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  Gelebte Bedingungen

Aktuelle Subjektivierungsformen zwischen Liebe, Arbeit und Politik. Von Thomas Edlinger

„Die wichtigsten, auch die größten Mengen an ERFAHRUNG machen die Menschen in der Intimität (Aufwachsen, Liebe, Verlust) und in der Arbeitswelt. Beide großen Bereiche sind privat.“ (Oskar Negt/Alexander Kluge in „Der unterschätzte Mensch“)

In seinen Untersuchungen zur Geschichte der Sexualität („Der Wille zum Wissen“) ortet Michel Foucault eine sich seit dem 17. Jahrhundert herausbildende „biologische Modernitätsschwelle“, die Praktiken und Effekte von Machtausübung entscheidend verändert. Die Reproduktion des natürlichen Lebens der Untertanen wird zu einer Frage der Volksgesundheit, die Gesamtheit einer dem sich ausdifferenzierenden Zugriff politischer Techniken ausgesetzten Population unterliegt einer intensivierten, verwissenschaftlichten Verwaltung unter Berufung auf „objektivierte“ und statistische Parameter. Signifikant erscheint dabei die Verzahnung von externen Regulationsverfahren und eingeübten „Technologien des Selbst“. Erst in diesem Zusammenspiel von gesellschaftlichem Zwang und internalisierter Kontrolle nehmen jene Subjektivierungsweisen Gestalt an, die gleichermaßen die Anerkennung einer eigenen Identität und ihre Unterwerfung unter ein sich ausbreitendes wie ausdifferenzierendes Machtregime ermöglicht. Foucault erkennt darin ein biopolitisches „double bind, das die gleichzeitige Individualisierung und Totalisierung der modernen Machtstrukturen bildet“.

Gerade in Zeiten, in denen sich - zumindest in Europa – die Artikulationsformen von Macht immer unzureichender in einem juridischen Formalismus der staatlichen Institutionen fassen lassen, dürfte diese gedoppelte Struktur eines biopolitischen Machtbegriffs eher geeignet sein, den individuellen Prägungen in den von Kluge/Negt genannten, privaten Haupterfahrungsbereichen „Intimität“ und „Arbeitswelt“ nachzuspüren.
Allerdings erscheint gerade im Licht einer Analyse, die wesentlich auf die informellen, nicht öffentlich ausgehandelten Einschreibungsformen von Machteffekten abstellt, die kategorische Trennung von Privatheit und Öffentlichkeit problematisch. Schließlich endet der Einfluss subjektivierender Kräfte nicht vor der Haustür. Wenn intime Praktiken zum Gegenstand öffentlicher Diskussionen zwischen Academia und TV-Talk-Shows werden, wenn Arbeit in Großraumbüros, mittels Teamwork, in proletarischen „Produktionsöffentlichkeiten“ und/oder vereinzelt von „umherschweifenden Produzenten“, (eingebunden in immateriellen Teilöffentlichkeiten) geleistet wird, dann liegt es nahe, den Purismus eines emphatischen Begriffs von Öffentlichkeit als Gegenpol zum privatistischen Rückzug aus der Welt aufzugeben. Man muss ja nicht gleich, wie etwa Richard Sennett, die Expansion, ja die „Tyrannei“ der Intimität und den damit einhergehenden Verfall einer bürgerlichen Konzeption von Öffentlichkeit als privilegiertem Ort gesellschaftlicher Organisation von Wissens- und Erfahrungsaustausch beklagen.

Es genügt für unseren Zusammenhang hier festzustellen, dass sich graduelle Abstufungen zwischen der Privatsphäre und einer idealtypisch verfassten Kommunikationsstruktur im öffentlichen Raum herausgebildet haben, die teilweise auch die inhärenten Auschlussmechanismen einer bürgerlichen, nach Sprecherkompetenz und -position hierarchisch strukturierten Öffentlichkeit unterlaufen. Jenseits der bürgerlichen Privatheit im Schutze der Kernfamilie gibt es Freundeskreise, informelle Netzwerke, Chat-Rooms mit halböffentlichem Charakter usw., jenseits des Parlaments und des Salons eben nicht nur supranationale ökonomische Verflechtungen der Global Players, sondern auch eine nicht homogenisierbare Vielheit von Teil- und Gegenöffentlichkeiten. Die Geschichte dieses globalisierten mikropolitischen Engagements wird nicht erst seit der Ausrufung des „Empire“ und seiner GegnerInnen geschrieben.

