MALMOE

„Der Spruch, Kapitalismus tötet, kommt vom Papst“

Die neue grüne Vize­bürg­er­meis­terin Bir­git Hebein im Inter­view

Die Wiener Vize­bürg­er­meis­terin hat sich Sam­stag Früh Zeit genom­men, um mit MALMOE in einem (nicht-)repräsentativen Café in ihrem Heimat­bezirk Rudolf­sheim-Fünfhaus zu sprechen. Da soll noch eine_r sagen, in Wien ste­he man nicht früh auf. Die langjährige Aktivistin wird zum linken Flügel der Grü­nen gezählt und hat sich den kri­tis­chen Nach­fra­gen unser­er Redak­tion gestellt.
Es ist 08:15 Uhr und wir fra­gen an der Bar, ob denn die Vize­bürg­er­meis­terin reserviert habe und wer­den auf einen Platz gewiesen. Dort bleiben wir nicht lange, denn sowohl Bir­git Hebein als auch MALMOE wollen im Freien sitzen. Kaf­fee wird bestellt und das Du-Wort ange­boten.

MALMOE: Guten Mor­gen, Bir­git Hebein. Du hast bere­its des Öfteren ver­laut­bart, dass du auch im Win­ter mit dem Fahrrad in die Arbeit fährst. Bist du heute mit dem Fahrrad da?

Hebein: Das wäre insze­niert, wenn ich das jet­zt sage, weil ich wohne hier um die Ecke. Aber ja, ich bin eine Som­mer- wie Win­ter­radlerin und ja, gele­gentlich borge ich mir ein Auto aus oder fahre mit den Öff­is. Mein Fahrrad ist tat­säch­lich ein Stück alltägliche Frei­heit für mich.

Was für ein Fahrrad fährst du eigentlich?

Ein gutes Fahrrad, es ist schon ein paar Jahre alt, ein Trekking-Rad.

Du hast einen beschaulichen Werde­gang hin­gelegt. Hochschulpoli­tik, Sozialar­beit, Bezirks- und Land­tagspoli­tik und nun amtierst du als Vize­bürg­er­meis­terin Wiens. Du warst eine jen­er Per­so­n­en, die man bei jedem linken Protest und bei jed­er Gedenkver­anstal­tung angetrof­fen hat, bei Demon­stra­tio­nen stets da, um junge Aktivist_innen aus den Polizeikesseln her­auszud­isku­tieren. Was ändert die neue Posi­tion an dein­er poli­tis­chen Teil­habe? Wird man dich trotz dieser zeit­in­ten­siv­en Auf­gabe noch auf der Straße tre­f­fen?

Ja, ich komme aus einem kleinen Dorf, aus ein­fachen Ver­hält­nis­sen und nein, ich sehe es nicht so, als hätte ich mich hin­aufgear­beit­et, wie ihr das for­muliert. Das Leben hat sich verän­dert und es waren immer wieder Begeg­nun­gen mit Men­schen, die dazu beige­tra­gen haben, dass ich jet­zt da ste­he, wo ich ste­he. Aber ich sehe es nicht als Auf­stieg, das impliziert, dass es früher was war – ein Abstieg? Es stimmt, ich habe jet­zt sehr viel Ver­ant­wor­tung aber ich ändere doch nicht meine Grund­hal­tun­gen. Ich bin Antifaschistin, ich bin weit­er­hin aktiv im KZ-Ver­band, ich bin Mut­ter, ich bin Fre­undin, Nach­barin. Es ist also nicht notwendig, mich auf eine Funk­tion zu reduzieren.

Was nimmst du aus diesen Erfahrun­gen mit in die neue Funk­tion und was lässt sich dein­er Ansicht nach top-down bess­er umset­zen als bot­tom-up?

