MALMOE

Pädagogiken ohne Garantie

Auf dem Weg zu einer ethisch-politischen Praxis: Der dritte Teil unserer Serie nimmt Gayatri Chakravorty Spivaks Bezüge zur Pädagogik in den Fokus. Insbesondere geht es dabei darum, warum die postkoloniale Intellektuelle das Feld der Bildung, sowohl in den subalternen Räumen Indiens als auch auf einer New Yorker Elite-Universität, als zentralen Raum politischer Intervention sieht

Teil eins und zwei (in MALMOE#90 und #91) erarbeiteten zum einen die theoretischen Zugänge Spivaks, die sich selbst als dekonstruktivistisch-feministische Marxistin bezeichnet, und stellten darüber hinaus in Ansätzen ihren Praxisbezug her. Zum anderen wurden ihre Arbeiten vor dem Hintergrund einer postkolonialen Weltordnung aufgeschlüsselt. Einer durch globale Herrschafts- und Machtverhältnisse gekennzeichneten Struktur, die maßgeblich im Zeitalter des europäischen Kolonialismus etabliert wurde. Diese Macht- und Herrschaftssysteme haben nach erfolgreichen antikolonialen Bewegungen nicht einfach aufgehört, wirkmächtig eine kapitalistische Realität zu strukturieren.


Spivak beginnt ihr kritisches Nachdenken zumeist – ganz in marxistischer Tradition – mit der Beschreibung der Situation jener Gruppen in der Gesellschaft, die enorme Gewalt und Unterdrückung erfahren und zugleich maßgeblich für die Produktion des wirtschaftlichen Reichtums verantwortlich sind – wovon insbesondere der Westen profitiert. Wie auch andere feministische Denker_innen arbeitet sie dabei beharrlich die doppelte Ausbeutung von (subalternen) Frauen heraus, die unter extrem gewaltvollen und ausbeuterischen Verhältnissen als Folge der westlichen Imperialismus arbeiten und zudem in jahrhundertealten patriarchalen Strukturen unterdrückt werden. Im ländlichen Indien, wo Spivak als Lehrerin tätig ist, macht dies bspw. sowohl einen Blick auf postkoloniale Strukturen vonnöten als auch ein Hinterfragen des immer noch wirkmächtigen jahrtausendealten Kasten-Herrschaftssystems.

Die Betonung auf die Situation subalterner Frauen stellt gewissermaßen eine Diskursverschiebung in der internationalen Diskussion des zeitgenössischen Marxismus dar. Eine Verschiebung, die sich zum einen in die feministische Kritik der sogenannten zweiten Welle einschreibt und diese um die Sensibilisierung für die Kategorie ‚race‘ erweitert (insbesondere durch Vertreter_innen des Black Feminism). Zum anderen wird über eine Rezeption poststrukturalistischer Paradigmen Identitätspolitik im Allgemeinen und die damit im Zusammenhang stehende problematische Repräsentationspolitik westlicher Frauen, die meinen „für alle Frauen sprechen zu können“, als paternalistisch zurückgewiesen. Spivak führt so ein kritisches theoretisches Unterfangen weiter, das Theorien beharrlich nach ihren Ausschlüssen befragt und weiße Flecken kritisch untersucht. Es wäre ein Leichtes, bei dieser Analyse aufzuhören, doch steht bei Spivak stets eine pädagogisch-vermittelnde Praxis im Zentrum, die versucht, in die macht- und gewaltvollen Strukturen zu intervenieren. Es ist diese Haltung, an der der Einfluss Antonio Gramscis auf ihr Denken sichtbar wird.

Subalterne Räume und Hegemonie als pädagogisches Verhältnis

Wieso stimmen Subjekte ihrer eigenen Ausbeutung und Unterwerfung zu? Diese Frage, die unzählige Schriften angeregt hat und auch Spivak bewegt, beantwortet sie mit einer selbstkritischen Wendung. Die Subalternen, so Spivak, wissen das sie ihr Klassenfeind ist und als Angehörige der höheren Kasten eben jene repräsentiert, die die Unterdrückung zu verantworten haben. Obschon die Subalternen dies wissen, so Spivak weiter, wird der hegemoniale Diskurs von einem Schicksalsglauben bestimmt, der die Unterdrückten für ihre marginalisierte Position selbst verantwortlich macht.

Subalternität bezeichnet keine Identität, sondern vielmehr eine Subjektposition. Das heißt, Subalterne sind ein Teil der Demokratie, ohne, dass die Subjekte, die diese Position besetzen, von den Protokollen einer Demokratie Bescheid wissen. Die Inanspruchnahme ihrer demokratischen Rechte reduziert sich darauf, ihre eine Stimme bei der Wahl einzulösen. Zugang zur Zivilgesellschaft haben sie keinen. Darum sollten sich postkoloniale Intellektuelle davor hüten, Subalterne klar zu benennen oder gar zu definieren. Dies v. a. deshalb, weil zum einen subalterne Räume überall unterschiedlich strukturiert sind. Zum anderen läuft eine behauptete Bestimmung von Subalternität Gefahr, die Menschen in Forschungsobjekte zu verwandeln und so abermals ihre Unterwerfung zu perpetuieren – zumal diese Bestimmung stets nur von Machtpositionen aus geschehen kann. Die Nicht-Benennung und Verweigerung einfachen Logiken der Assimilation zu folgen, vermag es dann auch die Grenzen westlichen Wissens sichtbar zu machen.

