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  Remix in History

Weitere Minima Moralia zur Debatte um Häuser der Toleranz und Zeitgeschichte

Erstmals veröffentlicht in: Österreichische Zeitschrift für Geschichtswissenschaften, 13. Jg. Heft 1/2002, S.132 – 137.

1. Wir nehmen die Aufforderung des Nationalrats der Republik Österreich (1) ernst, in einem breiten Ideenwettbewerb eine „optimale Lösung“ für ein „Haus der Geschichte“ beziehungsweise ein „Haus der Toleranz“ zu finden. Wir meinen, diese optimale Lösung besteht in der Dekonstruktion jeder Form semantisch dauerhafter und räumlich fixierter Repräsentation von Geschichte und in deren Ersetzung durch eine Struktur, die nicht museifiziert, sondern neue Formen der kulturellen Produktion von Geschichte favorisiert und stimuliert.
Wenn wir diesen Beitrag „Remix in History“ nennen, so stehen für uns durchaus die Analogien zu einer der heute bedeutsamsten künstlerischen Praktiken zur Debatte, die re-kombinierende Neukonstruktion von Musik durch DJs (2), und von (vor allem) bildender Kunst durch Kuratoren. Beides ist ein Phänomen der 1990er Jahre. Auch die neuere Historiographie neigt heute dazu, ihre eigene Tradition und die eigenen Ergebnisse wieder als Material zu aktualisieren. Der Punkt ist aber, ob wir uns zu einem Bewusstsein von Selbstreferenzialität (Selbstbezüglichkeit heißt hier eben nicht Nabelschau) gewissermaßen „strategisch“ bekennen wollen und können, oder ob partikulare Konstrukte der Historiographie – wie in den beiden Konzepten (3) des Bundesministeriums für Unterricht und Kunst und des Bundesministeriums für Wissenschaft und Verkehr (inzwischen vereint in einem einzigen Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft und Kunst, was die Sache nicht leichter macht) – in zutiefst ideologischer Form die Rekonstruktion eines inneren Sinnes der österreichischen Zeitgeschichte betreiben. Die bloße Addition einer weiteren Tonspur macht noch keinen brauchbaren Remix.
Ein Projekt wie das nun vom österreichischen Parlament zu beschließende hätte eine Reihe von Definitionen zu schaffen, von denen aus ein Konzept von Geschichte für die Öffentlichkeit – von public history und nicht popular history – geschrieben werden könnte.

2. In seiner Erzählung Die Bibliothek von Babel(4) schreibt Jorge Luis Borges über eine geheimnisvolle Sammlung, die das gesamte Wissen der Welt enthält. Nichts ist ausgelassen, nichts fehlt, was mit Hilfe analytischer und kombinatorischer Operationen nicht vorauszusehen wäre. Das Faszinierende an Borges „Bibliothek von Babel“ ist der Umstand, dass sie keiner Autoren und Autorinnen, keiner Autorschaft bedarf, sondern dass sich das totale Wissen selbst schreibt und nur noch die konservatorische Pflege durch Bibliothekare benötigt. Als die Menschen nun entdeckten, dass sie sich überflüssig gemacht hatten, war die Katastrophe nicht mehr aufzuhalten.
Wer nun aber glaubt, Geschichte schriebe sich unter der kundigen Hand von dafür bestellten Verwaltern von selbst und sie schriebe sich total, macht sich genau der Sünde von Borges‘ Babylonieren schuldig. Rund zwanzig bis dreißig Jahre nach den einschlägigen Revisionen von Hayden White oder Michel de Certeau scheint es überfällig, die Schrift der Geschichte, damit die Historiographie, von jenem zeitlichen Kontinuum zu trennen, das wir in der Alltagssprache „Geschichte“ nennen.

3. Die Historiographie, die österreichische nicht weniger als jede andere, ist nicht total (lediglich ihre Ansprüche sind es mitunter). Sie ist fragmentarisch, asymetrisch und steht Bedeutungsänderungen offen. Das Fragmentarische erscheint hier allerdings nicht als Mangel. Die gegenwärtige österreichische Historiographie, und das ist durchaus erfreulich, bildet ein Konglomerat thematisch ganz unterschiedlicher Texte, die von der Mentalitätsgeschichte des Glücksspiels und der Entwicklung von Megalopolen über die Geschichte homosexueller Männer und lesbischer Frauen im Fin de siècle zur Kulturanalyse des Vampir-Filmes und zum Parteienproporz bei der Aufteilung sogenannten arisierten Vermögens in der postfaschistischen Zeit reicht. „Die“ Geschichte, wie es der zitierte parlamentarische Entschließungsantrag anscheinend impliziert und wie sie in den beiden vorgelegten Auftragsarbeiten verfolgt wird, existiert nicht, jedenfalls nicht für die Geschichts- und Sozialwissenschaften.

