MALMOE

Degrowth Vienna 2020

Femi­nis­ti­sche Öko­no­mie #11

Jeden Frei­tag gehen welt­weit junge Men­schen auf die Straße. Unter dem Motto „Fri­days for Future“ for­dern sie nichts weni­ger, als wirk­same Maß­nah­men gegen die Kli­ma­ka­ta­stro­phe zu set­zen.

Aber wie kann ein Sys­tem aus­schauen, das Ant­wor­ten auf die öko­lo­gi­schen, wie auch sozia­len Kri­sen unse­rer Zeit fin­det? Degrowth, auf Deutsch meist mit Post­wachs­tum über­setzt, schlägt dafür einen radi­ka­len Sys­tem­wan­del vor. Als Abspal­tung aus der öko­lo­gi­schen Öko­no­mik in den 1980er Jah­ren ent­stan­den, liegt Degrowth die Ein­sicht zugrunde, dass in dem end­li­chen Sys­tem Erde kein end­lo­ses Wachs­tum mög­lich ist. „Grü­nes“ und „nach­hal­ti­ges“ Wachs­tum repro­du­ziert nur die Feh­ler des kapi­ta­lis­ti­schen Sys­tems, anstatt es tief­grei­fend zu ver­än­dern. Effi­zi­enz­ge­winne füh­ren nicht etwa dazu, dass ins­ge­samt weni­ger Roh­stoffe und Ener­gie ver­braucht wer­den, son­dern stei­gern den Bedarf; theo­re­tisch ver­brauchs­är­mere Autos wer­den bei­spiels­weise grö­ßer oder öfter gefah­ren (Jevons Para­do­xon oder Rebound-Effekt). Der stei­gende Bedarf an Res­sour­cen ver­stärkt sozial-öko­lo­gi­sche Kri­sen und lokale wie glo­bale Ungleich­hei­ten wei­ter, aus Umwelt­zer­stö­rung wer­den neue Märkte geschaf­fen (Stich­wort Emis­si­ons­han­del).

Damit eine Neu­ord­nung der Gesell­schaf­ten und der gesell­schaft­li­chen Natur­ver­hält­nisse gelin­gen kann, ist ein radi­ka­ler Bruch mit dem Sta­tus quo not­wen­dig. Anstelle von Top-down-Ent­schei­dun­gen braucht es eine breite Mit­wir­kung unter­schied­li­cher Akteur*innen und umso mehr der Grup­pen, die im aktu­el­len Sys­tem struk­tu­rell benach­tei­ligt wer­den. Anstatt Wachs­tum unhin­ter­fragt als obers­tes Kri­te­rium für Wohl­stand zu pro­pa­gie­ren, muss neu ver­han­delt wer­den, was ein gutes Leben für alle aus­macht, was es dazu braucht und wel­che Berei­che dafür wei­ter­wach­sen müs­sen; so soll Sorge-Arbeit und Repro­duk­tion abseits von Kom­mo­di­fi­zie­rung und Markt­lo­gik ins Zen­trum gesell­schaft­li­cher Auf­ga­ben gerückt wer­den.

Als soziale Bewe­gung und auf­stre­ben­des For­schungs­feld hat sich Degrowth mit kon­zep­tio­nel­len Dis­kus­sio­nen, kon­kre­ten Uto­pien und Fall­stu­dien zu sozial-öko­lo­gi­schen Trans­for­ma­tio­nen aus­ein­an­der­ge­setzt. Gerade wegen die­ser Dop­pel­rolle zwi­schen Bewe­gung und For­schungs­com­mu­nity spie­len Kon­fe­ren­zen für den Degrowth-Dis­kurs eine sehr wich­tige Rolle. Vom 29.5. bis 1.6.2020 fin­det erst­mals eine Degrowth-Kon­fe­renz in Wien statt. Die Kon­fe­renz legt den the­ma­ti­schen Fokus auf Stra­te­gien für eine Degrowth-Trans­for­ma­tion und bie­tet Wissenschaftler*innen, Prak­ti­zie­ren­den, Künstler*innen und Aktivist*innen Raum für Aus­tausch, Refle­xion und (Weiter-)Entwicklung kon­kre­ter Stra­te­gien.

Damit der Sys­tem­wan­del und der damit ver­bun­dene Aus­hand­lungs­pro­zess hin zu einer sozial gerech­ten und kli­ma­ver­träg­li­chen Zukunft füh­ren kann, müs­sen inter­sek­tio­nal-femi­nis­ti­sche Per­spek­ti­ven imma­nent mit dem Degrowth-Dis­kurs ver­wo­ben wer­den. Gemein­sam mit der Femi­nism and Degrowth Alli­ance (FaDA), Care Revo­lu­tion, ZARA, der Armuts­kon­fe­renz, Frau­en­hetz, Femi­nist Attac! und dem Netz­werk Grund­ein­kom­men wird aktu­ell ein femi­nis­ti­scher Track für die Kon­fe­renz geplant. Die drei kon­se­ku­ti­ven Ses­si­ons sol­len den Aus­tausch von Akteur*innen mit unter­schied­li­chen Hin­ter­grün­den för­dern und inter­sek­tio­nal-femi­nis­ti­schen Debat­ten in Degrowth-Stra­te­gien Raum geben, um gemein­sam an einer bes­se­ren Zukunft zu bas­teln.

Degrowth Vienna fin­det von 29.5. bis 1.6.2020 als Online-Kon­fe­renz statt. Alle Infos zum Pro­gramm unter: https://www.degrowthvienna2020.org/

Zum Wei­ter­le­sen:
D’Alisa, Gia­como; Dema­ria, Feder­ico; Kal­lis, Gior­gos (eds. 2014): Degrowth: A Voca­bu­lary for a New Era, New York: Rout­ledge.
Deng­ler, Corinna; See­ba­cher, Lisa Marie (2019): What about the Glo­bal South? Towards a Femi­nist Deco­lo­nial Degrowth Approach. In: Eco­lo­gi­cal Eco­no­mics, 157, 246–252.