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  Post Porn Politics

Die Beschäftigung mit Theorie und Kritik der Pornografie nimmt zu

Dass die kritische Hinterfragung zeitgenössischer hegemonialer filmischer Pornografie mit Lust am Pornografischem zu verbinden ist, wollte das Symposium Post Porn Politics im Oktober letzten Jahres in Berlin beweisen. Das Symposium verstand sich als politische Intervention in das heteronormative Feld der kommerziellen Pornoproduktion und zugleich in den öffentlichen Mainstreamdiskurs über Pornografie.Tim Stüttgen, der Organisator des Symposiums, sieht in Postpornografie ein kritisch-revolutionäres Potenzial im sexuellen Repräsentations-Regime.

Was bedeutet „Post Pornografie“? Der Begriff wurde von der Theoretikerin Marie-Hélène Bourcier und vor allem von der Künstlerin Annie Sprinkle geprägt, die ihre eigenen Arbeiten kritisch und parodistisch vom heteronormativen Mainstream, für den sie davor als Pornodarstellerin tätig war, absetzte; ihre Arbeit steht für Lust und Unabhängigkeit in Loslösung von der Opferrolle.Post Porn könnte heute, so Lee Edelman im Symposium, für das Riskieren der sexuell identitären Existenzweise bei der Produktion pornografischer Bilder durch sexuelle Akte stehen oder auch für eine non-utopische Strategie für alternative Ökonomien zwischen Körpern und Lüsten jenseits von normativen Identitätszuschreibungen. Die These, dass die (körperliche) Geste, laut Agamben ein Mittel ohne Zweck, ein reines Mittel, ein Ausdruck ohne Ausdruck in der Postpornografie nicht geschlechtlich identitär zuordenbar wäre, könnte also gefasst werden.

Gerade in der queeren Pornografie werden postpornografische Bilder produziert, die auch alternative Körperartikulationen sexueller Subjektpositionen ermöglichen. Ein wichtiger Bezugspunkt für viele Beiträge auf dem Symposium waren die Thesen der Theoretikerin Beatriz Preciado. Sie sieht den Dildo als Mittel zur radikalen Geschlechtergleichberechtigung. Sie spricht sich für eine allumfassende polymorph-perverse Form des Umgangs mit dem Körper aus und meint, dass der Dildo einen radikalen Ausgleich sexueller und identitätspolitischer Ungleichheit schaffe und dass durch ihn eine Egalität zwischen den begehrenden Körpern etabliert werden könne. Sie geht wie Foucault davon aus, dass das Verhältnis zwischen sexuellen Wünschen und sexuellen Praktiken sowie Körpern und verwendeten Maschinen primär durch Machttechnologien und deren Geschichte bestimmt wird.

Im „Kontrasexuellen Manifest“ bezeichnet Preciado den Anus als radikaldemokratisch und feiert die ProletarierInnen des Anus als GründerInnen einer neuen, kontrasexuellen Gesellschaft. Sie schlägt vor, neue erogene Körperzonen zu schaffen, die von der Zuordnung Frau oder Mann sowie der Reproduktivität als Referenz losgelöst sind. Preciado plädiert in ihrem Manifest für Auflösung der herkömmlichen, durch Reproduktivität bestimmten Familienstrukturen,für alternative Beziehungsformen und für die Einführung von vertraglichem Sex.

In unmittelbarer zeitlicher Nähe zum Symposium fand das von Jürgen Brüning gestaltete 1. PORNFilmFestivalBERLIN statt, das einen möglichst interessanten Einblick in zeitgenössisches pornografisches Filmschaffen zu gewähren und eine breite Reflexion darüber zu eröffnen versuchte
Das Festival bestand aus 53 unterschiedlichen gescreenten Programmpunkten in 4 Kinosälen, und zwar in den Kant-Kinos – einem anspruchsvollen Programmkino - sowie im Xenon.

Das Festival umfasste drei Retrospektiven (Pornografisches aus den Niederlanden, Arbeiten von Maria Beatty sowie Todd Verow), einige Wettbewerbe, eine Ausstellung in der Galerie tristesse deluxe, Workshops (z.B. „Die Kunst des Zungenkusses“ von Bridge Markland), Vorträge, Performances, Diskussionen sowie Parties. Veröffentlichungen gab es fast den ganzen Oktober über.

Pornografische Filme werden heute größtenteils von Männern in der Regel allein angesehen. Das öffentliche Rezipieren pornografischer Filme im Kino und das Besprechen der Filme mit den FilmemacherInnen nach jedem Screening während des Festivals haben hier einen anderen Zugang, eine Öffnung ermöglicht und damit eine neue Form des kaum mehr existenten Pornokinos.