Mein Zugang ist, dass Poli­tik nur gemein­sam funk­tion­ieren kann. Je mehr Druck auf der Straße passiert – und das merkt man an der Jugend­be­we­gung Fri­days for Future –, desto eher habe ich Möglichkeit­en, in der Poli­tik Konkretes einzu­fordern und umzuset­zen. Gle­ichzeit­ig habe ich natür­lich Ver­ant­wor­tungs­bere­iche, wo ich lenke und steuere. Zum Beispiel wenn ich eine Hitzekarte von Wien erstellen lasse, die zeigt, wo es am heißesten ist, wo am wenig­sten Grün­raum ist und wo die meis­ten alten Men­schen und Kinder leben, die am ärg­sten von der Hitze betrof­fen sind. Wenn ich dann eine Woche später Straßen absper­ren lasse, wie beim Pro­jekt „Coole Straßen“, dann steuere ich zwar, aber die Coolen Straßen sind nur gut, wenn die Bevölkerung sie benützt. Das heißt, die haben sich den öffentlichen Raum zurücker­obert. Da ist plöt­zlich unglaublich viel Leben passiert. Kinder haben sich den Raum genom­men genau­so wie Erwach­sene, die größte Couch von Wien wurde hingestellt, The­ater gespielt, die alten Leute haben sich auf die Bankerl geset­zt und geplaud­ert. Also ich denke, dass das nur gemein­sam möglich ist.

Die grüne Stadt­poli­tik hat diesen Som­mer vor allem mit diesen Coolen Straßen gewor­ben. Im Nation­al­ratswahlkampf geht es vor­wiegend um Ökolo­gie und um den „Anstand“ gegen rechts. Was wür­den Sie Kritiker_innen antworten, die dies unter dem Posten „Grüne Wohlfühl-Poli­tik“ ver­buchen und klas­sis­che linke The­men um die soziale Frage ver­mis­sen? Was kön­nen die Grü­nen diesen Men­schen bieten?

Linke Poli­tik ist Umwelt­poli­tik, ist Verteilungspoli­tik. Ich habe jet­zt das Beispiel der Coolen Straßen genan­nt. Was ist daran nicht in Ord­nung, wenn man dafür sorgt, dass sich Men­schen in der Stadt wohlfühlen? Außer­dem, bei dieser Hitze … Die Wohlhaben­den leis­ten sich die Häuser im Grü­nen und für die Men­schen, die hierbleiben, ist es doch gut zu schauen, dass sie sich wohlfühlen. Dieses Schwarz-Weiß finde ich nicht ange­bracht. Es muss unser gemein­sames Ziel sein, dass wed­er Men­sch noch Natur aus­ge­beutet wer­den und die Ressourcen nicht pri­vatisiert wer­den. Ich sehe es defin­i­tiv so, dass linke Poli­tik Umwelt­poli­tik und eben­so Verteilungspoli­tik ist. Was ist eine ökosoziale Steuer­reform, wenn nicht Verteilungspoli­tik? Man wird nicht daran vor­beikom­men, Wirtschaft anders zu denken und eine ökosoziale Steuer­reform ist für mich ein wesentlich­er Beitrag, der in die richtige Rich­tung geht.

Die Grü­nen schnei­den in den Wiener Innen­bezirken deut­lich bess­er ab als in den Außen­bezirken. In den klas­sis­chen Arbeiter_innenbezirken find­et der Wahlkampf – zumin­d­est der Sta­tis­tik nach – haupt­säch­lich zwis­chen Rot und Blau statt, wobei die Frei­heitlichen dort immer mehr Wähler_innen gewin­nen. Wie wer­den die Wiener Grü­nen unter Ihrer Führung ver­suchen, in diesen Bezirken einen Unter­schied zu machen? Plakatieren die Grü­nen dort über­haupt?

