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  Die Mehrheitsgesellschaft thematisieren

Kritik des Antiziganismus

Ein im Mai erschienener Sammelband soll zu einer breiteren und differenzierteren Diskussion des Antiziganismus beitragen, der in Europa derzeit erneut Aufschwung hat. MALMOE traf sich mit den HerausgeberInnen Markus End, Kathrin Herold und Yvonne Robel zum Email-Interview.

MALMOE: Im Ankündigungstext eures Buches beschreibt ihr das Phänomen des Antiziganismus als in westlichen Gesellschaften tief verankerte Praxis der Diskriminierung und Verfolgung, gleichzeitig fehlen politische und theoretische Analysen des Antiziganismus, aber auch Bewusstsein etwa über die Geschichte des Wortes „Zigeuner“. Wie kommt es zu diesen blinden Flecken und wie würdet ihr in diesem Zusammenhang den gesellschaftspolitischen Anspruch formulieren, den ihr mit eurem Buch verfolgt?


Antiziganismus scheint so selbstverständlich zu sein, dass es nicht einmal notwendig ist, darüber zu kommunizieren. Häufig hören wir Kommentare wie „Gibt’s das überhaupt noch?“ oder „Ist das denn wirklich ein Problem?“. Deswegen war unser Hauptanliegen, auf die Spezifik des Antiziganismus in Abgrenzung zu anderen Ressentiments hinzuweisen, um sowohl der mehr als 500jährigen historischen Entwicklungsgeschichte als auch den spezifischen strukturellen Verwobenheiten mit den widersprüchlichen Grundformen der modernen Vergesellschaftung Rechnung zu tragen. Es war uns wichtig, den - auch in linken Debatten - fehlenden Begriff des Antiziganismus zu stärken. Die Bandbreite antiziganistischer Praxen reicht von offener Verfolgung inklusive tödlicher Gewalt bis hin zu einem sprachlich verfassten, bildlich verfestigten und strukturell verankerten Fortschreiben kulturell vermittelter stereotyper Denkmuster und Bilder. Diesen „Besonderheiten“ haben wir versucht Rechnung zu tragen, indem wir im Sammelband theoretische Deutungsansätze mit Einzelfallanalysen vereinen.

MALMOE: Ihr beschreibt, wie auch eine linke Kritik an Antiziganismus oft nicht über eine moralische Empörung hinausgeht und es nicht selten zu einem antiziganistischen Schreiben „über Roma“ kommt. Inwiefern setzt ihr diesen Zuständen des stellvertretenden Sprechens über Marginalisierte mit eurem Buch etwas entgegen?

In linken Diskursen findet sich häufig noch ein positiver Bezug auf vermeintlich „zigeunerische“ Eigenschaften, der an die so genannte „Zigeunerromantik“ des späten 19. Jhd. anknüpft und eine verkürzte Kritik der bürgerlichen Gesellschaft transportiert. Wir versuchen konsequent über die Mehrheitsgesellschaft statt über Roma zu schreiben. Damit tragen wir der Einsicht Rechnung, dass dort auch die Ursachen für Antiziganismus zu suchen sind. „Zigeuner“-Bilder sind Projektionen und dienen als Gegenbilder stets auch der Konstitution und Abgrenzung von Wir-Gruppen-Identitäten. Als solche tragen sie letztlich auch zur Konstruktion von Geschlechterverhältnissen sowie zur Standortbestimmung von kapitalistischer Lohnarbeit und Nationalstaatlichkeit bei.

Gleichzeitig versuchen wir als Nicht-Roma soweit es möglich und gewünscht ist, mit Roma-Organisationen zusammen zu arbeiten.

MALMOE: Wie beurteilt ihr die derzeitige Konjunktur rassistischer Gewalt gegen Roma und Sinti in Europa? Wie ist dieser Anstieg zu analysieren und zu verstehen?

Es scheint tatsächlich seit dem Ende der Sowjetunion mit dem Erstarken des Nationalismus und rechter Bewegungen eine neue Konjunktur antiziganistischer Gewalt zu geben. Der Beginn dieser Entwicklung ist allerdings eher in den 1990er Jahren (Rostock-Lichtenhagen und Oberwart können als die prägnantesten Beispiele gelten) als in den letzten Jahren zu suchen. Gleichzeitig muss darauf hingewiesen werden, dass ein Teil dieses Anstiegs auch dem überhaupt erst in den letzten 20 Jahren etablierten Augenmerk für Antiziganismus geschuldet sein kann. Ein weiterer Aspekt ist sicherlich, dass Roma seit jeher eine der Gruppen waren, die in Konflikt- und Krisenphasen als erste von Gewalt betroffen waren.

MALMOE: Wie und auf welchen Ebenen formiert sich Widerstand gegen die verstärkt stattfindenden Übergriffe?

Der Widerstand wird zuallererst von den Betroffenen selbst formuliert und getragen. Seit den späten 1970er Jahren gibt es Roma-, Sinti- oder Jenischen-Organisationen, die auf antiziganistische Diskriminierung aufmerksam machen und – speziell in Deutschland – Aufklärung über den NS-Völkermord leisten. Europäische Roma-Netzwerke kämpfen gegen Armut und soziale Ausgrenzung und um Anerkennung als bedrohte Minderheit. Widerstand etabliert sich jedoch, wie etwa die Beiträge zu Italien oder zur deutschen Abschiebepolitik zeigen, nach wie vor zumeist als Reaktion auf realpolitische „sichtbare“ Antiziganismen. Häufig agiert auch ein solcher Widerstand unter Rückgriff auf stereotype Darstellungen. Versuche, den eingeschriebenen Denk- und Wahrnehmungsmustern entgegenzuwirken, stehen leider noch am Anfang.




Markus End, Kathrin Herold und Yvonne Robel „Antiziganistische Zustände. Zur Kritik eines allgegenwärtigen Ressentiments“, Unrast Verlag, Münster 2009


online seit 01.09.2009 16:05:44 (Printausgabe 46)
autorIn und feedback : Interview: Katharina Morawek




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