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  Die ArbeiterInnen mögen die Arbeit nicht

...auch heute noch nicht, obwohl der Kampf gegen die Arbeit schwieriger ist

Das Lob der Faulheit wird heute in linken Kreisen vorwiegend von der so genannten „wertkritischen“ Denkschule gesungen, die Kapitalismus als alles absorbierendes System kritisieren, das nicht durch Klassenkampf, sondern nur durch eine Kritik und anschließende Überwindung der Warenform attackiert werden kann.

Als die WertkritikerInnen Anfang der 1990er entdeckten, dass die Arbeit nichts Gutes ist, sondern Teil des Kapitalismus, sahen sie nur die Äüßerungen von denen, die sie “ArbeiterInnenbewegungsmarxistInnen” nannten. Aufgrund der üblichen Verlautbarungen der Linken und den Kämpfen um den Erhalt von Arbeitsplätzen, dachten sie, ArbeiterInnen wollten hauptsächlich arbeiten und nur sie als KritikerInnen hätten das Bewusstsein, das zu erkennen. Dabei war es im Gegenteil so, dass der Fordismus durch die Erwartungshaltung der ArbeiterInnen in die Krise gebracht wurde: die ArbeiterInnen wollten einen Farbfernseher, aber sie wollten nicht (oder nur sehr wenig) dafür arbeiten [1].

In Italien entstand die revolutionäre Strömung des “Operaismus” (“Arbeiterismus”), der die Klassenkämpfe wieder ins Zentrum stellte. Die Kämpfe einer autonomen ArbeiterInnenklasse, autonom vom Kapital, gegen die Arbeit, autonom aber auch von den disziplinierenden linken Parteien und Gewerkschaften: es wurde die Arbeit gesehen und das, was die UnternehmerInnen als Mehrwert von den durch die ArbeiterInnen produzierten Werten einbehielten. Es ging darum, das Verhältnis zwischen finanzieller Reproduktion und Mehrwert zugunsten der ArbeiterInnen zu verschieben, etwa durch Erhöhung der Löhne und durch Verkürzung der Arbeitszeit. Wenn die UnternehmerInnen darauf mit Investitionen zur Erhöhung der Produktivität reagierten, wurde das mit neuen Kämpfen um weniger Arbeit beantwortet. In den damaligen Auseinandersetzungen in Italien erschien es so, als könnten die ArbeiterInnen tatsächlich eine Krise des Kapitalismus produzieren, weil der Einsatz der Kämpfe schneller erfolgte als die Steigerung der Produktivität durch den Einsatz der Maschinen gegen die ArbeiterInnen. Das wünschten sich die linksradikalen TheoretikerInnen und viele kämpfende ArbeiterInnen (ist aber nicht gelungen).

Es war die Zeit der Blüte des Wohlfahrtsstaats: die finanzielle “Reproduktion” der ArbeiterInnen wurde auch außerhalb der Fabrik durch Sozialleistungen gesichert. Auch dort, wo nicht gekämpft wurde, zeigte sich der Widerstand der ArbeiterInnen als Verringerung des Mehrwerts für die UnternehmerInnen durch individuelle Verweigerungen. Zu Zeiten der Vollbeschäftigung waren Lohnforderungen möglich, weil keine Angst vor Entlassung bestand, jedeR konnte damit drohen, einen anderen Job anzunehmen: das war selbst in Österreich so und wurde als “positive Lohndrift” theoretisiert. In vielen Betrieben wurden individuell höhere Löhne ausgehandelt, als von den SozialpartnerInnen tariflich vorgegeben.

Und dann gab es noch die Vielfältigkeit der Organsiation des eigenen Lebens innerhalb der Arbeitszeit, von den italienischen RevolutionärInnen (aber nicht nur von ihnen) als “Kampf gegen die Arbeit” bezeichnet. Und das gab es auch in den nicht so revolutionären Arbeitsstätten in unseren Breiten: langsam arbeiten, sich während der Arbeit betrinken, Karten spielen, kleine Geschäfte tätigen (z.B. Selbstgebrannten verkaufen), sich hinter der Maschine verstecken und dösen. Ein wichtiger Akt der Solidarität war immer, nicht zu schnell zu arbeiten, zu Fleißige wurden zurechtgewiesen, im Notfall auch mit körperlicher Drohung, die UnternehmerInnen sollten nicht wissen, was an Produktivität möglich wäre. Und dann gab es noch die Möglichkeit des Krankfeierns (“Lieber krank feiern als gesund schuften!”).

Obwohl das schon lange nicht mehr aktuell ist, schreibe ich nicht, wo ich das erlebt habe, um die entsprechenden ArbeiterInnen nicht zu denunzieren: Es war in unterschiedlichen Betrieben, ich vermute aber, es passierte überall, wo die ArbeiterInnen die Möglichkeit dazu hatten.

Die Antwort darauf war die Disziplinierung durch die Erwerbsarbeitslosigkeit. Aus Angst vor Entlassungen sind die Formen des Widerstands schwieriger geworden, aber es gibt sie nichtsdestotrotz. Nicht umsonst sind heute die Schikanen gegen Erwerbsarbeitslose ärger als damals, als es wirklich noch leichter war, einen Job zu bekommen. Sie sollen sich nur unwohl fühlen und Angst und Druck auf die noch Arbeitenden ausüben.

Die WertkritikerInnen sind ein Produkt der Krise der ArbeiterInnenbewegung und der Diskurs als Kritik und Denunziation der Arbeit ist schon okay, aber es müsste nicht immer in einem solchen denunziatorischen Stil vorgetragen werden. Bleiben sie ja doch bei der “Aufklärung” stehen, die keinen Bezug zum wirklichen Leben hat, nicht nur keinen zur Lohnarbeit. Aber aus operaistischer Sicht gäbe es noch viel dazu zu sagen...



[1] vgl. Lüscher, Rudolf M. (1988): Henry und die Krümelmonster. Versuch über den fordistischen Sozialcharakter. Tübingen: Konkursbuchverlag.





online seit 27.03.2007 17:19:02 (Printausgabe 36)
autorIn und feedback : Robert Foltin


Links zum Artikel:
www.malmoe.org/artikel/alltag/1375Recht auf Faulheit von Martin Schäfer
www.malmoe.org/artikel/alltag/1372Tristesse ade, bonjour Pares(s)e? von Radostina Patulova



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