Mein Zugang ist der per­sön­liche Kon­takt und die direk­te Auseinan­der­set­zung vor Ort. Ich war gestern in der Nacht in Liesing bei ein­er Bürger_innenbeteiligung, bei der es darum ging, was sich die Leute dort wün­schen: tausende neue Woh­nun­gen, Infra­struk­tur und Wohn­raum. Zwei Tage vorher war ich im 10. Bezirk, wo der gesamte Reuman­nplatz umge­baut wird. Da geht es um Leben­squal­ität und auch die Favoritner_innen haben sich vieles gewün­scht: Begeg­nungszo­nen, Kinder­spiel­bere­iche, Park­bänke und Beschat­tung. In Sim­mer­ing, vier Tage vorher, habe ich eine Schul­straße eröffnet, gemein­sam mit Schüler_innen, Lehrer_innen, Eltern­vere­in und Polizei. Weil es hier um die Sicher­heit der Kinder geht. Ein Pilot­pro­jekt, dass man nicht nur in der Früh die Straße sper­rt, son­dern auch am Nach­mit­tag. In der Innen­stadt wiederum herrscht durch das dicht ver­baute Gebi­et eine andere Prob­lematik – die Hitze. Dort geht es um Verkehrs­beruhi­gung und Rück­bau sowie um die Schaf­fung von öffentlichem Raum für alle. In den Außen­bezirken, das habe ich gestern in Liesing wieder erlebt, ist die Hitze natür­lich auch ein Prob­lem und dort haben sie eben­falls ein Verkehrsprob­lem, erzählen mir die Leute. Sie sind auf das Auto angewiesen, weil es zu wenig öffentliche Verkehrsmit­tel gibt. Das ver­ste­he ich. Hier zu investieren und Querverbindun­gen zu schaf­fen ist defin­i­tiv meine Auf­gabe.

Um konkret nachzufra­gen: Das hat jet­zt auf den öffentlichen Raum ver­wiesen. Uns inter­essiert mehr, wie es bei den Arbeiter_innen in Sim­mer­ing pri­vat auss­chaut, Stich­worte: Arbeit­spoli­tik, Sozialpoli­tik, Miet­preis­poli­tik. Das küm­mert diese Men­schen vielle­icht mehr als Coole Straßen.

Ich habe jet­zt zunächst von meinem Auf­gaben­bere­ich erzählt, ich bin Stadträtin für Verkehrs­pla­nung, Kli­ma und Bürger_innenbeteiligung. Wir müssen außer­dem gar nicht nach Sim­mer­ing schauen, um irgendwelche Klis­chees zu bedi­enen. Wir sitzen hier im ärm­sten Bezirk Wiens, im 15., wo ich zuhause bin. Ich merke bei Haus­be­suchen, dass sich die Frage stellt, ob man sich die Miete noch leis­ten kann, weil die Miete bis zu fün­fzig Prozent des Einkom­mens ver­schlingt. Das ist eine Zukun­fts­frage, eine Frage der Leben­squal­ität. Deswe­gen war es mir wichtig, dass wir als Grüne eine Änderung der Bauord­nung vor­angetrieben haben, das heißt, zukün­ftig wird so gebaut und gewid­met – dafür bin ich zuständig –, dass daraus zwei Drit­tel leist­bar­er Wohn­raum entste­hen, damit uns die Mieten nicht durch die Decke schießen. Wir bauen auch wieder Gemein­de­woh­nun­gen. Wien wächst um 16.000 bis 20.000 Men­schen jährlich.

Auf der anderen Seite geht es vor allem bei der Min­dest­sicherung, für die ich zuständig bin und für die wir in Wien lange ver­han­delt haben, darum, dass wir eben keine Poli­tik auf dem Rück­en der Ärm­sten machen. Ich finde das absichtliche Pro­duzieren von Kinder­ar­mut einen der schäbig­sten Vorgänge, den ich der türkisen Partei, die ange­blich christlich-sozial ist, vor­w­erfe. Da stem­men wir uns in Wien mit aller Kraft dage­gen. Die Grü­nen und die Roten fordern in diesem Wahlkampf außer­dem einen Min­dest­lohn von 1700 Euro. Ich bin ange­treten, um alles in meinem Auf­gaben­bere­ich unter den Deck­man­tel Kli­maschutz und Zusam­men­halt zu geben. Ich über­prüfe alles unter diesen Kri­te­rien und habe auch schon Pro­jek­te gestoppt. So definieren wir das Zusam­men­leben.

