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Partielle Irritationen

Wie politisch ist der Kampf um Freiräume?

Was ist „wirklich“ politisch, was ist gesellschaftskritisch? Einem vielfach geäußerten Verständnis zufolge nur Praxen, die die Zentren der Macht (wie Staatsapparate, Universitäten, Unternehmen etc.) angreifen. So sind gegenwärtige politische Praxen, wie beispielsweise Freiraumpolitiken (vgl. z.B. MALMOE 41) oder verschiedene queer/feministische Praxen wie das Ladyfest, vielfach dem Vorwurf ausgesetzt, kaum oder gar nicht staats- und gesellschaftskritisch zu sein, insofern als diese nur partikular und flüchtig in öffentlichen Räumen intervenieren und diese lediglich partiell irritieren; oder da temporäre Aneignungen öffentlicher Räume oder die Vielfalt der Irritationen als individuelle und individualistische Begehren gedeutet werden, die als vermeintliche „Spaßaktion“ und ohne klar erkenn- oder benennbare politische Zielrichtung, kapitalistische, vergeschlechtlichte und sexuierte Macht- und Herrschaftsverhältnisse kaum oder nur bedingt infrage stellen können. Was diesen Praxen als Kritik entgegengebracht wird, ist deren expliziter Verzicht auf den Anspruch, hegemonial werden zu wollen.

Wie (und ob überhaupt) gegenwärtige politische Praxen als „radikal“ gefasst werden, hängt jedoch vom Verständnis der Wirkweise von Macht und Herrschaft ab. Um diese veränderten Formen von Politik in ein neues Licht zu rücken, erscheinen uns Vorstellungen von Michel Foucault als inspirierend: Dieser revidiert in seinen späteren Arbeiten seine „Staatsphobie“ und setzt sich mit der Genealogie des modernen Staates auseinander. Dabei schlägt er eine ungewöhnliche Perspektive vor, da er den Staat nicht als Universalität oder Einheit, sondern als Effekt von Praktiken fasst. Indem der Staat „von den Menschen angerufen, gewünscht, begehrt, gefürchtet, zurückgestoßen, geliebt, gehasst“ (Foucault 2004) wird, entsteht dieser überhaupt. Staatliche Politiken ebenso wie Macht-„strukturen“ werden so erst wirkmächtig, wenn diese mehrheitlich von den Subjekten in ihren Praxen integriert und bestätigt werden. In vielfältigen (zivil-)gesellschaftlichen Institutionen und Praktiken werden Vorstellungen zur Sinnhaftigkeit und Legitimität staatlicher Politiken verbreitet. Gerade weil der Staat bzw. Macht nicht von den Praxen der Subjekte unabhängig gedacht werden kann, ist das, was Staat oder Macht „ist“, ebenso wie bspw. was als öffentlich relevant oder was als legitime Form staatlicher Gewalt gilt, immer auch Ausdruck von Kräfteverhältnissen. Der Staat bildet somit genauso wenig das Zentrum der Machtverhältnisse wie er die Grundlage aller gesellschaftlichen Machtverhältnisse darstellt.

In der Rezeption von Foucaults Gouvernementalitätsstudien wird oft betont, dass damit das Subtile an Machtverhältnissen begreifbar wird, da diese in alltäglichen Praxen sowie in bestimmten Subjektivierungsformen re/produziert werden. Insbesondere für die Frage, wie neoliberale Machttechniken verstanden werden können, wird der Foucaultsche Begriff der Regierungstechniken herangezogen, da sich damit die Hoffnung verbindet, Machtformen analysieren und kritisieren zu können, die nicht direkt über Zwang und Repression funktionieren, sondern über Selbstführungstechnologien und über das Versprechen der Autonomie und Selbstverantwortlichkeit. Im Bereich queer/feministischer Arbeiten wurden Foucaults machttheoretische Überlegungen aufgenommen, um Heteronormativität als gesellschaftliches Ordnungsmuster zu verstehen, das nicht nur über Zwang und Gewalt, sondern auch über Fremd- und Selbstführung aufrechterhalten wird. Die Vorstellung „natürlicher“ Zweigeschlechtlichkeit ebenso wie von heterosexuellen Beziehungs- und Familienformen als Normalität erlangen ihre Stabilität, indem sie tagtäglich von den Subjekten gelebt und angeeignet werden. Durch diese Fassung von Macht als multiple Machtdynamiken, die Repression, Gewalt und Selbstregulierungsformen einbeziehen, werden sowohl der Ort der Macht als auch dessen Wirkweisen vervielfältigt. Wenn bestimmte Lebensformen die Basis von gesamtgesellschaftlichen Machtverhältnissen bilden, ist eine Destabilisierung dieser etablierten Muster des Lebens (Kleinfamilie, Heterosexualität, Leben in Privatwohnungen, etc.) auch ein Angriff auf die Macht.

Davon ausgehend, dass politische Machtverhältnisse kein einheitliches Zentrum haben, sondern vielmehr Ausdruck von Kräfteverhältnissen sind, verschiebt sich also die Art und Weise, wie politische Praxen gedacht werden. Diese wirken dann nämlich gerade auf die jeweiligen Kräfteverhältnisse ein, indem Sexualität, Körper, Beziehungsformen bzw. was öffentlich und was privat ist, neu ausverhandelt werden. Lebensformen jenseits bestehender heteronormativer Vorstellungen ohne Anspruch hegemonial zu werden, können dann ebenso als Irritationen aber auch Transformationen dieser Kräfteverhältnisse gefasst werden, wie Freiraumpolitiken in Form partieller Bestrebungen, öffentliche Räume zu besetzen, ohne diese jedoch zu fixieren. Im Vordergrund stehen daher nicht etwa Forderungen an den Staat (nach Anerkennung und/oder Integration), sondern die Frage, wie sich alltägliche Praxen derart politisieren lassen, dass Macht- und Herrschaftsverhältnisse sichtbar werden und über andere soziale Praxen nachgedacht werden kann.

Die Wirkung dieser partiellen Irritationen vorherzusehen, ist nicht möglich, da die Auseinandersetzungen in den Kräfteverhältnissen offen sind. Die Ergebnisse sind vielfältig und können von Vereinnahmungstendenzen (was neoliberale Regierungstechniken vielfach zeigen, deren Versprechen oft auf kritischen Forderungen aufbauen) bis zur Möglichkeit radikaler Gesellschaftsveränderung reichen.


Foucault, Michel (2004): Geschichte der Gouvernementalität I+II, Frankfurt a.M. (Suhrkamp)


online seit 31.07.2008 15:49:38 (Printausgabe 42)
autorIn und feedback : Brigitte Bargetz, Gundula Ludwig


Links zum Artikel:
www.malmoe.org/artikel/widersprechen/1662Hausbesetzer-Interview
www.malmoe.org/artikel/widersprechen/1667Radfahren mit Critical Mass
www.malmoe.org/artikel/widersprechen/1646Bericht über Konferenz in Berlin zu städtischen Kämpfen



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