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  Symbolische Kämpfe um sexuelles Kapital

Ein Interview mit dem Freierforscher Udo Gerheim zu heterosexueller Männlichkeit und prostitutiver Sexualität (auf MALMOE-Web in der Langfassung).

"Der Freier" ist ein weitgehend unbekanntes Wesen – in der akademischen Geschlechterforschung ebenso wie in den sexualpolitischen Debatten der Linken. MALMOE bat den Bremer Soziologen Udo Gerheim zum Interview über den Stand der Freierforschung, Männlichkeitsmuster und Sexualitätskonzeptionen.

In deiner empirischen Forschung beschäftigst du dich mit der Konsumentenseite im Feld der Prostitution und näherst dich dem Subjekt "Freier" auf der Basis qualitativer Interviews an. Kannst du kurz schildern, wie du dazu gekommen bist – und wie deine Interviewpartner zu dir gekommen sind?

Wie Wissenschaft häufig anfängt, relativ banal. Ich habe mit einem Freund – ebenfalls Soziologe – zwei Männer aus einem Bordell kommen sehen und wir sind schnell darüber ins Gespräch gekommen: Warum gehen die Männer dort hin, was tun sie dort, wie fühlen sie sich hinterher, verachten die Männer die Frauen und wer hat die Macht innerhalb dieser Settings etc.? In meiner Dissertation habe ich den Themenkomplex vertieft behandelt mit einer Datengrundlage von 20 face-to-face Interviews. Konkret zu den Interviewpartnern bin ich relativ leicht gekommen, z.B. über Anzeigen in Lokalzeitungen oder übers Internet, insbesondere über Freier-Foren. Für viele Freier war das Interview eine der wenigen Gelegenheiten, um über ihre Nachfragepraxis offen und ernsthaft zu sprechen, denn auch innerhalb von Männerkollektiven, ganz zu schweigen von Partnerschaften, wird jenseits der Kalauerebene kaum über die Prostitutionsnachfrage gesprochen. Zu tabuisiert, zu negativ konnotiert, aber auch zu gefährlich, da das unter Umständen Einblick in defizitäre bzw. problematische Bereiche der eigenen Sexualität bedeuten könnte.

Wie du in deinen Studien erläuterst, bestätigen existierende Untersuchungen im Bereich der Freierforschung die so genannte "Jedermann-Hypothese". Was genau ist damit gemeint?

Die "Jedermann-Hypothese", die sich auch international bestätigt hat, besagt, dass Männer aller Klassenpositionen, Alters- und Berufsgruppen und aller "Ethnien" Prostitution nachfragen. In Bezug auf psychologische Charakteristika oder die nachgefragte sexuelle Praxis weist die Gruppe der Freier im Vergleich zur männlichen Gesamtbevölkerung keine weltbewegenden Besonderheiten auf. Die meisten machen relativ banalen Sex mit Prostituierten und die allermeisten Kommerzsex-Interaktionen dürften in ihrer "Normalität" von privater Sexualität kaum zu unterscheiden sein. Eine wichtige Erkenntnis ist deshalb für mich, dass sich sowohl die Wissenschaft als auch die politische Debatte von dem (normierenden) Bild des machtgeilen, "triebgestörten" bzw. "perversen" Freaks verabschieden muss. Meines Ermessens muss vielmehr das männliche Privileg der sexualbiografischen Normalität der Prostitutionsnachfrage (kritisch) in den Blick genommen werden. Oder anders formuliert: Die Frage der Macht muss konsequent vom Feld aus gedacht werden. Denn erst die ungeheure sexuelle und soziale Optionalität, die das Prostitutionsfeld den Männern als patriarchale Dividende institutionell garantiert, ermöglicht das empirisch beobachtbare breite Spektrum an Bedürfnismustern, Einstellungen und Verhaltensweisen von bedürftig, suchend, freundlich, vorsichtig, hedonistisch, lüsternd, leidend, depressiv, unterwerfend, gewalttätig bis zu unglaublicher misogyner Destruktivität.