Kri­tisch möchte ich zurück­fra­gen: Wer sind denn die Arbeiter_innen?

Die Lohn­ab­hängi­gen, die Miete zahlen müssen, also mehr als zwei Drit­tel der Bevölkerung, deswe­gen die kri­tis­che Nach­frage: Warum nicht drei Drit­tel leist­bar­er Wohn­raum?

Zukün­ftig geht es bei Flächen­wid­mungen darum, dass zwei Drit­tel leist­bar­er Wohn­raum geschaf­fen wer­den, das heißt, es gibt qua­si eine Ober­gren­ze für die Miete, die ver­langt wer­den darf. Das ist in der Bauord­nung fest­ge­hal­ten. Darüber hin­aus wird ein Leit­bild für neu entste­hende Stadt­bauzen­tren erstellt, in welchen man nicht nur baut, son­dern sich auch die gesamte Infra­struk­tur, die soziale Struk­tur und die Verkehrspoli­tik ansieht – damit eine Leben­squal­ität erre­icht wer­den kann. Das halte ich für eine Erfol­gs­geschichte. Bei der Änderung des Mietrechts ist der Bund seit jahren säu­mig.

Aber warum über­lässt man ein Drit­tel dem oft speku­la­tiv­en Immo­bilien­markt?

Im Augen­blick ist es so, dass die Grund­stück­spreise höher sind als der Baupreis. Wir müssen also so bauen, dass es eine Durch­mis­chung gibt, dass es leist­baren Wohn­raum gibt, der auch durch pri­vat­en Woh­nungs­bere­ich mit­fi­nanziert wird. Das als Speku­la­tion zu beze­ich­nen, ist gewagt. Das ist reale Poli­tik. Ganz ein­fach.

Wie stehst du eigentlich zu Hun­den?

Ich bin mit Hun­den aufgewach­sen, unser Hund war sehr wichtig für unsere Fam­i­lie. Das ist ein­er der Gründe, warum ich in der Stadt keinen Hund haben will.

Muss man in Öster­re­ich als Spitzenpolitiker_in zurück­treten, wenn man sich neg­a­tiv über Hunde äußert?

Das ist eine eige­nar­tige Frage, ihr seid die Ersten, die mir diese Frage stellen. Ich würde mir mal über­legen, warum das so ist. [Lachen] Jet­zt ern­sthaft: Ich glaube, was sich dahin­ter ver­birgt, ist das The­ma Ein­samkeit, ein Tabuthe­ma in unser­er Stadt. Ich merke es bei den Haus­be­suchen, bei Gesprächen über Katzen und Hunde. Dahin­ter ver­birgt sich auch, dass alte Men­schen bei der enor­men Hitze nicht mehr aus dem Haus gehen. Ein Ein­samkeit­sprob­lem. Dieses The­ma sollte ver­stärkt in den Fokus der Poli­tik genom­men wer­den.

Das war eine sehr ern­ste Antwort auf eine unernst gemeinte Frage. Aber zu Gemein­samkeit und Zusam­men­halt: Du bist noch bis 2021 Schrift­führerin des Vere­ins Freie Öster­re­ichis­che Jugend – Bewe­gung für Sozial­is­mus, die sich als marx­is­tisch-lenin­is­tis­che Jugen­dor­gan­i­sa­tion ver­ste­ht. In einem ZIB-Inter­view vom 23. Juni hast du gesagt, dass du „der Wirtschaft die Hand reichen“ möcht­est. Müsste man dieser eigentlich nicht eher die Hände binden oder wie geht das zusam­men?