4. Parlamentsauftrag wie Machbarkeitsstudien unterstellen, genau genommen, die Möglichkeit einer durch die Wissenschaft organisierbaren Mimesis historischen Geschehens. Geschichte – als Abbildungsoperation – würde dann durch positive kognitive (Lern-)Effekte zu einer erwünschten kollektiven Identität, zu „demokratischer Gesinnung“ oder Menschlichkeit führen. Worüber Auftrag und Studien uns nichts sagen, ist die Bedeutung der Form – ein Thema, das die letzten zwanzig Jahre die sogenannte Museums-Debatte und die letzten zehn Jahre die Holocaust-Debatte geprägt hat. Wir wollen uns hier auf einen einzigen Aspekt konzentrieren, um den Stellenwert dieser Frage deutlich zu machen und die Maßlosigkeit des Anspruchs der Machbarkeitsstudien zu redimensionieren. Das Gedächtnis des 20. Jahrhunderts schwankt, so Andreas Huyssen, zwischen Trauma und Amnesie.(5) Das Trauma trifft die Beteiligten, die Opfer. Die Opfer des Holocaust leiden unter der Erinnerung, denn das Trauma lässt die Konstellation wiederkehren, es ist nicht abbildungsfähig und auch nicht weitergebbar. Amnesie, das Vergessen, bezieht sich nicht auf das Ereignis selbst, sondern auf seine kulturelle Verortung. Bereits seit der Befreiung der Lager wird eine Flut von Bildern von und zum Holocaust konsumiert. Im TV- und Medien-Zeitalter hat diese Flut noch zugenommen. Ohne Kontext, den bloß Visuelles selbst nicht schaffen kann, wurde sie zur arbiträren, jederzeit verfügbaren Schreckensbildmaschine und paradoxerweise zum Ausgangspunkt relativistischer Konstrukte.
Beide Machbarkeitsstudien nehmen die Darstellung des Holocaust mit in ihr Zentrum, verschieben aber das Problem der Re/Präsentation in völlig pragmatischer Weise auf die Eigensprache von Dingen, auf eine vermeintliche Aura von Originalen einerseits, auf den angeblichen Dokumentarismus und die „erzieherische“ Wirkung interaktiver elektronischer Spiele und Spielchen andererseits. Beide Studien dissimulieren die Entscheidung über die Re/Präsentationsfähigkeit oder die Un/Darstellbarkeit des Holocaust. Sie dissimulieren, dass selbst bei der Entscheidung für die Darstellung erst die gedächtniskulturellen Weiterungen zu klären sind – Serialismus, Narration, Martyrologie, Heroismus.

5. All dies sind Bereiche, zu denen die Geschichtswissenschaft als reflektierende, kontrollierende und vergleichende Instanz etwas zu sagen hat. Aber es ist nicht ihre nachhaltigste und schon gar nicht ihre alleinige Kompetenz. Film und Filmwissenschaft, Literatur und Semiologie, die Kunst, die Philosophie, die Pädagogik, die Mediendidaktik und andere haben ebensoviel, vielleicht sogar mehr dazu beigetragen. Wenn Gerhard Richter in seiner lapidar „48 Porträts“ betitelten Arbeit aus 1972 ebenso viele berühmte Männer, von Wilhelm Dilthey bis Albert Einstein, malt,(6) dann zwingt er uns auf nicht-diskursive Weise zur Kenntnis zu nehmen, was Repräsentation heißt – nämlich eine Bedeutungsverschiebung vorzunehmen, hier im speziellen: über das Medium der Malerei transparent zu machen, was das öffentliche Bild einer Person und die Konventionen der fotorealistischen Darstellung an Ehrerweisung, Erhabenheit und moderner Magie generieren. Und wie sollen wir ohne die filmsprachlichen Analysen die mentalen Konstruktionen aufdecken, die jenseits der Plots der „Sissi-Filme“ die Generation des Marischka-Kinos erfasst hat. Schließlich sollte man, um Sidra DeKoven Ezrahis Erläuterung in Representing Auschwitz noch zu erwähnen,(7) um das eigene Tun Bescheid wissen, wenn man „Geschichte erzählt“. Die Narration, die Setzung eines Beginnes und eines damit logisch verknüpften Endes, ist Sinnstiftung – und mehr noch: sie ist Macht, Definitionsmacht, schließlich die Verfügungsmacht des Erzählers über die Opfer, die ihrem Leiden keinen Sinn einzuschreiben vermögen.
Wir halten diese Problematisierung deshalb für nötig, weil die vorliegenden Machbarkeitsstudien sich zwar jedem nur denkbaren Zugang zu öffnen behaupten, in ihrer Gesamtkonzeption aber gerade auf einer Meta-Historie bestehen, die aktuellen Wissenschaftstheorien widerspricht. Aber wie sollte sich ein Unternehmen wie das „Haus der Geschichte“ anders begründen als auf dem Stand der Wissenschaften, da ihm alle traditionellen Voraussetzungen für ein Museum fehlen, nämlich materielle Überlieferung und dingliche Kulturgüter, die es zu sichern, zu erforschen, immer wieder neu zu interpretieren gilt.

