MALMOE

Sing, Sing, Sing!

Kukolka schil­dert den har­ten All­tag am Rande der Gesell­schaft in der Ukraine nach dem Ende der Sowjet­zeit. Der Debüt­ro­man von Lana Lux besticht durch glei­cher­ma­ßen unsen­ti­men­tale wie poe­ti­sche Schil­de­run­gen

An den Anfang erin­nere ich mich nicht. Ich erin­nere mich erst, als ich so unge­fähr fünf war. Es war 1993. Das habe ich mir spä­ter aus­ge­rech­net. Denn 1995, kurz vor der Ein­schu­lung, sag­ten sie mir, dass ich sie­ben bin. Ich habe das Gefühl, in mei­ner Kind­heit war nur Win­ter.“

So lau­ten die ers­ten Sätze aus Kukolka. Der nüch­tern-naive Ton­fall der Haupt­fi­gur und Erzäh­le­rin Samira ent­wi­ckelt einen Sog, dem man als Leser*in schlicht­weg aus­ge­lie­fert ist: Man muss wei­ter­le­sen, auch wenn es stel­len­weise eini­ges an Über­win­dung kos­tet, da mit­un­ter bru­tale Dar­stel­lun­gen meist sexu­el­ler Gewalt zu ertra­gen sind.

Samira wächst in einem ukrai­ni­schen Heim auf. Als ihre beste Freun­din Marina von einem rei­chen Paar adop­tiert und mit nach Deutsch­land genom­men wird, ist für sie klar: Dort will sie auch hin. Als eine der „Erzie­he­rin­nen“ Samira zum wie­der­hol­ten Male miss­han­delt, beschließt sie zu flüch­ten. Sie schafft es bis zum Bahn­hof, aber der Ver­such, ein Ticket nach Deutsch­land zu kau­fen, schei­tert kläg­lich. Statt­des­sen wird sie von Rocky ange­spro­chen, der sie sozu­sa­gen unter seine Fit­ti­che nimmt. Sie wohnt von nun an in einem her­un­ter­ge­kom­me­nen Haus am Stadt­rand mit einem Hau­fen Kin­der und Jugend­li­cher. Rocky ist Wohl- und Gewalt­tä­ter zugleich, ein ekel­haf­ter Kerl, der aller­dings einen Nar­ren an Samira, die er Kukolka (Püpp­chen) nennt, gefres­sen hat. Anfangs fühlt sich Samira wohl, doch schon bald schickt Rocky seine Schäf­chen zum Bet­teln und Fla­dern, manch­mal sol­len sie auch einen Kiosk anzün­den, um der Kon­kur­renz im hart umkämpf­ten Ban­den­all­tag eins aus­zu­wi­schen.

Vom Regen in die Traufe

Als Samira haut­nah mit­er­lebt, wie eine ihrer Mit­be­woh­ne­rin­nen bei einem miss­glück­ten Dieb­stahl erschos­sen wird, ändert sich ihr bis dahin eini­ger­ma­ßen nai­ves Welt­bild schlag­ar­tig und sie fällt in ein tie­fes Loch. Die Spi­rale scheint sich unauf­halt­sam nach unten zu dre­hen: Rocky beginnt ihr Avan­cen zu machen und nimmt sie zu einer Poker­runde mit, weil sie mit ihrer guten Stimme zur Unter­hal­tung der grin­di­gen Typen bei­tra­gen kann, die die nun Zehn­jäh­rige mit lüs­ter­nen Bli­cken über­häu­fen.

Da Samira in der Lage ist, die Her­zen der Passant_innen zu erwei­chen, singt sie von früh bis spät in einer beleb­ten Unter­füh­rung: „Am Anfang war es nicht so toll. Kal­ter Durch­zug, grauer Stein, drän­gende Men­schen, Pisse-Geruch.“

Eines Tages steht plötz­lich ihr ver­meint­li­cher Mär­chen­prinz vor ihr: Er heißt Dima, ist groß, gut­aus­se­hend und reich. Nach ein paar gehei­men Dates und eini­gem Hin und Her – sie hat ein schlech­tes Gewis­sen, Rocky im Stich zu las­sen – zieht sie zu ihm. Sie ist drei­zehn, er zwei­und­zwan­zig. Dima hat schöne Woh­nun­gen, sowohl in Dnipro als auch in Ber­lin. Er ver­spricht Samira, ihr den Traum von Deutsch­land und einer Kar­riere als Sän­ge­rin zu erfül­len. Man ahnt bereits, dass es zu schön ist, um wahr zu sein.

There is a light that never goes out

Bestechend und scho­nungs­los beschreibt Lana Lux das Leben am Rande der Gesell­schaft, die viel­schich­tige männ­li­che Gewalt und das Gefühl, in unver­rück­ba­ren Ver­hält­nis­sen gefan­gen zu sein. Sehr plau­si­bel zeigt sie, wie weib­li­che Abhän­gig­keit in patri­ar­cha­len Struk­tu­ren zustande kommt, wobei kein ein­zi­ger Typ gut weg­kommt, die unter­pri­vi­le­gier­ten ukrai­ni­schen Prolls genauso wenig wie die anony­men rei­chen Deut­schen. Alle haben sie gemein­sam, dass sie Frauen als Stück Fleisch wahr­neh­men. Und mit­ten­drin Samira, die sich ein­fach nicht zer­stö­ren lässt, obwohl so gut wie alles dafür unter­nom­men wird. Sie hat einen Traum und den wird sie sich erfül­len. Koste es, was es wolle.

Lana Lux (2019): Kukolka, Auf­bau Ver­lag (Taschen­buch), Ber­lin. Selbst­ver­ständ­lich erhält­lich in der Buch­hand­lung im Stu­wer­vier­tel, Stu­wer­straße 42, 1020 Wien.