Der Vere­in FÖJ war nach dem Krieg KPÖ-nahe und ist nach dem Prager Früh­ling 1968 aus dieser aus­ge­treten. Das sind in erster Lin­ie Antifaschist_innen und Widerstandskämpfer_innen, die in dieser Sache gemein­same Arbeit machen und ja, ich werde auch über 2021 hin­aus öffentlich Teil dieses Vere­ins sein. Zum The­ma Wirtschaft: Ich habe einen umfassenden Begriff von dieser. Wirtschaft ist nicht zwangsläu­fig pri­vatwirtschaftlich-kap­i­tal­is­tisch wie Google oder Ama­zon. Wirtschaft meint auch den staatlichen, den öffentlichen und den Non-Prof­it-Sek­tor. Der größte Arbeit­ge­ber in Wien ist der Kranke­nanstal­tenver­bund mit über 30.000 Mitarbeiter_innen. Auch das ist Wirtschaft. Insofern würde ich natür­lich Unternehmen die Hand reichen, die ökol­o­gisch, nach­haltig, sozial und sol­i­darisch denken und han­deln.

Auf die Frage, ob der Kap­i­tal­is­mus tötet, hast du im sel­ben Inter­view geant­wortet, dass die Kli­makrise tötet. Nun ließe sich argu­men­tieren, dass sich diese Krise nur unter den Vorze­ichen der glob­alen Pro­duk­tion­sweise, dem Kap­i­tal­is­mus, erk­lären lässt. Die von dieser Wirtschaft­sor­d­nung benachteiligten Men­schen tra­gen die Fol­gen der Kli­makrise, also auch den Tod, als erste. Wie siehst du dieses Span­nungs­feld?

In der ZIB in zwei Sätzen so eine Diskus­sion zu führen ist kein Lercherl. [Wiener­isch für „geringer Aufwand“, Anm. d. Red.] Natür­lich ist es so, dass wenn ich an Pak­istan oder Banglade­sch denke, an die Näher_innen, an die Bek­lei­dungsin­dus­trie – da geht es um Aus­beu­tung. Das sind die fatal­en Auswirkun­gen des Kap­i­tal­is­mus. Über­haupt keine Frage.

Wir kön­nen auch inten­siv über die Wald­brände im Ama­zonas­ge­bi­et disku­tieren. Nur zur Erin­nerung: Der Spruch „Kap­i­tal­is­mus tötet“ kommt vom Papst. [Lachen] Auch an der Umweltver­schmutzung in den real­sozial­is­tis­chen Län­dern lei­den die Leute noch heute. Es ist also nicht nur die Frage nach dem Wirtschaftssys­tem, son­dern auch nach den demokratis­chen Entwick­lun­gen. Ist es über­haupt möglich, Wider­stand gegen Umweltzer­störung zu leis­ten?

Die Aus­beu­tung der Natur durch den Men­schen, das Ent­ge­gen­hal­ten zur Pri­vatisierung von Rohstof­fen, die Rolle des Staates über die Min­dest­sicherung bis hin zur jet­zt absur­der­weise ver­ankerten Schulden­bremse in der Ver­fas­sung, die jegliche Investi­tio­nen verun­möglichen – sor­gen wir hin­sichtlich dieser Fra­gen für einen Diskurs, in dem es möglich ist, Wirtschaften anders zu denken. Da liegt vielle­icht der Unter­schied zwis­chen euch und mir. Ich bin überzeugt, dass das in bre­it­en Bünd­nis­sen möglich ist. Ich habe nichts davon, auf ein­er ein­samen Insel in Schön­heit zu ster­ben.

