dung: Ein gewiss­er, sich selb­st die missver­ständliche Beze­ich­nung Kün­stler geben­der, Max Sieden­topf möchte eine von Solaren­ergie angetriebene Soundin­stal­la­tion in die namibis­che Wüste set­zen, die das Lied Africa von Toto in Dauer­schleife abspielt. Auf Nach­frage der BBC gab er zwar zu, dass die natür­lichen Gegeben­heit­en ein­er Wüste recht rasch für die Dein­stal­la­tion seines Pro­jek­ts sor­gen wer­den, das hält ihn von der Umset­zung jedoch nicht ab: „I want­ed to pay the song the ulti­mate homage and phys­i­cal­ly exhib­it ‚Africa‘ in Africa“. Klingt stumpf­sin­niger als jedes EZA-Pro­jekt, aber Haupt­sache: Africa den Afrikan­ern.

Im Zug

Eine Fam­i­lie steigt in München hinzu – sind in dieser Stadt tat­säch­lich alle schreck­lich? Vater, Mut­ter, Teenage-Tochter und Teenage-Sohn. Die Gesichter der Alten sind streng, die der Kinder wer­den es bald sein. Auf allem scheint eine bleierne Verzwei­flung zu liegen. Sofort wird deut­lich: Die nut­zlose Zeit der Zug­fahrt will effizient genutzt wer­den. Auf den Tisch wer­den geistig anre­gende Spiele und Lek­türe gehievt. Der Vater stellt impro­visierte Quizfra­gen. Aha, die Fahrleitun­gen haben also eine Mess­in­glegierung – der genaue Name ist ihm allerd­ings ent­fall­en. Der große Brud­er triezt die kleine Schwest­er. Sie kann eines der Rät­sel, die auf klo­bi­gen Karten aus­geteilt wur­den, nicht lösen und begin­nt still zu weinen. Später stellt sie eine Frage an die Mut­ter, die viel zu lange starr auf die Karte blick­en muss. Auch sie weiß die Antwort nicht. Nur schw­er kann sie den Zorn über das eigene Ver­sagen ver­ber­gen. Der Sohn zieht einen Lap­top her­vor und bit­tet um Feed­back sein­er hochge­bilde­ten Eltern für eine Bewer­bung. Mut­ter und Vater begin­nen an dem in gutem, wenn auch ein wenig bemühtem, Englisch for­mulierten Text zu feilen. Sie tun dies in ein­er Weise, die dem ganzen Zug­wag­gon uner­wün­schte Teil­habe schenkt. Nach ein­er Weile gibt die Mut­ter den Com­put­er zurück. „Alles rot“, meint die Tochter. Nun, ent­geg­net die Mut­ter, sie habe eben jeden Satz umfor­muliert und nen­nt dafür präzise drei Gründe. Zwei inhaltliche und einen stilis­tis­chen. Auch der Vater ist unzufrieden. Die Wün­sche und Ziele des Knaben steck­en in ein­er wenig pack­enden Aufzäh­lung („Das geht bess­er!“). Auch sind die Gedanken alle­samt ein wenig zu sehr „einerseits/andererseits“. Und was er sich da bloß wün­sche! – Aber, meint der Sohn mit verblieben­em Kampfes­mut, vielle­icht im Ruh­e­s­tand könne er doch dieser Lei­den­schaft nachge­hen. Die Mut­ter lacht und ist sich sich­er: „Mit Schreiben ver­di­ent man kein Geld.“ Der Aushil­f­sjour­nal­ist am Neben­tisch fühlt sich spätestens an dieser Stelle per­sön­lich ange­grif­f­en und seine eigene Zerknirschung mag sich wohl ein wenig in sein Urteil über die Münch­n­er Bilder­buch­fam­i­lie mis­chen. Am Ende haben Vater und Mut­ter zur eige­nen Zufrieden­heit in schmis­sigem Englisch Lebenslauf, Ziele, Hoff­nun­gen und Wün­sche ihres Sohnes for­muliert. Das Basteln an der „eige­nen“ Außen­darstel­lung wurde zur Fam­i­lien­an­gele­gen­heit, wohl weil im Rat-Race um die verbliebe­nen Posten, die noch ein Lat­te-mac­chi­a­to-Bobo-Life ermöglichen, nichts unver­sucht gelassen wer­den darf. Gute Reise noch.

