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Die Geburt der Hundehütte Archäologien des hundlichen Blicks Die Story ist altbekannt: der Urmensch nahm den wilden Wolf, verwandelte ihn in einen knechtischen Hund und ermöglichte so Mehrprodukt, Klassengesellschaft und Zivilisation. Die kritischen Lichter gehen aus und der Vorhang hebt sich, um einer dialektischen Dramaturgie von Zähmung und Unterwerfung Raum zu geben. Aus diesem Plot kann nun je nach Absicht eine eskalative Geschichte des Fortschritts oder des Niedergangs gezimmert werden: PrimitivistInnen und TiefenökologInnen glauben an sie, um sie im Namen der Wildheit vor dem tiefen Fall in die Kultur hassen zu können, HumanistInnen hängen an ihr, um sich gegen biologische Übergriffe ins heilige Reich der Kultur zu erwehren. In der Hundehütte vermischen sich so auf bizarre Weise Hegel und Freud. Bei der Post/Cyborg-Theoretikerin Donna Haraway bleibt von dieser mythischen Urgeschichte unserer haarigen MitbewohnerInnen als natürlichen Objekten maskulinistisch-kultureller Domestikation wenig übrig. In ihren beiden Büchern „Companion Species Manifesto" (2003) und „When Species Meet" (2008) arbeitet die feministische US-Kulturwissenschaftlerin unter anderem paläozoologische Indizien heraus, die darauf hindeuten, dass sich Wölfe zu einem relevanten Grad selbst domestizierten. Letztere bedienten sich nämlich zunächst nur am Resteessen menschlichen Abfalls. Dabei waren nun diejenigen Wölfe im Vorteil, die auf immer kürzere Distanzen Fluchtreflexe zeigten und deren Nachwuchs biologische Entwicklungsstadien in Zeitfenstern durchlief, die Möglichkeiten für Trans-Spezies-Sozialisation boten. Das Verhalten und letztlich auch die genetische Erbmasse derjenigen Wölfe, die gleichsam die Abzweigung Richtung Hund einschlugen, änderten sich. Dies ermöglichte es wiederum, dass Menschen in ihr Leben und ihre Reproduktion eingreifen konnten. Der aktive Beitrag von Wölfen an der „Domestikation" ist also erheblich, vielleicht sogar entscheidend, was eine Verschiebung der Perspektive um 180 Grad darstellt, und ein Beispiel für „naturecultures" ist, wie Haraway die Implosion von Natur-Kultur-Dualismen nennt. Der Horizont, der sich durch diesen Blickwechsel öffnet, ist gewaltig, er bietet hoffentlich weniger Raum für simplifizierende Bilder von Menschen und Tieren. So sind beispielsweise „Schoßhunde", besonders in Kombination mit alten Frauen, beliebte Hassobjekte der viel zitierten Philosophen Gilles Deleuze und Felix Guattari: gezähmt und faul entsprechen sie so gar nicht den Wunschbildern wilder Naturromantik, die von den beiden Franzosen gerne bemüht werden. Unter den Tisch fällt so zum Beispiel der Aufwand an affektiver Arbeit, die von diesen „Haustieren" geleistet wird, um die ihnen zugedachte Funktion als companion animals erfüllen zu können. Der ideologisch verengte Blick der meisten Traditions- und Pomo-Linken kann auch keine Freundschafts- oder gar Liebesverhältnisse erfassen, die die Speziesgrenze überschreiten. Die in solche Verhältnisse verwickelten Menschen scheinen nur als Loser-TypInnen auf, die wegen sozialer Inkompetenz minderen Ersatz bei Tieren suchen müssen. Dieser Trauergeschichte menschlichen Scheiterns, die oftmals an Pathologisierung grenzt, wird ein Tierbild ultra-angepassten Sozialschmarotzertums gegenüber gestellt. TierrechtlerInnen attackieren in ideologiekritischer Absicht die herrschenden Ideen über Tiere und ihre gesellschaftlich Position zu Recht als speziesistische Verwandte von Rassismus und Sexismus. Wenn dabei nichtmenschliche Tiere wiederum als letztlich mindere Menschen und passive Opfer charakterisiert werden, wie dies in erheblichem Ausmaß passiert, bleiben TierrechtlerInnen mit ihrer Kritik auf dem anthropozentrischen Überbau stehen, den sie abtragen wollten. Als Herbert Marcuse einst gefragt wurde, was denn nach der Befreiung der Menschen käme, antwortete der kritisch-theoretische Held der 68er-Bewegung: „die Befreiung der Tiere". Marcuse lässt zwar einiges an tierrechtlerischer Radikalität und Konsequenz vermissen, der Großteil der heutigen deutschsprachigen Linken hat gegenüber Marcuses Position von vor über dreißig Jahren aber einiges an Aufholbedarf. Der Artikel basiert auf dem Text „Auch das noch... Postmoderne Tiere, Terror und Theorie", in: Dokuzovic et al., Loecker Verlag, geplanter Erscheinungstermin Oktober 2008. online seit 05.08.2008 14:24:59 (Printausgabe 42) autorIn und feedback : Fahim Amir Links zum Artikel:
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