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  Strategischer Kannibalismus, revisited

Ästhetik, Aneignung und postkoloniale Agency: Antropophagie und Kultur

Wir fressen euch schon seit langer Zeit. Jetzt bist du dran“, verkündet ein Text(*) der Linzer Migrantinnenorganisation maiz mit dem verschmitzten Lächeln der Antropophagin (Menschenfresserin) und stellt sich damit in die Tradition der in Brasilien entstandenen kulturrevolutionären Bewegung der Antropophagie, die der Schriftsteller Oswald de Andrade 1928 mit dem Antropophagischen Manifest (Manifesto Antropófago) begründet hat. Andrade las darin den – im Übrigen keinesfalls bewiesenen – Mythos der/des kannibalischen Wilden gegen den Strich, der auf Europa zur Zeit der so genannten „Entdeckung“ Amerikas große Faszination ausübte und gleichzeitig zur Legitimierung kolonialer Untaten diente. In Form von Abbildungen von wild gestikulierenden und sich in die Arme beißenden nackten Frauen, die dem in Gefangenschaft geratenen Europäer deutlich machen sollten, dass auch ihm der Weg in den Kochtopf nicht erspart bleiben sollte, hatten beispielsweise ebendiese „barbarischen“, nackten Wilden bereits in den ersten (fiktionalen?) Reiseberichten aus der „Neuen“ Welt ihren Auftritt.

Im Gegensatz dazu besetzt Andrade „im Jahr 374 nach der Verspeisung des Bischofs Sardinha“ den Begriff der Antropophagie positiv und entwirft mit dieser Metapher eine Strategie des Widerstands zu eurozentristischen Perspektiven und Zeitrechnungen. Denn den/ die AntropophagIn interessiert nur, was ihm/ ihr nicht gehört: Dieses „Fremde“ wird mit Genuss verschlungen, und die kannibalistische Einverleibung und Verdauung produziert ein Amalgam aus „Eigenem“ und „Fremdem“.

„Tupi or not tupi, that’s the question“

Shakespeare bleibt von diesem Appetit ebenso wenig verschont wie der Surrealismus, Freud oder Montaigne, die das Manifest munter in sich hineinstopft und das auf diese Weise auch auf ästhetischer Ebene zur ersten Handlung des Antropophagen wird. Andrade nimmt damit zugleich die postkoloniale Handlungsmacht (Agency) auf sehr anschauliche Weise vorweg: Antropophagie impliziert nicht nur Aneignung, sondern vor allem Emanzipation und Widerstand gegen Exotisierung und Viktimisierung der/des „Anderen“, und das nicht nur im Umgang mit dem „anderen“ Text, auch mit der „anderen“ Kultur.

Andrades spielerischer Umgang mit Geschichte(n) war seiner Zeit voraus, und es verwundert in diesem Sinn nicht weiter, dass deutliche Resonanz erst mit der Rezeption und Neuauflage seiner Texte durch Haroldo de Campos in den 1960ern einherging. Neben Campos’ in Anlehnung an Andrade entwickelte kannibalistische Übersetzungsstrategie, die sich dem „Original“ nicht unterordnet, sondern dieses verschlingt, wurde auf antropophagische Aneignungsstrategien auch im brasilianischen Cinema Novo, beispielsweise durch den Filmemacher Glauber Rocha zurückgegriffen. Die „Ästhetik des Hungers“ (A estética da fome) beruft sich auf diesen „Latin hunger“ als einschneidende Erfahrung peripherer und marginalisierter Kulturen und sucht mit ihrer Bildsprache Widerstand gegen neokoloniale Abhängigkeiten im Bereich des Kinos zu üben.

Damit ich dich gut fressen kann

Die feministische Lesart der Antropophagie von maiz verschiebt die Kontexte ein weiteres Mal, doch auch hier geht es um ein Displacement von Grenzen, um emanzipatorische Raumnahme und damit Widerstand gegen Exotisierung der/des „Anderen“ – eine Strategie, die in mehreren Texten der Autorinnen Rubia Salgado und Luzenir Caixeta mit Bezug auf das Manifest angewandt wird, die in einer Mosaik-Technik mit der Schere „Mord an der fremden Vorlage“ begehen und diese neu zusammensetzen.

Die Metapher der Antropophagie stellt in diesem Sinn die Verbindung zwischen Ästhetik und ethischem Handeln dar und eignet sich mit der Vielfalt dieses „Wir“, das „Migrantinnen, Sexarbeiterinnen, schwarze Frauen, Lesben, Putzfrauen, Babysitterinnen, Ehefrauen, Asylwerberinnen, Mütter, Akademikerinnen, Töchter“ im Dialog mit Mehrheitsösterreicherinnen umfasst, ebendiese Handlungsmacht an, in der Sexarbeit ebenso wie in anderen (kulturellen) Bereichen. Das „Matriarchat von Pindorama“, das im Antropophagischen Manifest Andrades zwar symbolisch aufgerufen wird, letzten Endes aber doch vom männlichen Subjekt ausgeht, erfährt durch die feministische Lesart von maiz selbst eine Aneignung, die die/den AntropophagIn auch im 455. Jahr nicht alt aussehen lässt.



(*) Luzenir Caixeta: „Antropophagie als Antwort auf die eurozentrische Kulturhegemonie. Oder: Wie die Mehrheitsgesellschaft feministische Migrantinnen schlucken ‚muss’“, in: Hito Steyerl (Hg.): „Spricht die Subalterne Deutsch?“, Unrast, Münster 2003


online seit 22.05.2009 11:11:42 (Printausgabe 45)
autorIn und feedback : Gudrun Rath


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