Warum fällt es dir und anderen bei den Grü­nen so erkennbar schw­er, das Wort „Kap­i­tal­is­mus“ über­haupt zu ver­wen­den? Glauben Sie an eine grüne Ver­söh­nung mit dem Kap­i­tal­is­mus? Ähn­lich ist es mit dem Begriff „Antifaschis­mus“ …

Es geht nicht darum, wie oft man in einem Inter­view das Wort „Antifaschis­mus“ ver­wen­det. Es geht darum, auf der Straße zu ste­hen, wenn es wichtig ist. Aufzuste­hen, wenn rechts­extreme Regierun­gen den Diskurs völ­lig ver­schieben. Ich bin davon überzeugt, dass der antifaschis­tis­che Grund­kon­sens tagtäglich aufs Neue erkämpft wer­den muss. Das halte ich für ele­men­tar wichtig.

Warum ist es aber so, dass dieser Grund­kon­sens in der öster­re­ichis­chen Poli­tik nicht klar aus­ge­sprochen wird? Es ist ja eigentlich kein Geheim­nis, dass die Grü­nen sich als links und antifaschis­tisch ver­ste­hen. Pro­vokant gefragt: Wird das von der Mar­ketingabteilung als Hin­der­nis für die Stim­men­max­imierung bew­ertet, weil diese Begriffe mit Linksaußen verknüpft wer­den?

Das sind jet­zt mehrere Ebe­nen. Die eine ist: Wir Grü­nen kämpfen jet­zt darum, wieder im Nation­al­rat vertreten zu sein. Wir haben einen schmerzhaften Prozess hin­ter uns, einen der Erneuerung und der Öff­nung. Dass wir von unseren Wurzeln her eine ökol­o­gis­che Partei sind, dürfte sich außer­dem herumge­sprochen haben. Natür­lich kön­nen wir jet­zt darüber disku­tieren, was bürg­er­lich ist und was links. Das ist eine span­nende Diskus­sion im Übri­gen.

Die andere Ebene ist, dass man im Wahlkampf auf zwei, drei The­men­bere­iche zus­pitzt. Das kann man kri­tisieren, muss man aber nicht. Auch da ist wieder die Frage, ob man ein­sam in Schön­heit ster­ben möchte. Wir haben uns in diesem Wahlkampf für die The­men Kli­maschutz, Gerechtigkeit, Kinder­ar­mut, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit entsch­ieden. Jet­zt kön­nte man sagen: Da fehlen aber Bere­iche wie Bil­dung, Arbeit­szeitverkürzun­gen – eh! Aber im Wahlkampf wird eben zuge­spitzt.

Die dritte Ebene ist: Wir sind die Grü­nen. Wir sind nicht die Speer­spitze der Rev­o­lu­tion. Aber das Gestal­ten ein­er gemein­samen Zukun­ft, also die Kli­maschutzfrage mit der Gerechtigkeits­frage zu verbinden, dafür ste­he ich ein. Wir haben heuer so viel Hitze­tote, wir hat­ten 45 Tage über dreißig Grad, in Wien wird es laut Stu­di­en bis 2050 um 7,6 Grad wärmer. Sor­ry Leute, ich ste­he dazu, dass der Kli­maschutz eine Gerechtigkeits­frage ist und im Grunde linke Poli­tik. Jet­zt kön­nen wir über linke Poli­tik reden und da werdet ihr an mir auch berechtigte Kri­tik üben. Ich bin näm­lich nicht bess­er als meine Wähler_innen und lebe in einem per­ma­nen­ten Wider­spruch. Ich muss leist­bare Woh­nun­gen bauen und wid­men und gle­ichzeit­ig Grün­raum schaf­fen. Ich habe dabei den Anspruch, diese Wider­sprüche offen zu disku­tieren.

In Sachen Glaub­würdigkeit: Wenn also die Grüne Partei eine linke, oppo­si­tionelle und inte­gre Partei sein soll und ein Boll­w­erk gegen rechts …

[Lacht] … und prag­ma­tisch und realpoli­tisch und rev­o­lu­tionär und …

… dann fra­gen wir uns, wie verträgt sich das mit den schwarz-grü­nen Koali­tio­nen auf Län­der- und Gemein­deebene, oder wie in Graz sog­ar in der Uni-Poli­tik? Wie sieht man das bei den als eher links bekan­nten Wiener Grü­nen?

