MALMOE

„Es sind halt ein paar Euro mehr“

Fem­i­nis­tis­che Ökonomie #10

Ökonomis­che Diskri­m­inierung auf­grund von Geschlecht hat viele Facetten. Wie all­ge­mein bekan­nt ver­richt­en Frauen in Öster­re­ich den Großteil von unbezahlter Arbeit, sind häu­figer von Armutsge­fährdung betrof­fen als Män­ner, kom­men bei gle­ich­er Qual­i­fika­tion sel­tener in Führungspo­si­tio­nen und erhal­ten für die gle­iche Arbeit weniger Lohn. Worüber aber nur sel­ten gesprochen wird: Auch bei Preisen beste­hen geschlechter­spez­i­fis­che Unter­schiede. Gen­der Pric­ing beze­ich­net die Prax­is, ver­gle­ich­bare Pro­duk­te oder Dien­stleis­tun­gen für männliche und weib­liche Ziel­grup­pen anzu­bi­eten – zu unter­schiedlichen Preisen. Eine aktuelle Studie des IHS für die Frauen der Gew­erkschaft des öffentlichen Dien­stes (GÖD) ermit­telt erst­mals Ergeb­nisse für Gen­der Pric­ing in Öster­re­ich.

Für den Dien­stleis­tungs­bere­ich wur­den öster­re­ichis­che Frisier­sa­lons und Tex­til­reini­gun­gen tele­fonisch befragt. Frauen bezahlen für densel­ben Ser­vice in Frisier­sa­lons – Waschen, Schnei­den und Trock­nen bei kurzen Haaren – durch­schnit­tlich 11 Euro mehr als Män­ner. Nur 13 Prozent der Frisier­sa­lons ver­rech­nen den gle­ichen Preis für Män­ner und Frauen. Das bedeutet, 87 Prozent der Frisier­sa­lons behan­deln Frauen und Män­ner ungle­ich und set­zen sich somit über das seit 2008 gel­tende Gle­ich­be­hand­lungs­ge­setz hin­weg. Die Frage, ob es als Frau möglich ist, einen Her­renser­vice zu Män­ner­preisen in Anspruch zu nehmen, verneinen 60 Prozent der befragten Salons. Eben­so ver­rech­nen 96 Prozent der Tex­til­reini­gun­gen für die Reini­gung ein­er Bluse einen dop­pelt so hohen Preis wie für die Reini­gung eines ver­gle­ich­baren Baum­woll­hemdes.

Für die beste­hen­den Preisun­ter­schiede im Dien­stleis­tungs­bere­ich wur­den von Seit­en der Anbieter_innen Begrün­dun­gen genan­nt, die die Geschlechterthe­o­rie nach Judith But­ler wider­spiegeln. Eine Annahme But­lers1Judith But­ler (1991): Das Unbe­ha­gen der Geschlechter. Suhrkamp, Frank­furt am Main lautet, dass Geschlecht durch alltägliche, per­for­ma­tive Hand­lun­gen repro­duziert wird. Dies kommt in fol­gen­der Aus­sage ein­er Mitar­bei­t­erin ein­er Tex­til­reini­gung zum Aus­druck: „Eine Bluse hat die Knöpfe auf der anderen Seite. Bluse ist Bluse, Hemd ist Hemd.“ Dadurch, dass Blusen als Blusen definiert und als solche markiert wer­den, wird per­for­ma­tiv eine Unter­schei­dung hergestellt, die zur Grund­lage von geschlechter­spez­i­fis­ch­er Preis­gestal­tung herange­zo­gen wird. Auf­grund dieser per­for­ma­tiv­en Hand­lung wird es möglich, die Bepreisung nicht nach Arbeit­saufwand zu gestal­ten, son­dern ent­lang geschlechtlich­er Markierun­gen.

Weit­ers bestätigt sich in den Tele­fon­be­fra­gun­gen ein enger Zusam­men­hang zwis­chen der Repro­duk­tion von Geschlecht und Kon­sum. Eine Mitar­bei­t­erin eines Frisier­sa­lons teilte mit: „Bei den Frauen muss ich das Fem­i­nine beibehal­ten, und das dauert länger.“ Das Fem­i­nine ist nicht ein­fach da, son­dern muss (re-)produziert wer­den. Die Repro­duk­tion von Geschlecht ist mit Mehrar­beit ver­bun­den, die mitunter über die Inanspruch­nahme von kör­per­na­hen Dien­stleis­tun­gen geschieht.

Um Gen­der Pric­ing bei kör­per­na­hen Pro­duk­ten zu ermit­teln, wur­den 5.000 Artikel in elf Pro­duk­tkat­e­gorien unter­sucht. Daraus ergab sich, dass in Öster­re­ich zwar Pflege­pro­duk­te für Frauen ange­boten wer­den, die im Schnitt um 9 Euro mehr pro Pack­ung kosten, diese aber nicht unbe­d­ingt in gle­ichem Aus­maß nachge­fragt wer­den, denn am lieb­sten nachge­fragt wer­den Frauen­pro­duk­te, die im Schnitt um 8 Euro bil­liger als Män­ner­pro­duk­te sind.

Span­nend ist aber auch die Poli­tik der Preis­gestal­tung von nur Frauen zugedacht­en Pro­duk­ten: Tam­pons als Verkauf­sware wer­den auss­chließlich von Frauen (bei denen Monats­blu­tun­gen auftreten) benötigt. In der fem­i­nis­tis­chen Ökonomie existiert ein bre­it­er Diskurs über die Bew­er­tung der Repro­duk­tion der Men­schheit, die von Frauen im Rah­men von kör­perge­bun­den­er Arbeit (Schwanger­schaft, Geburt, Stillen) und von kör­pe­runge­bun­de­nen Leis­tun­gen wie Kinder­erziehung, Haushalts­führung und Pflege geleis­tet wird. Anstatt Monat­spro­duk­te wie Tam­pons als Zeichen der Wertschätzung für diese Kör­per­ar­beit gratis abzugeben, wer­den sie rel­a­tiv teuer verkauft und zusät­zlich besteuert: Im EU-Schnitt kosten 10 Tam­pons 1,5 Euro. Grob gerech­net kosten Tam­pons Frauen in Öster­re­ich über den Leben­szyk­lus rund 1.500 Euro. Bei ein­er Besteuerung von 20 Prozent in Öster­re­ich sind das rund 300 Euro Steuer­an­teil. In der vor­liegen­den Studie wird gefordert, entwed­er die Steuern auf Monat­shy­gien­e­pro­duk­te auszuset­zen (wie bere­its in Aus­tralien, Kana­da und Indi­en) oder sie zumin­d­est mit einem ermäßigten Steuer­satz wie für andere täglich benötigte Pro­duk­te (wie Lebens- oder Arzneimit­tel in Öster­re­ich bei 10 bzw. 13 Prozent) zu bele­gen.

Karin Schönpflug, Vik­to­ria Eber­hardt (2019): Gen­der Pric­ing. Ein Baustein in der Betra­ch­tung von geschlechtsspez­i­fis­ch­er Ungle­ich­heit. IHS, Wien