Mit Karl Marx, der diese Dynamik im letzten Kapitel vom Kapital I, Die sogenannte ursprüngliche Akkumulation formulierte, fasst Spivak das Verhältnis folgendermaßen zusammen: „Sie wurden abhängig von uns – wir wurden enorm reich.“ Dass dieses Verhältnis nun maßgeblich ein pädagogisches ist, begründet Spivak u. a. mit Gramsci, der jede Hegemoniebeziehung zentral als ein pädagogisches Verhältnis versteht.

Um in dieses historisch gewachsene Ungleichheitsverhältnis eingreifen zu können, muss die Subjektformation ernstgenommen und in diese bewusst interveniert werden. Es handelt sich dabei um eine Intervention, die es gewissermaßen ermöglicht, ein Sein-Sollen in ein Sein-Wollen umzuwandeln. Passiert das nicht, so bleiben subalterne Räume weiter der global etablierten Formel von Korruption und Gewalt unterstellt.

Rekonstruktion einer Denkbewegung vom „Ver-lernen“ zum „Lernen von unten zu lernen“

In der selbst auferlegten Aufgabe sich dieser Herausforderung anzunehmen, experimentiert Spivak mit differenten Strategien. Viele dieser Strategien wurden breit rezipiert und nicht selten einer seltsamen Lesart unterworfen. Beim Ver-lernen verweist Spivak darauf , dass Privilegien nicht nur als Gewinn zu verstehen sind, sondern eben auch mit Verlusten einhergehen. So kann die Überwindung der Ignoranz vis-à-vis subalternen Räumen und der eigenen Verwicklung in Herrschaftsstrukturen, Möglichkeiten einer ethischen Entfaltung eröffnen. Spivak allerdings beschreibt, wie das Konzept zur voreiligen Entschuldigung von Unwissen missbraucht wird, um so eigene Privilegien zu rekonsolidieren. Sie zeigt sich daher skeptisch und bemerkt selbstkritisch, dass über mehrere Jahrhunderte aufgebaute Strukturen von Unterdrückung nicht einfach verlernt werden können. Ein epistemischer Wandel ist mit einem „kleinen Trick“ eben nicht zu haben. Trotz Spivaks Abwendung ist es ein Konzept, dass sich reger Beliebtheit erfreut. Es fragt sich hier, welche Funktion dieses in den westlichen Theoriearenen erfüllt.

Die Abkehr geht Hand in Hand mit dem Beginn ihres praktischen Engagements an Schulen in subalternen Räumen in Westbengalen (Indien) ab den 1980er Jahren. Es zeigt sich an eben solchen Kreuzungen , wie Spivaks eigener Ausspruch, die praktische Erfahrung müsse die Theorie in die Krise bringen, in ihre Arbeit einfließt.

Seit vielen Jahren unterstützt sie die Ausbildung von Lehrenden in der Hoffnung, eine Desubalternisierung einzuleiten. Nicht von ungefähr schwingt auch hier Marx’ Forderung aus den Thesen über Feuerbach, „dass der Erzieher [sic] selbst erzogen werden muss“, mit.

Ziel ist es Strukturen zu ändern, sodass Räume von Subalternität langfristig aufgelöst werden. Ihre Arbeit beschreibt sie als eine Bewegung, die bemüht ist, der gewaltvollen Distanzierung von intellektueller Arbeit entgegenzuwirken. Bei ihrem Engagement geht es darum geduldig zu versuchen, von jenen das Lernen zu lernen, denen das Recht auf intellektuelle Arbeit streitig gemacht wird. Das doppelte „Lernen zu lernen“ beschreibt die Grenzen vom etablierten Lernen und besagt in Kürze, dass eben das bekannte und vertraute Lernen immer wieder sabotiert und in einem Akt des Zuhörens neu gelernt werden müsse. Und das für und mit denjenigen, die nicht das Recht haben, intellektuell tätig zu sein. Einfache Rezepte und 10-Punkte-Pläne vermögen es kaum demagogischen Rhetoriken zu widerstehen. Und es wird so erst recht nicht möglich sein, zu verstehen, warum ein Großteil subalterner Wähler_innenstimmen diejenigen wählen, die sie tyrannisch unterwerfen.

Besonders vor dem Hintergrund, dass Menschen in subalternen Räumen nicht Schweigen, sondern zum Schweigen gebracht wurden, so bleibt das Annähern ein offenes Unterfangen ohne klar bestimmbaren Ausgang und vor allem ohne Garantie. Es ähnelt kaum zufällig Hannah Arendts Diktum vom „Denken ohne Geländer“.