Natür­lich ist das Prag­ma­tismus, aber das finde ich völ­lig in Ord­nung. Ich frage jet­zt umgekehrt: Wir hat­ten jet­zt anderthalb Jahre eine rechts-recht­sex­treme Regierung, die nicht nur von Skan­dalen gebeutelt wurde, son­dern drauf und dran war, das Sozial- und Ver­sicherungssys­tem zu zer­stören, sich abhängig gemacht hat von Spender_innen und Konz­er­nen, der Zwölf­s­tun­den­tag – da fällt mir vieles ein, das war ein Übel für unser Land. Sie haben auch den poli­tis­chen Diskurs ver­schoben und es wird eine Zeit lang dauern, diesen wieder zu ver­sach­lichen. Ihr bringt dafür einen Beitrag als kri­tis­ches Medi­um, meine Nach­barin bringt einen Beitrag, indem sie Sock­en strickt für Flüchtlingskinder. Ich will nicht bew­erten, was bess­er ist, aber wenn ich ein Beispiel brin­gen darf: Der schwarz-grü­nen Lan­desregierung in Vorarl­berg ist die Ver­sorgung der Asylwerber_innen bess­er gelun­gen als in Wien. Hier müssen wir gut über­legen, was es bedeutet, wenn dieses Armutsförderungs­ge­setz Neu kommt auf Bun­de­sebene. Für die sub­sidiär anerkan­nten Flüchtlinge heißt es, dass 3000 Kinder von ihren Fam­i­lien abgeschnit­ten wer­den.

Um bei der Frage nach der Koali­tion mit der ÖVP zu bleiben, es stimmt für Vorarl­berg …

Dort ist die ÖVP noch eine christlich-soziale ÖVP, nicht die türkise Partei.

… aber in Salzburg ist die Koali­tion der Grü­nen mit der ÖVP katas­trophal gescheit­ert, die Grü­nen haben bei der Fol­ge­wahl elf Prozent ver­loren und die ÖVP neun Prozent gewon­nen. Was würdest du denn den Kolleg_innen auf Bun­de­sebene hin­sichtlich ein­er Koali­tion mit Türkis rat­en?

Das Salzburg-Beispiel kom­men­tiere ich nicht, weil wir über­all mas­siv ver­loren haben. Wir sind aus dem Nation­al­rat geflo­gen, wir haben Fehler gemacht und ler­nen dazu. Wir haben einen Öff­nung­sprozess hin­ter uns, einen Erneuerung­sprozess und ich werde mein­er Partei nichts aus­richt­en, denn ich bin Teil der Partei. Wir haben gemein­sam etwas geschaf­fen und wir merken auch bei der Grü­nen Jugend, dass es da wieder einen kri­tis­chen Diskurs gibt, an dem sich viele Jugendliche beteili­gen. Es herrscht ger­ade grund­sät­zlich eine gute Stim­mung. Und ich habe immer gesagt, ern­sthafte Sondierungs­ge­spräche sind zu führen, das ist eine Frage der Ver­nun­ft. Dazu ste­he ich. Dass ich skep­tisch bin bei ein­er türkis-grü­nen Koali­tion, ist unbe­strit­ten. Weil ich mir schw­er vorstellen kann, inwiefern Kli­maschutz, Gerechtigkeit und Rechtsstaatlichkeit damit vere­in­bar sind.

Du hast vorhin von ein­er rechts-recht­sex­tremen Regierung gesprochen und hin­sichtlich ein­er Koali­tion mit Teilen dieser bist du jet­zt „skep­tisch“. Bist du nun dafür oder dage­gen oder skep­tisch?