6. Die österreichische Zeitgeschichte ist, wie andere wissenschaftliche Disziplinen auch, auf dem Wege, sich von der josephinischen Tradition der affirmativen patriotischen Wissensproduktion zu lösen, sich zu differenzieren und jene Systemfunktionen aufzubauen, die andere soziale Systeme mit spezifischer Information versorgen. Diese Entwicklung würde unserer Meinung durch ein Projekt klassischer politischer Repräsentation gestoppt und blockiert. Wir sehen umgekehrt durchaus die Chance, durch eine finanziell großzügig ausgestattete Struktur nicht nur die wissenschaftliche Forschung zu vertiefen, sondern auch, um wieder einen zeitgenössischen Begriff der Kunst aufzugreifen, crossings zwischen Texten, Medien, Institutionen und Publikumsszenen zu befördern. Eine Struktur, die temporär und projektbezogen die gemeinsame Produktion und Präsentation von Künstlern und Wissenschaftlern, von Multimedia-Designern und Museumsdidaktikern, von Journalisten und Gedenkstätten und so weiter in allen denkbaren Kombinationen ermöglicht und mittelfristig planbar macht. Eine Struktur, die beispielswiese den sogenannten „rassekundlichen Saal“ (8) des Naturhistorischen Museums zum Ort der Explikation österreichischer Geschichte macht oder Radiozeiten für innovative Projekte mietet oder eine transdisziplinäre Datenbank zum Kanon der 48 wichtigsten Fotografien aus der österreichischen Geschichte zu betreiben ermöglicht. Die Liste der Beispiele lässt sich beliebig verlängern.

7. An dieser Stelle geht es allerdings nicht darum, als Ideenlieferant für scheiternde Bildungs- und Wissenschaftspolitik aufzutreten. Es geht vielmehr um eine Strukturentwicklung, die es ermöglicht, die doppelte Konstruktivität des Historischen mit zu thematisieren; eine Struktur, die die Selbstthematisierung der Historiographie erlaubt und honoriert.
Es wäre, so meinen wir, die Aufgabe der Politik, die Rahmenbedingungen eines solchen Projekts zu definieren, Organisationsformen, Finanzierungsweisen und Verantwortlichkeiten zu regeln. Was wir zum momentanen Zeitpunkt dazu beitragen können, sind einige Vektoren, in deren Richtung sich ein solches Projekt bewegen sollte. Wir listen auf, welche uns besonders wichtig erscheinen:


