MALMOE

Wo ist vorn und hinten im Zeichenwald?

Lesen, an die frische Luft gehen, Spuren suchen, stolpern, und dann nochmal von vorn

Heute, wo die Kultur großteils Lockdown-bedingt Pause machen muss, vielleicht nicht mehr leicht nachvollziehbar: In dem Umfeld, in dem MALMOE rund um die Jahrtausendwende entstanden ist, galt die Verknüpfung von kulturellen mit politischen und wirtschaftlichen Fragen als spannendes und kampfwürdiges Feld. Wer sich subkulturellen Szenen und Ästhetiken zugehörig fühlte, und diese mit einem bestimmten oppositionell-emanzipatorischen Geist verband, wurde rund um die Jahrtausendwende verstärkt mit etwas konfrontiert, was wie eine feindliche Vereinnahmung und illegitime Umdeutung erschien: In Werbung und Sonntagsreden wurde eine „New Economy“ beschworen, der zufolge sich Börsenhandel und Unternehmertum um persönliche Selbstverwirklichung statt um Ausbeutung drehen, und wo neuerdings all die coolen Klamotten, Verhaltensweisen und Sprüche benutzt werden konnten, die einst dem Nachtleben und sonstigen Oasen der Nicht-Arbeit vorbehalten waren. Spurenelemente davon sind heute noch in der Überhöhung von Krypto- und Robinhood-Aktien-Zockerei übrig. Auch die ästhetische Erneuerung der Neonazis, die heute als „Identitäre“ öffentlichkeitswirksam ist, schien der Auflösung symbolischer Grenzen zuzuarbeiten.

Diese feindlichen Aneignungsversuche zu entdecken, zu beschreiben und zu kritisieren, war ein wichtiger Antrieb für Leute wie mich, eine Art Spurensuche in der mit Leidenschaften verknüpften Welt der Zeichen, Symbole und Bedeutungszusammenhänge, die einen wesentlichen Teil von Kultur nun mal ausmachen. Tolle Sachbücher machten dazu verlockende Deutungsangebote, die wir gierig verschlangen und weiterzuspinnen versuchten.

Naomi Klein hatte mit ihrem Bestseller No Logo die kommerziell-kulturelle Aneignung afroamerikanischer und anderer Subkulturen durch Konzerne beschrieben und skandalisiert. Toni Negri plädierte mit seinen Schriften dafür, der individualisierenden Feier des Jungunternehmertums im New-Economy-Diskurs nicht nur den Hinweis auf die Realität von prekärer Scheinselbständigkeit entgegenzusetzen, sondern diese mit der Perspektive der kooperativen Selbstorganisation zu verknüpfen.

er Versuch, mit solchem theoretischen Rüstzeug im Gepäck journalistische Texte hinzukriegen (also solche, die zusätzlich zu den Visionen der Schreibenden auch Recherche beinhalten, und durch Verständlichkeit und interessante Aufmachung sich um das Lesepublikum bemühen), klappte nicht immer so toll wie erhofft. Die Einsicht, dass das die erhoffte Breitenwirksamkeit einschränkt und unsichtbare Barrieren und Ausschlüsse bei der Erweiterung von Redaktion und Lesepublikum produziert, war schmerzhaft und erwies sich als sehr schwer zu überwinden – mit dem leider verlockenden Filterblasen-Nebeneffekt, dass so manch verheißungsvolle theoretische Perspektive länger vor harten Reality Checks geschützt blieb als gut tat.

Der Spaß an dieser Tätigkeit hat sich im Zeitablauf zwar nicht wesentlich verändert, der Raum in meinem eigenen Leben dafür aber schon. Während ich unverändert lohnarbeite, verbringe ich die Zeit, die ich früher für MALMOE – das Recherchieren, Schreiben und Treffen, das Pläne wälzen – aufgewendet habe, jetzt vorwiegend mit meinen Kindern und damit zu lesen, was andere schreiben.

Gesellschaft deutende Bestseller heute heißen nicht zufällig Das Ende der Illusionen (Andreas Reckwitz) oder schlimmer: Weil die Krise auf vielen Ebenen heute viel offensichtlicher ist, sieht es heute im Gegensatz zu damals so aus, als ob es weniger um die Bekämpfung allzu märchenhafter Versprechungen von Wirtschafts- und Polit-Eliten ginge, wie um die Frage, ob solidarische Formen der Krisenantworten gegen Forderungen bestehen können, die Krise als Chance für die Rückkehr in verschiedene Formen dunkler Vergangenheiten zu nutzen.

Solange Telepathie noch nicht funktioniert, findet die gesellschaftliche Debatte darüber unweigerlich medienvermittelt statt, und deshalb bleiben Medien, die nicht bloß Vehikel eines Geschäftsinteresses oder einer wahlwerbenden Partei sind, so unverzichtbar.

Beat war von 2000 bis 2010 Teil des MALMOE-Redaktionskollektivs und hat das Ressort „Verdienen“ betreut.