Wie lassen sich die 2 Stoßrichtungen des Foucault´schen biopolitischen double bind, Individualisierung und Totalisierung, heute beschreiben?

Sehen wir uns zunächst den Komplex der Arbeitswelt an: Chiffren wie „Subjektivierung von Arbeit“ dienen SoziologInnen heutzutage dazu, die Transformationsprozesse des Arbeitsbegriffs zu beschreiben (vgl. etwa Klaus Schöneberger/Stefanie Springer: „Subjektivierte Arbeit“). Gemeint ist damit vor allem die Verabschiedung eines auf Standardisierung, Normierung und Ausschaltung störrischer, effizienzhemmender Subjektivität setzenden Ideologie der Produktion im heutigen Zeitalter der zunehmend informatisierten und vernetzten Arbeit. Aktuelle Managementstrategien setzen eher auf die Aktivierung subjektiver Investitionen, auf „affektive“ Arbeit, die tendenziell die Unterscheidung von (immaterieller) Arbeit und Freizeit verwischt und die Identität des Einzelnen an den Arbeitsprozess zu binden trachtet. Macht und Kontrolle basieren auch am Arbeitsplatz nicht mehr nur auf äußerem Zwang, sondern setzen auch auf die Ermunterung der individuellen Produktivität: Intensivierung der eigenen Kreativität zum Wohle des Kollektivs namens Unternehmen.

Eine ähnliche Dialektik von gesteigerter Selbstbezüglichkeit und einer von Außen einwirkenden Totalisierung von Marktbedingungen führt die israelische Soziologin Eva Illouz in ihrer Studie „Der Konsum der Romantik“ im Bereich der Intimität aus. Illouz zeigt, wie die Kommerzialisierung des romantischen Liebesideals im 20. Jahrhundert und die durch gezielte Konsumakte erschlossenen „Fluchtlinien“ aus der entzauberten Welt einander wechselseitig bedingen und neu produzieren. Paradoxerweise verwirklicht gerade die Kapitalisierung der Liebe die in ihr angelegte kollektive Utopie der Überschreitung der Profanität – und ermöglicht Klassenüberschreitungen wie auch bestimmte Freiräume für weibliche Selbstermächtigung (etwa beim modernen Rendezvous, das nicht mehr im bürgerlichen Haus der Eltern stattfindet).

Die Kapitalisierung der Konstruktion „romantische Liebe“ macht vor nichts Halt, aber nicht alles gleich: „Während das romantische Ideal auf der einen Seite die demokratischen Ideale des Konsumkapitalismus widerspiegelt und mit aufrechterhält, wurden die für den Markt konstitutiven Ungleichheiten auf die Liebesbeziehung übertragen. Die moderne romantische Liebe ist alles andere als ein vor dem Marktplatz sicherer „Hafen“, sondern vielmehr eine Praxis, die aufs Engste mit der politischen Ökonomie des Spätkapitalismus verbunden ist.“

Dieser in seiner Einschätzung äußerst differenziert gehaltene Befund über das Potenzial der paradoxalen Widerständigkeit des durchökonomisierten Prinzips Liebe gegen das eben diese Durchdringung erzeugende Kosten/Nutzen-Denken lässt sich seiner Struktur nach zwar nicht einfach auf heutige Sexualitätspraktiken und -vorstellungen übertragen. Dennoch lässt sich behaupten, dass zeitgenössische Subjekte in ihrer Sexualität ebenfalls einen Prozess der Differenzierung erfahren, der von Konsumidealen unterfüttert ist. Diese Auffächerung offenbart sich sowohl über die Angebotsbreite des Sexindustrie wie auch über die tendenzielle Aufgabe des Modells „Heirat fürs Leben“ zugunsten von häufig hedonistischer ausgerichteten Liebesweisen (serielle Monogamie, Affären, Swingerclubs) und Umgangsformen mit dem sexualisierten Körper (Piercing, Massage, Kosmetik, Chirurgie) im Zeichen konsumorientierter „Selbstverwirklichung“. Der Befund einer vom neoliberalen Markt unterstützten Enthysterisierung der Perversionen geht Hand in Hand mit der Beobachtung einer gesteigerten libidinösen Besetzung des Körpers bzw. Nutzung der Partialtriebe: ein Selbsterfahrungstrip, der danach strebt, die eigene Devianz zur individuellen Norm zu erheben. Die mögliche Einlösung des Versprechens einer polymorph-perversen Sexualität ist allerdings nicht nur an die Totalisierung der konsumistischen Aneignung der Intimitätssphäre gebunden, sondern auch eng an eine gesteigerte Selbstbezüglichkeit der ausführenden Körper gekoppelt.

