MALMOE

Zeig mir, wie du wohnst und ich sag dir, wer du bist

Wohnst du noch oder leb­st du schon? Das Regal MALM (ohne oe!), das Bettgestell GUTVIK oder das Stuh­lkissen KACKLING, so leg­endär sie auch vom schwedis­chen Möbel­her­steller benan­nt sein mögen, die sym­pa­thisch klin­gen­den Möbel bekom­men Konkur­renz. Denn um sich stil­voll mit den eige­nen vier Wän­den von anderen unre­flek­tierten Wohnen­den abgren­zen zu kön­nen, reichen BILLY und Co. schon längst nicht mehr aus.

In den großstädtis­chen Alt­bau­woh­nun­gen wird gemixt, was das Zeug hält, und das nicht nur beim Veg­an-Matcha-Detox-Smooth­ie. Der Retro-Charme hält Einzug in Woh­nun­gen. Dies wird auch eigens in Woh­nungsrat­ge­bern betitelt: Urban Vin­tage heißt das Stich­wort. Die authen­tis­che und per­sön­liche Ein­rich­tung wird hier per Anleitung erk­lärt – wie soll das eigentlich gehen?

Zeig mir, wie du wohnst und ich sage dir, wer du bist: Wurde Sta­tus und Ver­mö­gen in barock­en Möbel­stück­en unüberse­hbar durch Prunk und Gold verkör­pert, geschieht das im Jahre 2020 schon etwas sub­til­er. Ein 50er-Jahre-Side­board mit spitz zulaufend­en Beinen, nach stun­den­langer Jagd auf Online-Flohmärk­ten ergat­tert, kön­nte so einiges über seine*n Besitzer*in aus­sagen: ressourcenscho­nen­des, klimabe­wusstes Kon­sumver­hal­ten oder reflek­tierte Kri­tik am Kon­sum an sich – zum Beispiel. Ein Ohrens­es­sel kön­nte auch schlicht und ein­fach das Herz der Woh­nung zieren, weil ein neues Möbel­stück zu teuer gewe­sen wäre. Doch Flohmark­tschnäp­pchen sind die meis­ten Retro-Möbel bei weit­em nicht und die Kli­makrise oder den Kon­sum prangern sie auch nicht an. Retro ste­ht in den Wohnz­im­mern, um Sta­tus zu markieren: Studiert, finanziell unab­hängig, urban ver­ankert, indi­vidu­ell und natür­lich – stil­be­wusst.

Der wirre Mix an Stil- und For­men­sprachen, der für Jugendstilarchitekt*innen ein Graus gewe­sen wäre, find­et doch auch seine Par­al­lele zum Design­ver­ständ­nis um die Jahrhun­der­twende. Während zu Beginn des 20. Jahrhun­derts alles in ein­er ein­heitlichen For­men­sprache durchgestylt wurde, vom Raum, zum Möbel, zum Löf­fel bis hin zur Unter­hose, begeg­nen wir heute einem Sam­mel­suri­um. Doch wie sprung­haft dieser Mix auch sein mag, er gestal­tet eben­so kon­se­quent alle Lebens­bere­iche.

Das kann schon alles recht ver­wirrend sein: Blick in den 60er-Jahre-Nieren­spiegel, die bunte 80er-Vin­tage-Jacke zugeknöpft und noch schnell den kessen 90er-Topf­schnitt zurecht gewuschelt und man ist bere­it, das Self­ie #ready­foryo­ga­les­son #self-care auf Insta­gram zu posten – um sich ein­fach mal abzuheben. Aber von wem eigentlich?