MALMOE

Ist die autonome Frauenbewegung gescheitert?

Eine Rezension von Stefanie Mayers Buch Politik der Differenzen

In Politik der Differenzen analysiert Stefanie Mayer den weißen feministischen Aktivismus in Wien, um Lücken in der politischen Theoriebildung zu schließen. Ausgehend von praktischen Auseinandersetzungen feministischer Aktivist_innen bereichert die Autorin theoretische, abstrakte Konzepte wie Intersektionalität. Sie deckt dabei Ambivalenzen, Widersprüche, Lücken sowie Lernprozesse und Einsichten autonomer feministischer Gruppen hinsichtlich des Umgangs mit Rassismus auf. Die Autorin legt dabei in manche feministischen Diskurse eingeschriebene Rassismen frei. Gleichzeitig hebt sie existierendes anti-rassistisches Engagement und zwischenzeitlich vergessene kritische, feministische Standpunkte hervor. Dabei dokumentiert sie die feministische Bewegung von den 1980er- bis in die 2000er-Jahre in kritischer, aber solidarischer Weise.

Wer eine Abrechnung der Frauenbewegung über ihre rassistischen Auslassungen erwartet, wird in dem Buch viel mehr finden und positiv überrascht sein. Statt eines eindimensionalen Bildes, zeigt Mayer auf, dass es seit den 1980ern eine differenzierte Auseinandersetzung mit Themen wie Technologie, Kolonialismus oder Migration gibt. Sie demonstriert das Leugnen, Scheitern sowie Bemühen weißer Feminist_innen, sich mit den eigenen Privilegien auseinander zu setzen. Dabei räumt Mayer selbstkritisch ein, dass ihre Verwendung des Begriffes weiß eine Vereinfachung von rassistischen Dynamiken ist, die das vielfältige Andere potentiell homogenisiert. Gerade diese Differenziertheit verleiht ihrer Kritik Gehalt und erlaubt es Mayer, Kontinuitäten und Leerstellen aufzuzeigen.

Eine dieser Leerstellen ist die fehlende Auseinandersetzung der Frauenbewegung mit Antisemitismus und Nationalsozialismus, welcher Mayer ein eigenes Kapitel widmet. Hierbei zeigt sie, dass feministische Aktivist_innen oft rhetorisch auf Faschismus oder Nationalsozialismus Bezug nehmen. Zudem zeigt die lückenhafte Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus eine weitere Ambivalenz: Während feministische Aktivistinnen die Leistungen von Frauen im Widerstand sichtbar mach(t)en, werden die Taten der Täterinnen kaum behandelt.

Eine zusätzliche Facette der fehlenden Auseinandersetzung mit Antisemitismus ist die Unsichtbarkeit von jüdischen Aktivistinnen. Die Autorin vergleicht das Unsichtbar-Machen von Jüdinnen innerhalb der feministischen Bewegung mit der Konstruktion der Migrantin. Beides dient dem Herstellen eines spezifischen, weißen Selbstverständnisses. Gegen über der als Andere konstruierte Migrantin steht die vermeintlich „emanzipiertere“ und „fortschrittlichere“ weiße Feministin. Jüdinnen, hingegen, bleiben unsichtbar „um ein weißes feministisches Selbstverständnis, das zwischen Selbstviktimisierung und der Selbststilisierung als Nachfolgerinnen der Widerstandskämpferinnen pendelt, nicht in Frage zu stellen.“ (S. 271). Hier zeigt Mayer die Komplexität und Mehrschichtigkeit von Rassismen auf und macht sie einer differenzierteren Auseinandersetzung zugänglich.

Mayer bezieht klare Position zur Notwendigkeit der Auseinandersetzung mit Ethnisierung und Rassismen innerhalb des weißen feministischen Aktivismus, indem sie festhält: „Steht Feminismus für ein Projekt umfassender gesellschaftlicher Transformationen, muss diesem dringend daran gelegen sein, Systeme von Herrschaft und Diskriminierung in allen Formen zu kritisieren und anzugreifen“ (S. 321). Dies geht – so Mayer – nur wenn weiße Feminist_innen sich ihrer Rolle und ihrer Privilegien innerhalb eines rassistischen Systems bewusst werden.

Das Buch hält keine eindeutigen Antworten parat, wie komplexe Herrschaftsmechanismen aufgelöst werden. Es bietet vielmehr „Ansatzpunkte, von denen aus sich weiterdenken lässt“ (S. 12). Es stellt Fragen und es bringt Einsichten in eine reiche Geschichte feministischer Bewegung in Wien sowie darüber hinaus. Und es untermauert diese Fragen mit vielen Beispielen aus Protokollen, Interviews, Zeitschriftenartikeln und Büchern aus 40 Jahren Frauenbewegung in Wien.

Stefanie Mayer: Politik der Differenzen. Ethnisierung, Rassismen und Antirassismus im weißen feministischen Aktivismus in Wien. Verlag Barbara Budrich, Berlin 2018.