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Mao im Elchtest, Folge 6 Was blieb von den Sprüchen aus der "roten Bibel"? Heute: Gehirnwäsche „Die Ausrichtungsbewegung ist eine allgemeine marxistische Erziehungsbewegung.“ (Worte des Vorsitzenden Mao Tse-Tung, Peking 1967, S. 5) Die Karriere des Begriffs „Gehirnwäsche“ als zentrale Angstmetapher im Kalten Krieg begann im Korea Krieg. Die US-Behörden lancierten sie, um zu erklären, wieso eine erstaunliche Anzahl von US-Kriegsgefangenen mit antiamerikanischen Statements an die Öffentlichkeit ging, einige sogar aktiv zum kommunistischen Feind überliefen. Das mit Korea verbündete China hätte eine Methode entwickelt, um Leute zu ihren willenlosen Robotern zu machen, so die Erklärung. Obwohl die Befürchtungen nie belegt werden konnten, wurde „Gehirnwäsche“ zum Standard-Bestandteil von Bedrohungsszenarien in Kalter Kriegs-Rhetorik. Der Frank Sinatra Film „The Manchurian Candidate“ (deutsch: „Botschafter der Angst“) setzt die verbreitete Angst vor gehirngewaschenen SchläferInnen 1962 sehr gelungen in Szene. Bald startete der CIA selbst Versuche, Gehirnwäsche-Techniken zu entwickeln, um mit der vermeintlichen Überlegenheit der KommunistInnen („brainwashing gap“) gleichzuziehen (wobei als Nebeneffekt unter anderem LSD unter die Leute kam). Unlängst kam sogar ans Licht, dass in Guantanamo Verhörmethoden zum Einsatz kamen, die von den „Korea-Files“ der 50er Jahre inspiriert waren. Den realen Anknüpfungspunkt für die westlichen Ängste boten die Initiativen zur „Gedankenreform“ im Zuge der postrevolutionären „Ausrichtungsbewegung“ in China, mit Hilfe derer vorrevolutionäre feudale Denkweisen zurückgedrängt werden sollten. Laut Wikipedia gibt es tatsächlich den chinesischen Begriff „Gehirnwäsche“, der sich – offenbar ironisch - vom in Zeremonien religiöser Transformation gebräuchlichen Begriff „Herzwäsche“ ableitet. Er bezieht sich auf Druck- und Einschüchterungstechniken, die bereits in der Sowjetunion eingesetzt wurden, um Gefangene auf Schauprozesse vorzubereiten, mit dem Ziel, Geständnisse zu produzieren, das Bedürfnis nach Persönlichkeitsveränderung hervorzurufen und Schuldgefühle zu empfinden. In der überhöhten Macht und Bedeutung, die diesen Techniken, die als Mischung aus orientalischem Mystizismus und sowjetischer Rationalität interpretiert wurden, im Westen zugesprochen wurden, kommt freilich eine Exotisierung des Fernen Ostens und insbesondere des hermetischen China zum Ausdruck, in der Fu Manchu-Klischees ein Update erfahren. Die KulturforscherInnen Eva Horn und Timothy Melley sprechen dem Diskurs über Gehirnwäsche eine wichtige ideologische Funktion im Kalten Krieg zu: Er erlaubte es, soziale und ideologische Einflüsse auf den Menschen zu verstehen und zu erklären, ohne auf die verhassten soziologischen und marxistischen Ansätze zurückgreifen zu müssen, die die liberale Vorstellung vom autonomen Individuum angriffen. Der Individualismus wurde „gerettet“ durch die Vorstellung einer kontrollierenden Instanz, die andere der Gehirnwäsche unterwirft. „Gehirnwäsche“ wurde auch zum Vehikel, um das Wachstum einer Sphäre des Geheimen im Kalten Krieg zu erklären, die im Widerspruch zum Selbstverständnis der offenen Gesellschaft des Westens stand. Nicht zuletzt wurde der Begriff auch von kritischen Stimmen im Westen aufgegriffen, um den wachsenden Einfluss der Massenmedien und der Werbung zu erklären, die als Bedrohung individueller Autonomie diskutiert wurden. Mitte der 1970er geriet die Warnung vor Gehirnwäsche wieder in Gebrauch, um den Zulauf junger Menschen zu neuen religiösen Bewegungen zu erklären, die ihre Familien scheinbar plötzlich mit völlig neuen Ansichten und Verhaltensformen erschreckten. Entstehende Gegenbewegungen, die sich vor allem aus Eltern von AnhängerInnen dieser religiösen Bewegungen rekrutierten, setzten auf die Bezeichnung „Sekten“ und den Vorwurf der Gehirnwäsche. Mit dem Aufbau eines gesellschaftlichen Bedrohungsszenarios sollte legitimiert werden, Kinder gegen ihren Willen aus den Gemeinschaften zu lösen und zu „deprogrammieren“. Aufsehen erregende Fälle trieben die Gehirnwäsche-Hysterie in der zweiten Hälfte der 1970er auf einen neuen Höhepunkt: Patty Hearst, die vom Kidnapping-Opfer zum Bandenmitglied der Symbionese Liberation Army wurde, entschuldigte sich nach ihrer Verhaftung in einem spektakulären Prozess 1975 für ihre Teilnahme an Banküberfällen mit Gehirnwäsche, der sie von der Gruppe angeblich unterzogen wurde. Drei Jahre später schien das so genannte „Jonestown Massaker“, bei dem die Angehörigen des „People’s Temple“ des krypto-kommunistischen Predigers Jim Jones auf der Flucht vor wachsender Kritik in den USA im Dschungel von Guayana Massenselbstmord begingen, ebenfalls nur Gehirnwäsche als Erklärung zuzulassen. In den 1980er Jahren wurde eine intensive wissenschaftliche Debatte über das Gehirnwäsche-Theorem geführt, und angesichts wachsender Zweifel sank die gerichtliche Unterstützung für gewaltsame De-Programmierung von Sektenmitgliedern in den USA. In der Öffentlichkeit ist es jedoch nach wie vor verankert, und wird bei neuen „Sekten“-Vorfällen immer wieder ausgegraben. In letzter Zeit im Zuge der wiederaufgeflammten Debatte um Scientology, denen auch „Gehirnwäsche“ vorgeworfen wird. (Randbemerkung: Obwohl die in den 1970er Jahren aufgekommenen maoistischen K-Gruppen oft abwertend als Sekten bezeichnet werden, sind keine Gehirnwäsche-Vorwürfe bekannt…). Der Kontext ist jedoch ein anderer: Mächtige Instanzen, die an jemandes „Umerziehung“ interessiert sind, sind heute zumindest im Westen die Ausnahme geworden. „Jemand anderer zu werden“ wird den Subjekten heute im Allgemeinen nicht mehr verordnet, sondern muss vor dem Hintergrund wechselhafter gesellschaftlicher Persönlichkeitsnormbilder selbstständig in Angriff genommen werden. Ein boomender Markt voller Psychotherapie und Selbsterfahrungs- und Persönlichkeitsveränderungs-Versprechen bietet Hilfestellung für die Do-it-yourself-Gehirnwäsche. Mao Faktor: Ich kann mich an nichts erinnern… online seit 14.08.2008 12:01:49 (Printausgabe 42) autorIn und feedback : Red. Links zum Artikel:
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