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Das Geschäft mit dem Welthunger

"Denk an die hungernden Kinder in Afrika und iss auf!" Wer in den 1970-ern aufgewachsen ist, kennt diesen Spruch am österreichischen Mittagstisch.

Und es soll damals Kinder gegeben haben, die das Absurde daran erkannten und meinten, dann wäre es wohl besser, nicht aufzuessen und die Reste nach Afrika zu schicken. Jeden Tag verhungern auf der Welt etwa 24 000 Menschen, also etwa 1.000 pro Stunde, jährlich sterben 9 Millionen Menschen an Hunger, davon sind 6 Millionen Kinder unter 5 Jahren. Im Zeitraum von 1998 bis 2000 litten 840 Millionen Menschen an Unterernährung, davon 799 Mio. in den Ländern des Südens, 30 Mio. in den "Schwellenländern" und 11 Mio. in den Industriestaaten.

1974 glaubte die Welternährungskonferenz noch, dass es innerhalb der nächsten 10 Jahre möglich sein würde, alle Menschen satt zu machen. 1996 beschloss die Konferenz einen Plan, nach dem bis 2015 die Zahl der Hungernden halbiert werden sollte. Diesen Sommer bei der Konferenz in Rom musste man erneut revidieren: In dem Tempo, in dem derzeit gegen Hunger gekämpft wird, braucht es weitere 100 Jahre, um die Zahl der Hungernden zu halbieren.

Die EU allein könnte die ganze Welt mit Lebensmitteln versorgen, und auch die meisten Länder des Südens produzieren genügend Nahrungsmittel für ihre BürgerInnen. Die gesamte Weltproduktion an Nahrungsmitteln würde ausreichen, um mehr als das Doppelte der aktuellen Weltbevölkerung zu ernähren. Hunger ist also ein Problem der Verteilung. 1845 starben in Irland über 1 Mio. Menschen an Hunger. Die irischen Bauern und Bäuerinnen mussten als Steuer alles Fleisch und Mehl an die englischen Landlords und die Kirche abgeben, ihnen selbst blieb in erster Linie die Kartoffel. Als dann durch eine Braunfäuleepidemie fast die gesamte Kartoffelernte vernichtet wurde, kam es zur Hungerkatastrophe.

In vielen Ländern, in denen heute Krieg und Bürgerkrieg herrschen, kommen Lebensmittellieferungen nicht bei den Hungernden an, sondern werden von verfeindeten Kriegsparteien nicht durchgelassen oder "verschwinden". Vielfach sind die politischen Eliten in den Ländern des Südens korrupt oder unfähig. Der König des südafrikanischen Ministaates Swaziland wurde kürzlich von seinem Parlament scharf gerügt, weil er sich für 5 Millionen Dollar ein privates Langstreckenflugzeug kaufen will, während 140.000 der 1 Million Swazis vom Verhungern bedroht sind. Allerdings hat das Parlament nur beratende Funktion. In einigen afrikanischen Staaten, die zu arm sind, um ihre Bevölkerung zu ernähren, wird Entwicklungshilfegeld zweckentfremdet. Im Durchschnitt geben diese Staaten mehr als 5-mal so viel Geld für militärische Zwecke aus, als sie Entwicklungshilfe erhalten.

1974 starben in Bangladesh Tausende Menschen an Hunger, nachdem eine Überschwemmung große Teile der Reisanbauflächen zerstört hatte und dadurch Zehntausende TagelöhnerInnen ihre Arbeit verloren. Obwohl es genügend Reisvorräte vom Vorjahr gab, verhungerten die Menschen, da sie nach dem Arbeitsplatzverlust kein Geld mehr hatten. "Das beste Mittel gegen Hunger", meint der Harvard-Wirtschaftsprofessor Amartya Sen, "ist nicht eine direkte Lebensmittellieferung; diese beruhigt im Wesentlichen nur das westliche Gewissen, entmutigt aber die lokale Produktion und macht so die Lage letzten Endes nur noch schlimmer. Das beste Mittel gegen Hunger ist Bargeld für die Hungernden – dann können sie sich ihr Essen ganz einfach wieder an der nächsten Ecke kaufen."

Wenn je nach Erntesaison nicht genügend Reis- und Getreidevorräte vorhanden sind, schnellt der Reis- und Getreidepreis am Weltmarkt in die Höhe. Das hat zur Folge, dass die eben wegen dieser schlechten Ernten von Hunger bedrohten Länder diese Nahrungsmittel zu horrenden Preisen importieren müssen, falls sie es sich überhaupt leisten können. Viele dieser Staaten sind beim Westen nicht nur verschuldet, sondern überschuldet, d. h. sie können nicht einmal die Zinsen bezahlen, wodurch der Schuldenberg immer weiter anwächst. Die reichen Industrienationen könnten diese Schulden jedoch einfach erlassen, denn sie sind auf deren Rückzahlung nicht angewiesen.

Auch die Exportpolitik des Westens ist Schuld am Welthunger. So subventioniert etwa die EU den Export von Rindfleisch, Milchpulver und Getreide in die Länder des Südens, was zur Folge hat, dass die dort lokal hergestellten Produkte nicht mehr kostendeckend verkauft werden können, und zur Verarmung der Landbevölkerung führt. Die drohenden Hungerkatastrophen in Sambia, Simbabwe, Malawi, Lesothe, Mosambik und Swaziland in diesem Sommer nahmen die USA zum Anlass, um diesen Ländern gentechnisch veränderten Mais anzubieten. Die Gentech-Industrie verkündete weltweit mit sündteuren Werbekampagnen, man könne durch Saatgutmanipulationen den Hunger ausrotten. Gentechnisch veränderte Pflanzen unterliegen dem Patentrecht. Wenn die Länder des Südens diese Pflanzen anbauen, dürfen sie das daraus gewonnene Saatgut nicht weiter verwenden oder verkaufen, ohne dafür Gebühren zu bezahlen. Zudem könnten sie es später nicht mehr in die EU exportieren, da hier Genmais nicht verkauft werden kann. Als Kompromiss wurde der Genmais dann in gemahlener Form angenommen.

Der äthiopische Staatssekretär, Träger des alternativen Nobelpreises und autorisierter Sprecher mehrerer afrikanischer Staaten, Tewolde Berhan Gebre Egzaibher, dazu: "Die Methoden der westlichen Gentech-Konzerne gegenüber Afrika gleichen denen eines Dealers gegenüber einem Abhängigen: Zuerst wird den äthiopischen Bauern heimisches Saatgut systematisch ausgeredet. Dann schenkt man ihnen genmanipulierte Ware, um dann ein paar Jahre später die Gebühren auf die Patente zu verrechnen." Apropos Patente: Tewolde kritisiert auch, dass noch immer zahlreiche westliche BiologInnen nach Afrika reisen, um Tier- und Pflanzenarten für mögliche Patentierungen auszuspionieren. "Sie sammeln wie wild, obwohl viele Staaten bereits Gesetze dagegen erlassen haben."

Argentinien hat 1996 Genpflanzen zugelassen und ist seither zum weltweit zweitgrößten Gensoja-Produzenten aufgestiegen. Das meiste davon wird als Tierfutter exportiert. Die dafür verwendete Landfläche hat sich in den letzten Jahren fast verdoppelt, die Ernte ist auf Rekordwerte gestiegen. Im selben Zeitraum hat sich die Nahrungsmittelversorgung der ArgentinierInnen dramatisch verschlechtert.




online seit 08.12.2002 16:20:20 (Printausgabe 9)
autorIn und feedback : Sylvia Köchl




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