Das ist jet­zt aus dem Zusam­men­hang geris­sen. Die ÖVP-FPÖ Regierung ist eine rechts-recht­sex­treme Regierung. Die Frage nach möglichen Ver­hand­lun­gen zwis­chen Türkis und Grün habe ich vorhin beant­wortet: Ern­sthafte Sondierungs­ge­spräche sind eine Frage der Ver­nun­ft. Dazu ste­he ich. Ob es eine real­is­tis­che Möglichkeit gibt, dass es zu ein­er solchen Regierung kommt – da bin ich skep­tisch. Wir wer­den sehen. Jet­zt ist das wichtig­ste, dass wir darum kämpfen wieder ins Par­la­ment zu kom­men.

Du hast den kri­tis­chen Diskurs der Grü­nen Jugend erwäh­nt. Wie siehst du die Tat­sache, dass die vorige Grüne Jugend geschlossen zu den Kommunist_innen überge­laufen ist?

Wir haben Fehler gemacht, wir ler­nen daraus und wir haben jet­zt inten­siv an einem Neustart und ein­er Öff­nung der Partei gear­beit­et. Wir spüren seit der EU-Wahl eine Auf­bruchsstim­mung.

Aber welche Fehler habt ihr denn gemacht?

Vielfältige. Mich inter­essiert aber das hier und jet­zt, wie wir weit­er­ma­chen, nicht die per­ma­nent lang­weilige Ver­gan­gen­heits­be­wäl­ti­gung. Das entschei­dende ist, dass wir dazugel­ernt haben. Wir müssen weniger moral­isierend, nicht mit dem erhobe­nen Zeigefin­ger Poli­tik machen, son­dern eine offene Auseinan­der­set­zung führen. Wir haben vielfältige Kandidat_innen aus dem Gew­erkschafts­bere­ich, NGOs, aus dem linken und dem bürg­er­lichen Bere­ich.

Okay, aber was war jet­zt der Fehler?

Den Leuten vorschreiben zu wollen, was sie zu tun haben. Wir haben wirk­lich daraus gel­ernt, dass wir mit dieser Spur Über­he­blichkeit nichts in der Poli­tik erre­ichen. Dass wir inhaltlich seit Jahren vor ein­er Kli­makatas­tro­phe gewarnt haben, ist richtig. Da haben dann einige Men­schen gesagt, das sei zu über­he­blich, zu drama­tisch, wir wür­den uns zu wenig um die All­t­agssor­gen der Men­schen küm­mern. Aber darauf hinzuweisen war richtig. Die Art und Weise wie wir es getan haben, daraus haben wir gel­ernt, da war vielle­icht etwas Arro­ganz dabei. Wir müssen aber den Diskurs mit und nicht über die Leute führen.

Zum Abschluss ein Gedanken­ex­per­i­ment: Geset­zt den Fall, du gewinnst 2020 die Wahl, übern­immst das his­torisch rote Wien und wirst die erste Bürg­er­meis­terin der Stadt. Würdest du den Job um ein Jahr länger machen wollen als Michi Häu­pl, also 24,5 Jahre?

Ich habe immer gesagt, ich werde den Job so lange machen, wie ich etwas beitra­gen kann, damit es den Men­schen bess­er geht.

Also auch 25 Jahre?

Es gibt auch ein Leben nach der Poli­tik. [Lachen]

Stich­wort Häu­pl. Wie stehst du zu Spritzwein?

Häu­pl haben wir gestern zum Ehren­bürg­er der Stadt Wien ernan­nt, er ist schon ein Phänomen. Ich für meinen Teil bin Bier­trinkerin.

Während unser­er let­zten Frage kommt Bir­git Hebeins näch­ster Ter­min, ein tätowiert­er Fußball­fan Mitte Vierzig, der uns zum Der­by der Vien­na-FC-Frauen­mannschaft ein­lädt. Wir danken – und bezahlen unseren Kaf­fee selb­st. ­MALMOE bleibt unbestech­lich.