Können wir frei über Pornografisches sprechen, artikulieren, warum und wie uns eine pornografische Arbeit anspricht oder nicht anspricht, ohne unsere eigenen sexuellen Erfahrungen und Neigungen zu enthüllen? In welchem Rahmen kann so ein Gespräch stattfinden?

Im Festival wurden nicht nur pornografische Arbeiten im engeren Sinn gezeigt, sondern auch Filme über Pornodarstellerinnen, PornofilmmacherInnen und die Pornofilmproduktion, und Arbeiten, in denen es mit besonderer Intensität um Intimität und Sexualität geht. Sowohl gelungenes Enactment als auch Authentizität, z. B. durch das Agieren eines realen Liebespaares vor der Kamera, kann der Schlüssel zu interessanten Arbeiten sein. So hat die Pornofilmmacherin Emilie Jouvet, Frauen und Transgender-Personen eingeladen, als Paare, die für den Film allerdings größtenteils erst entstanden sind, miteinander Sex zu haben, und zwar so, wie es von ihnen selbst gewünscht wird, und damit der eigenen sexuellen Lust vor der Kamera Raum zu geben.

Mir ist durch den Besuch des Festivals klar geworden, dass es keinen Sinn macht, zwischen Pornofilmen und pornografischen Kunstfilmen zu unterscheiden, sondern viel mehr zwischen Arbeiten, die, Gegebenes hinterfragend, Aussagen treffen oder in denen ein bestimmter Versuch erkennbar wird, und solchen, die Stereotypen wiederholen und die in der heteronormativen Mainstream-Pornoindustrie geltenden Regeln (z.B. der come shot, die sichtbare Ejakulation der Männer, fungiert als sine qua non und damit als zentrales Element, die Gesichter der Männer werden aber selten und im Moment der Ejakulation gar nicht gezeigt) beachten.

Die These, dass die postpornografische körperliche Geste eine sei, die keiner geschlechtlichen Identität zuordenbar ist, konnte durch das Festival meiner Meinung nach verifiziert werden.

Zu sehen waren Körper, männlich, weiblich oder transgender, die einander berühren, einander einnehmen, in einander eindringen. Natürlich gibt es in jedem sexuellen Akt Rollen; doch diese sind gegen einander austauschbar. She-Males agieren übrigens auch in Mainstream-Pornos, z.B. von Nacho Vidal. Dass Frauen Männer mit einem strap on (Dildo mit Gurt) ficken, bleibt aber wohl eher noch ein seltenes Bild.



Siehe dazu:

Beatriz Preciado: "Gender And Sex Copyleft" und "The Intersectional Digital Darkroom" in: Volcano, Del La Grace: "Sex Works", Tübingen: Konkursbuchverlag, 2005
Beatriz Preciado: „Kontrasexuelles Manifest“, Berlin: b_books, 2004
Tim Stüttgen: "Zehn Fragmente zu einer Kartographie postpornographischer Politiken" , in: Texte Zur Kunst: Porno, Nr. 64




Sabine Sonnenschein ist Choreografin sowie Performerin und gibt sinnlich-tantrische Körperarbeit


Sabine Sonnenschein und Marty Huber zeigen "pornonom. ein Versuch über Heteronomie und Sex" im Wiener Tanzquartier (Studios) am 5., 10. und 14.4. 2007, jeweils 18h30






online seit 02.04.2007 13:19:50 (Printausgabe 36)
autorIn und feedback : Sabine Sonnenschein


Links zum Artikel:
www.pornfilmfestivalberlin.dePorn Film Festival Berlin
www.postpornpolitics.comPost Porn Tagung
www.wuk.at/sonnenscheinWebsite von Sabine Sonnenschein
www.kama-institut.atSabine Sonnenschein
www.tqw.at"Pornonom" im Tanzquartier Wien am 5., 10. und 14.4. 2007
www.malmoe.org/artikel/alltag/1376Malmoe-Schwerpunkt "Porno Intellektuelle" in Heft 36
www.malmoe.org/artikel/alltag/1377PorNo oder PornOn? Geschichte queerer Politisierung, von Marty Huber
www.malmoe.org/artikel/erlebnispark/1353Filmrezension "Shortbus" von Moira Hille



Wie vorher!

aus dem Diskursiv: Vom Leben mit Kindern
[05.10.2018,Monika Vykoukal]


Neiiiihhin!

aus dem Diskursiv:
Vom Leben mit Kindern [05.10.2018,Patrick Ward]


Er hat die Melone so gern

aus dem Diskursiv:
Vom Leben mit Kindern [05.10.2018,Benjamin Herr]


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