Ein zentrales Erkenntnisinteresse deiner Studien besteht darin, die Männlichkeitsmuster von heterosexuellen Prostitutionskunden heraus zu arbeiten. Was sind die zentralen Ergebnisse deiner Forschung in diesem Zusammenhang?

Ich habe die Männlichkeitsmuster letztendlich mit der Theorie des "Habitus", also des sozialen "Gehabens", aufgelöst. Meine These war, dass sich klassen- und geschlechtsspezifische habituelle Dispositionsmuster bestimmen lassen müssen, die die soziale Praxis und Motive der Freier auf körperlicher, kognitiver, ästhetischer und moralischer Ebene strukturieren und hervorbringen. Diese Dispositionsmuster verstehe ich als soziale bzw. gesellschaftliche Kategorien. Im Konkreten habe ich vier Muster herausfiltern können. Die Tausch-Disposition ermöglicht es den Freiern auf einer basalen Ebene, überhaupt Sex kaufen zu können. Der Prostitutionskontrakt ("Sex gegen Geld") wird dadurch grundlegend sozial, moralisch und politisch legitimiert, analog zur allgemeinen kapitalistischen Logik ("Ware gegen Geld"). Die Sexarbeiterinnen als konkrete Personen mit einer Geschichte verschwinden dadurch relativ schnell aus dem Blickwinkel der Freier. Man hat ja schließlich bezahlt und damit hört die individuelle Verpflichtung in der Regel auf – wie bei den meisten alltäglichen Kauf- und Tauschtransaktionen eben auch.

Eine zweites zentrales Habitusmuster betrifft den Bereich Sexualität. Hier ließen sich sexuelle Selbstkonzepte finden, die nicht nur klassisch männlich besetzt, sondern auch präzise auf die Logik des Prostitutionsfeldes abgestimmt sind, z.B. die subjektive Wahrnehmung von Sexualität als quälende und unkontrollierbare Triebenergie, die Fähigkeit, Sex und Liebe zu trennen, sowie die "organische" Verknüpfung von Männlichkeit mit Promiskuität. Aber es wurde auch eine dritte, pragmatisch-funktionale Disposition erkennbar, die es den Freiern ermöglicht, schnelle, klare und "rationale" Lösungsstrategien auf eingehende Handlungsprobleme zu finden, beispielsweise wenn es in der Partnerschaft sexuelle Probleme gibt. Viertens ließ sich eine Dominanz-Disposition aufzeigen, in der die Prostitutionsnachfrage schlichtweg ein manifester Ausdruck männlich-patriarchaler Unterwerfungslust sowie der Ausübung von Macht-, Dominanz- und Gewaltstreben ist. Hegemoniale Männlichkeit zeigt sich für mich aber nicht in dem Bild: "Alle Freier sind Schweine", sondern darin, dass das soziale Feld der Prostitution Männern institutionell eine ungeheure Machtfülle zusichert, die sie leicht abrufen und in konkrete soziale Praxis übersetzen können.

Inwiefern ist das, was beim Konsum der Ware Sex im Feld der Prostitution passiert, mit gesellschaftlichen Normen heteronormierter Sexualität von Männern verbunden? Ist die prostitutive Sexualität in diesem Zusammenhang also eher eine Konsequenz oder eine Überschreitung der privaten Sexualität heterosexueller Männer?

Ich habe das mit dem Begriff des sexuellen Kapitals beschrieben, also der identitär aufgeladenen, normierenden Befragung der eigenen Sexualbiografie in Konkurrenz und hierarchisierendem Abgleich zu anderen Männern ("Nur ich hatte noch keinen Sex", "Habe ich genug Sexualpartnerinnen gehabt?", "Ich hatte noch nie Oralsex", "Ich habe keinen Sex mehr mit meiner Partnerin" etc.). Die Prostitutionsnachfrage fungiert in diesem männlichen Konkurrenzspiel als klassische Kompensationsstrategie. Erstaunlicherweise wird käufliche Sexualität in diesem Kontext als defizitäre Sexualitätsform betrachtet und abgewertet. Zweite Liga sozusagen oder wie ein Proband diese Außensicht darstellt: "Alles arme Wichser, die sonst keine abkriegen". Die konkrete Motivation, Kaufsex nachzufragen, liegt deshalb häufig darin begründet, Probleme und Krisen im Bereich privater Sexualität aufzufangen. Aber auch eine diskursive Umkehrung in der Matrix hegemonialer Männlichkeit ist festzustellen, die insbesondere von organisierten Freiern in Internet-Foren ausgeht. Freier werden hier nicht als sozial, moralisch, körperlich und sexuell "deviante" oder "degenerierte" soziale Gruppe klassifiziert, sondern sie stilisieren sich zu einer sexuellen Elite, die im Vergleich zu monogamen Beziehungen mit exorbitanten sexuellen Profiten belohnt wird. Die motivationale Bestimmung der Nachfragepraxis ist demzufolge immer auch in den Kontext der männlichen Auseinandersetzung und symbolischen Kämpfe um sexuelles Kapital einzuordnen.