  • Dezentralität: ein solches Projekt bedarf nicht eines Ortes (scil. Hauses), sondern vieler Orte sowie geeigneter Netzwerkstrukturen.
  • Vielstimmigkeit: ein solches Projekt bedarf nicht einer hierarchisch determinierten univoken Geschichte, sondern heterarchisch agierender Teilprojekte, die die Agenda Representing multiple viewpoints and voices zu erfüllen in der Lage sind. (9)
  • Reflexivität: ein solches Projekt wird das Problem von Historiographie selbst (ihre autologische Dimension gewissermaßen) mit in den Vordergrund stellen.
  • Transdisziplinarität: ein solches Projekt wird um Wissensproduktion im Modus 2 bemüht sein. (10)
  • Temporäre Limits und zirkuläre Zugangsweisen: ein solches Projekt wird sich – ganz im Sinne der Logik rezenter Ausstellungsusancen – einer Devise der klassischen Psychoanalyse bedienen: erinnern, wiederholen, durcharbeiten.
  • De/Konstruktivität: ein solches Projekt wird sich den additiven Tableaus traditioneller Bildungskonzepte und anderen eingeschränkten wie einschränkenden Typen von Wissens- und Geschichtsproduktion – diese analysierend – verweigern und sich „ironischen“ (Richard Rorty) Weisen der Thematisierung von Geschichte widmen, dem Zweifel am „abschließenden Vokabular“.


8. Die hier behandelten Fragen gehören zur Klasse der prinzipiell unentscheidbaren. Weder Expertentümelei noch professorale oder ministerielle Grandezza haben auf sie großen Einfluss. Denn – und damit schließen wir mit Heinz von Foerster – „nur die Fragen, die prinzipiell unentscheidbar sind, können wir entscheiden.“ (11)

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Der Text dieses Beitrags folgt weitgehend unserem Vortrag bei der Enquete „Jenseits der Häuser. Sinn und Unsinn einer Musealisierung der Zeitgeschichte in Österreich“, 21. Jänner 2000, am Institut für Zeitgeschichte der Universität Wien.


FUSSNOTEN

(1) Entschließungsantrag der Abgeordneten Dr. Kostelka, Dr. Khol, Mag. Stadler, Dr. Schmidt, Dr. Petrovic betreffend Ideenwettbewerb für ein „Haus der Geschichte“ beziehungsweise eine „Haus der Toleranz“, vom 24.2.1999, 159. Sitzung, 20. Geschäftsperiode, Text unter http://www.parlament.gv.at/PAKT/VHG/XX/NRSITZ/NRSITZ_00159/SEITE_0092.html

(2) In der Diskussion dieses Beitrages wurde von unserem sehr geschätzten Kollegen Wolfgang Kos sinngemäß moniert, die DJ-Kultur besäße nicht jenes notwendige Maß an intellektueller Kapazität, um hier als Analogie herangezogen werden zu können. Um dem etwas entgegenzuhalten, verweisen wir nur auf die unter www.djspooky.com veröffentlichten Texte.

(3) Vgl. Anton Pelinka u.a., Machbarkeitsstudie für ein „Haus der Toleranz“, Wien 1999 (Projektbericht des Instituts für Konfliktforschung) sowie Stefan Karner u. Manfried Rauchensteiner, Haus der Geschichte der Republik Österreich (HGÖ), Graz, Wien u. Klagenfurt 1999 (Machbarkeitsstudie im Auftrag des BMUK, Ludwig Boltzmann-Institut für Kriegsfolgenforschung).

(4) Leicht zugänglich in einem Reclamheft gleichen Titels: Jorge Luis Borges, Die Bibliothek von Babel. Erzählungen, Stuttgart 2000.

(5) Vgl. Andreas Huyssen, Twilight Memories. Marking Time in a Culture of Amnesia, New York u. London 1995, bes. 249ff.

(6) Vgl. z.B. Neal Ascherson, Revolution and Restoration: Conflicts in the Making of Modern Germany, in: Sean Rainbrid u. Judith Severne, ed., Gerhard Richter (Ausstellungskatalog Tate Gallery), London 1991, 33ff.

(7) Sidra DeKoven Ezrahi, Representing Auschwitz, in: History & Memory 7 (1995), Nr. 2, 121-154.

(8) Vgl. nur Marek Kohn, The Race Gallery. The Return of Racial Science, London 1995.

(9) Robert J. Berkhofer Jr., Beyond the Great Story. History as Text and Discourse, Cambridge u. London 1995, 170ff.

(10) Vgl. Helga Nowotny, Transdisziplinäre Wissensproduktion – eine Antwort auf die Wissensexplosion?, in: Friedrich Stadler, Hg., Wissenschaft als Kultur. Österreichs Beitrag zur Moderne, Wien u. New York 1997, 177-195.

(11) Heinz von Foerster, KybernEthik, Berlin 1993, 153.

online seit 17.09.2015 21:24:41 (Printausgabe 72)
autorIn und feedback : Siegfried Mattl / Albert Müller




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