Aus dieser Anstrengung erhofft sich Spivak auch etablierte Repräsentationsmodi, in denen in der Regel für Subalterne gesprochen wird, zu verändern. Ein „für sie sprechen“, so Spivak befriedigt oft mehr einem Willen „sich selbst sprechen zu hören“, denn das Objekt des Wohlwollens vom Westen, wird von den Subalternen nicht als das ihre erkannt: „Ich erkenne mich nicht in deiner Ansprache.“ Dies ist auch eine vehemente Kritik an etablierten Praxen international agierender NGOs, die sich nicht selten selbstherrlich, unhinterfragt und wenig selbstkritisch als die Fürsprecher_innen aller Unterjochten aufschwingen. Spivak zufolge ist dies nicht nur undemokratisch, sondern stabilisiert auch alte imperialistische Verhältnisse: Das Wohlwollen wird so allzu schnell zur Gewalt.

Trotzdem das Ver-lernen eine spannende Übung des Intellekts bleibt, ist verständlich, warum Spivak sich vor dreißig Jahren hin zum Lernen von unten zu lernen bewegt hat. Letzteres ist eine Strategie, die eine radikale Offenheit erlaubt, die viele in den Sozialwissenschaften sehr unzufrieden zurücklässt, da so die dort erkennbare Sehnsucht nach einfachen und unerschütterlichen Wahrheiten kaum befriedigt wird. Die Offenheit ist jedoch notwendig, da ein abgeschlossenes bzw. ein klar definierendes Konzept immer Gefahr läuft, positivistische Züge zu tragen und etablierte postkoloniale Machtstrukturen zu reproduzieren. Davon abgesehen, den Ansprüchen der Praxis oft überhaupt nicht gerecht werden.

An beiden Enden des dichotomen Spektrums ansetzen

Nun ist Spivak nicht nur Lehrende in subalternen Räumen, sondern bekanntlich auch Professorin an der New Yorker Elite-Universität Columbia. Während sie ihr Engagement in Indien mit ihrer historischen Schuld, die sie durch die Kasten- und Klassenposition ihrer Familie trägt, begründet, betont sie, dass das Ansetzten in subalternen Räumen (dem empfangenden Ende) allein heuchlerisch ist. Spivak folgend muss gleichermaßen auch in westlichen (Wissens-)Räumen (dem verteilenden Ende) angesetzt werden. Kurz: Es muss auch in die Herausbildung imperialistischer Subjekte interveniert werden. Bildungsprozesse beschreibt sie in diesem Zusammenhang als eine „möglichst zwangsfreie Neuordnung von Begehren“. Damit betont sie, dass es in der Bildung im Zuge von Dekolonisierungsprozessen darum gehen müsse, die Imaginationsfähigkeit durch ästhetische Bildung in der gemeinsam geteilten globalen Zeitlichkeit „an beiden Enden“ (Metropole – subalterner Raum) beharrlich herauszubilden. So versteht Spivak Bildung in erster Linie als eine Ausbildung zu einer anderen ethischen Gewohnheit. Erst wenn diese Form der Pädagogik Erfolg hat, kann ein nachhaltiger epistemischer Wandel in Gang gesetzt werden.

Bleibt sie allerdings eine unternehmerische Wohltätigkeit, die lediglich den Zugang zu Medien verbessert und absichert, führt dies nur zu einer Verstärkung von internationalen Kontrollen und damit abermals zu Unterdrückung und Ausbeutung nach bekanntem Schema. Denn Globalisierung, so Spivak, findet im Rahmen von Kapital- und Datenflüssen statt. Die permanente Informationsüberwältigung hat unsere Fähigkeit zu wissen und zu lesen, so Spivak, ruiniert. Wir haben keine Ahnung, was wir mit all den zirkulierenden Informationen anstellen sollen, geschweige denn, wie wir diese verstehen können und vielleicht, so ihre provokative These, wäre es sogar besser für die Qualität des Erkenntnisgewinns, das Internet abzustellen. In Zeiten von pandemischen Verschwörungstheorien wahrscheinlich eine gute Idee.

Abschluss

Spivaks Strategien und Reflexionen bleiben offen und frustrieren all’ jene, die nach einfachen und schnellen Lösungen für die großen und kleinen sozialen und politischen Probleme suchen. Doch von Gramsci inspiriert wissen wir, dass dem Pessimismus des Verstands ein Optimismus des Willens gegenübergestellt werden muss. Eine über mehrere Jahrhunderte aufgebaute globale Ungleichheit kann wohl kaum über Nacht rückgängig gemachen werden. Eine Hoffnung ohne Garantie wirft die spontanen Rebell_innen und avantgardistischen Radikalen zurück auf das Feld der Reflexion und Imagination. Jede Generation muss das Aufbegehren erproben. Ohne Imagination, eine erweiterte Denkungsart und Selbstkritik ist ein Wandel jedoch nicht zu haben.

Zum Abschluss unserer vierteiligen Serie, werden wir diesen Punkt vertiefen und uns anschauen, welches utopische Potenzial zum einen sich bei Spivak selbst finden lässt und zum anderen mit Spivak freizulegen ist.