Im Unterschied zu anderen Dienstleistungssektoren gilt jener der Sexarbeit als ein Bereich, der hochgradig mit patriarchalen und heteronormativen Gewalt- und Ausbeutungsstrukturen durchsetzt ist. Liegt das d.E. in erster Linie an der Sexarbeit als solcher – bspw. weil diese per se in gewaltförmige Geschlechterverhältnisse eingelassen ist – oder an den (Arbeits-)Bedingungen, unter denen sie aktuell zumeist ausgeübt wird?

Ich würde auch hier die Sache vom sozialen Feld aus betrachten. Das soziale Feld der Prostitution ist m.E. als Teil anderer gesellschaftlicher Felder zu konzipieren. Als Teilfeld des Ökonomiefeldes ist Sexarbeit eine "stinknormale" Form entfremdeter kapitalistischer Lohnarbeit, die es lediglich noch nicht auf ein übliches Maß postfordistischer Regulation geschafft hat. Eine arbeits- und sozialrechtliche Gleichstellung zu anderen Erwerbstätigkeiten und Berufen würde hier viele menschenverachtenden Lebens- und Arbeitsbedingungen von Sexarbeiter_innen verbessern. Als Teilfeld des Sexualitätsfeldes ist die Prostitution in ihrer geschlechtsspezifischen und geschlechtshierarchischen Arbeitsteilung aber immer noch als epochenübergreifende patriarchale Institution eines männlichen Privilegiensystems zu charakterisieren. Trotz dieser strukturellen geschlechtsspezifischen Asymmetrie (zu Gunsten der Nachfrageseite) und kapitalistisch bedingter Entfremdungslogik in der prostitutiven Interaktion muss die unmittelbare Machtdynamik aber immer im Einzelnen betrachtet werden. Sie folgt keinem vereinfachenden Opfer-Täter- bzw. Macht-Ohnmacht-Schema. Dennoch ist ja aus einer linken Perspektive die entscheidende Frage, ob die Prostitution eine gesellschaftlich sinnvolle Institution darstellt, wie beispielsweise die Feuerwehr, die es auch in postrevolutionären Zeiten geben wird, nur eben geschlechteregalitär und mit hängemattenkompatiblen Arbeitszeiten. Diese Frage würde ich entschieden verneinen. Sex muss nicht zur Ware werden und auch eine geschlechtsidentitär dekonstruierte Prostitutionsnachfrage bleibt in der kapitalistischen Entfremdungslogik verhaftet. Vor allen Dingen gibt es genügend emanzipatorische nicht-warenförmige Alternativen, um die positiven Effekte der Prostitution wie Auflösung monomager Beziehungsformen, lustvolle Promiskuität bzw. ein sexuelles Schlaraffenland zu erreichen.

Interview: Kati Morawek und Markus Griesser


Literaturtipp:
Gerheim, Udo (2007): "Freier. Ein sich windender Forschungsgegenstand". In: Mitrovic, Emilija (Hg.): "Arbeitsplatz Prostitution. Ein Beruf wie jeder andere?", LIT Verlag, S. 123-193.

Kontakt: ugerheim@uni-bremen.de


online seit 19.12.2010 17:06:18 (Printausgabe 51)
autorIn und feedback : regieren




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