Die „emanzipierte“, narzisstische Konzentration auf die Intensivierung des eigenen Lustempfindens geht aber häufig mit einer neo-biedermeierlichen Selbstgenügsamkeit einher, die keine gesellschaftspolitischen Ansprüche außerhalb des eigenen Schlafzimmers mehr anmeldet und beispielsweise das Modell „Zweierbeziehung“ 30 Jahre nach der Blüte der Kommunen als einzig akzeptable Verknüpfung von Sex, Liebe und Ökonomie rehabilitiert hat (vgl. Klaus Theweleit in „Ghosts“). Zudem erzeugt sich der narzisstische Blick auf den eigenen sexualisierten Körper nicht zuletzt über den Abgleich mit den Medienbildern und erzwingt somit die Internalisierung einer Vielzahl von Dressurakten zwischen Fitnessstudio und Diätplänen: freiwillige Selbstkontrolle als Vorbedingung der Gewinnabschöpfung am Geschlechtermarkt.

Was ließe sich nun diesem Prozess (repressiver?) Entsublimierung entgegensetzen, wie ließe sich der „Mythos eines Ego-Imperalismus“ (Jahn Perke) entzaubern, ohne auf das emanzipatorische Potential einer befreiten, anderen Sexualität zu verzichten?

Beatriz Preciado votiert in ihrem „Kontrasexuellen Manifest“ ebenfalls für eine allumfassende polymorh-perverse Form des Umgangs mit dem Körper. Ihre „Philosophie des Dildos“ weist aber jede naturalisierende, fixierende Subjektivierungsform zurück und versucht stattdessen, eine radikale Egalität zwischen den begehrenden Körpern zu etablieren. Im Anschluss an Foucault begreift Preciado die Geschichte der Sexualität nicht als Geschichte natürlicher Begierden und ihrer politischen Handhabung, sondern als Geschichte der (Macht-)Technologien, die das von Anfang an ungeklärte Verhältnis zwischen Wünschen und angeschlossenen Praktiken, Körper und verkoppelten Maschinen thematisiert. Dem Dildo kommt dabei die Funktion des radikalen Ausgleichs sexueller und identitätspolitischer Ungleichheit zu. Als Maschine, als (Kontra-)Sexualitätstechnik kennt er nur Körper und Öffnungen, keine „natürliche“ Geschlechter wie Männer und Frauen, ja nicht einmal mehr durch performative Wiederholung eingeübte Codierungen von Maskulinität und Heterosexualität.

Gewiss: Die Euphorie, mit der in diesem utopischen Forderungkatalog für eine neue Welt der Dildo als Technologie des Widerstands und die kontrasexuellen Praktiken als Formen der „Kontra-Disziplin“ gelesen werden, mag überzeichnet sein. Als fundamentale Kritik an den Einschreibungsformen von Macht- und Disziplinierungstechniken zeigt ein solch energisch-rigoroser Text aber sehr deutlich, welcher Art von subjektformierenden Bedingungen wir alle heute in unserem privaten Lebensbereichen wie Arbeit und Intimität unterworfen sind: Es sind Bedingungen, die nicht primär auf Repression, sondern vor allem auf Aktivierung und Produktivität von Subjektivität setzen – und gerade darüber einen besonderen Wirkungsgrad erreichen.


online seit 02.04.2004 11:30:28 (Printausgabe 19)
autorIn und feedback : alltag




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