Ohren zu und durch

Die Wer­tigkeit der für die gesellschaftliche Ord­nung zuständi­gen Insti­tu­tio­nen drückt sich nicht nur in der Ver­hätschelung durch die Regierungsträger oder in Umfrageergeb­nis­sen aus. Beispiel Polizei. Für Innen­min­is­ter Kickl ist sie ein unan­tast­bares, unfehlbares, weil ihm sowieso treu zur Seite ste­hen­des Organ, weshalb er sie am lieb­sten mit unbe­gren­zten Befug­nis­sen ausstat­ten würde. Eben­so bele­gen Öster­re­ichs Polizistin­nen und Polizis­ten in der Ran­gliste der ange­se­hen­sten Berufe einen kom­fort­ablen siebten Platz; gut 80 Prozent der öster­re­ichis­chen Bevölkerung haben dem­nach Ver­trauen in die Polizei.

Eine All­t­ags­beobach­tung des hier berich­t­en­den Redak­teurs legt nahe: Die Rel­e­vanz der jew­eili­gen Vere­ini­gung wird auch auf eine andere Weise betont, und zwar im wahrsten Sinne des Wortes. Der Lärm ein­er Polizeisirene ist etwa der­maßen durch­drin­gend, dass jede und jed­er, die oder der nicht gän­zlich affir­ma­tiv zur Kiberei ste­ht und sich von ihrem Sire­nen­klang verza­ubern lässt, sofort auf eine furcht­bare Art getrig­gert wird. Die Sirene des Not­fall­dien­stes der Wiener Lin­ien (welchen Platz in der Ran­gliste der ange­se­hen­sten Berufe man als Angestellte/r in diesem Tätigkeits­bere­ich belegt, bleibt unklar) hört sich dage­gen an, als wäre sie mit Kabel­bindern auf einen 1995er Fiat Pun­to gezur­rt, der eben aus Verse­hen im Donaukanal geparkt wor­den ist, und nun im Tauch­gang kläglich vor sich hin trötet.

¡Viva la Muerte!

Der Mitar­beit­er der US-Coast­guard Christo­pher Has­son hat sich selb­st eine schwierige Knobel­aufgabe gestellt, die er in E‑Mails an sich selb­st gut doku­men­tiert hat: „Wie kann die gesamte Men­schheit oder zumin­d­est ihr größter Teil getötet wer­den?“ Hmmm, mal scharf nach­denken. Vielle­icht Spanis­che Grippe? Milzbrand? Alle Lebens­mit­tel vergiften? Has­son musste sich selb­st gegenüber eingeste­hen, dass das nicht ganz ein­fach wird. Das Leben ist auch für gewalt­bere­ite Neon­azis nicht immer leicht, aber auch hier gilt: Steter Tropfen höhlt die hohle Birne. Schritt für Schritt wur­den Has­sons Anschlagspläne konkreter. Zunächst ein­mal soll­ten sämtliche Vertreter*innen der demokratis­chen Partei und der lib­eralen Medi­en erschossen wer­den, um die daraus entste­hende Ver­wirrung für weit­ere Mord­pläne zu nutzen. Wer heute die Gefahren des immer mächtiger wer­den­den und immer unver­schämter auftre­tenden Neon­azis­mus in den USA und in Europa unter­schätzt oder kleinre­den will, ist nicht mehr ganz bei Trost. Diese Leute meinen es ernst und im Moment stoppt sie einzig die in diesen Kreisen häu­fig anzutr­e­f­fende krasse Verblö­dung. Aber auf Dauer kann man auf die nicht set­zen. Has­son wurde wegen Dro­gen- und Waf­fenbe­sitzes ver­haftet, im Zuge dessen man seine Woh­nung durch­suchte. Somit kamen die Ermit­tlungs­be­hör­den auf Has­sons Massen­mord­pläne nur durch Zufall. Has­son ist ein gutes Beispiel für die von Erich Fromm diag­nos­tizierte Nekrophilie des Nazis­mus. Ihre Vertreter*innen ver­ab­scheuen alles Leben und sehnen nichts mehr her­bei als den Tod aller. Prax­is­tipp für die Poli­tik: Bess­er von jed­er Art poli­tis­chem Bünd­nis mit Neon­azis und deren Unterstützer*innen abse­hen. Ambivalen­zen wie jene der Trump-Admin­is­tra­tion gegenüber den Supre­ma­tis­ten oder von Teilen der öster­re­ichis­chen Bun­desregierung, die gerne mal mit Iden­titären chat­tet, führen psy­chol­o­gisch zu kein­er Beschwich­ti­gung. Die Nekrophilen wer­den nur ange­s­pornt und steigern ihren Hass, bis dieser zu realen Gewalt­tat­en führt.