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Gelbe Seiten

MALMOE-Farbenlehre Gelb II

ES SOLL DER MANGEL AN WEISSEM PAPIER GEWESEN SEIN, der einen Drucker aus Cheyenne, Wyoming 1881 dazu zwang, das von ihm produzierte Verzeichnis der Telefonanschlüsse auf gelbem Papier zu drucken. Oder war es 1883? Telefonbuchhistoriker Ammon Shea und Wikipedia widersprechen hier einander. Die Verbreitung des Fernsprechapparats steckte damals jedenfalls noch in ihren Anfängen, und genauso wie sich ursprungsfixierte und nationsversessene TechnikhistorikerInnen lange über die Urheberschaft an der Erfindung des Telefons streiten können – war es nun Herr Antonio Meucci 1860? Johann Philipp Reis 1861? Elisha Grey 1875? oder doch Alexander Graham Bell 1876? – ließe sich eine inner-US-amerikanische Debatte darüber anzetteln, ob nun als erste „Gelbe Seiten“ das Telefonbuch von New Haven 1878, das von Chicago 1886 oder das von Detroit 1906 anzusehen ist: Das von 1878 gilt als das erste Telefonbuch überhaupt und enthielt hauptsächlich gewerbliche Einträge; das von Herrn Reuben H. Donnelley im Jahr 1886 veröffentlichte ordnete die Brancheneinträge alphabetisch an, allein: das Papier war nicht gelb! Das von 1906 schließlich druckte die Gewerbeeinträge auf gelbem Papier, endlich.

WIE AUCH IMMER, DERLEI BRANCHENVERZEICHNISSE SIND kein Phänomen des Telefonzeitalters; bereits das 1691 in Paris vom Apotheker Nicolas de Blegny veröffentlichte Livre Commode enthielt Adressen von Gewerbetreibenden und Händlern, was bei den ebenfalls darin aufgelisteten Amts- und Standespersonen keineswegs auf Entzücken stieß, galt doch eine solche Nähe zur Geschäftswelt als gar zu profan. Die Adressbücher und Staatskalender, die in deutschsprachigen Städten zumeist ab Anfang des 18. Jahrhunderts entstanden, verzeichneten vorwiegend Behörden, Minister und Beamte; erst um 1800 setzt eine „Verbürgerlichung“ dieser vormodernen Suchmaschinen ein, die nun auch Handwerker und Geschäftsinhaber anführten. Um diese Zeit begannen auch eigene Gewerbeverzeichnisse zu erscheinen, die so schöne Namen wie Kommerzialschema, Auskunftsbuch, Handels- und Gewerbe-Adressenbuch oder Handelsstandskalender trugen. Es ging sogar noch spezialisierter, die Uhrmacher-Genossenschafts-Mitglieder bekamen genauso ihr eigenes Adressbuch wie die Tonkünstler, die ehrsamen Handwerksinnungen und Seidenzeugfabrikanten, letztere waren wenigstens so gendersensibel, auch die Witfrauen und die Witwen-Sociätät anzuführen.

WER SOLCHE ADRESSBÜCHER DURCHBLÄTTERT – FÜR WIEN SEI hier der ab 1859 erschienene „Lehmann“ genannt, der nun auch digitalisiert auf der Homepage der Wienbibliothek zugänglich ist – wird darin auf allerlei phantasieanregende Berufe und Gewerbe stoßen, die nur darauf warten, von findigen SchriftstellerInnen in Literatur transformiert zu werden; man nehme zum Beispiel Flaschenbierfüller, Fächererzeuger, Kurrentwarenhändler, Schätzungskommissäre, Uniformierungsanstalten sowie Zeugschmiede, und voilà, fertig ist der neue historische Roman des Fin de Siècle-Wien, geschöpft aus den Gelben Seiten!

online seit 24.10.2013 22:38:11 (Printausgabe 64)
autorIn und feedback : Anton Tantner


Links zum Artikel:
malmoe.org/artikel/verdienen/2648MALMOE-Farbenlehre Gelb I



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