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Prekär Bravour Arbeiten bei der Documenta Mit der Kampagne „Mir reicht’s… nicht!“ haben AktivistInnen des Euromayday Hamburg sich zum Ziel gesetzt, die Großaustellung documenta als Schauplatz für Auseinandersetzungen um prekäre Arbeits- und Lebensverhältnisse zu öffnen. In einer ersten Phase der Untersuchung dieser Verhältnisse wurden und werden Gespräche mit Beschäftigten und KünstlerInnen geführt. Im Mittelpunkt steht aber die Frage nach der Entdeckung von neuen Konfliktfeldern. MALMOE fragte nach politischen Einschätzungen und Strategien. Die Kampagne „Mir reicht's... nicht!“ von Euromayday Hamburg will auf der documenta in Kassel, auf dem Bundeskongress der Gewerkschaft ver.di und auf der Berlinale Station machen, um prekäre Arbeitsverhältnisse zu thematisieren. Wieso habt ihr die documenta ausgewählt? Die documenta ist ein Raum, in dem sich unterschiedliche Figuren prekärer Arbeit finden. Von der Putzfrau bis hin zur Praktikantin in der künstlerischen Leitung. Uns geht es darum, trotz aller Unterschiede und Hierarchisierungen das Gemeinsame der Prekären herauszuarbeiten. Wir wollen nicht die ohnehin bestehende Fragmentierung verdoppeln, sondern eine andere Perspektive entwickeln. Darüber hinaus wird in den Debatten um zukünftige Arbeitsverhältnisse vielfach die/der KünstlerIn als role model propagiert. Mit dem „Aufstieg der kreativen Klasse“ scheinen die Konflikte und Auseinandersetzungen der Industriegesellschaft der Vergangenheit anzugehören. Uns interessiert in diesem Kontext: Was macht das Bild der KünstlerIn so attraktiv? In welchem Verhältnis steht dieses Bild zu den alltäglichen Arbeitsverhältnissen von KulturproduzentInnen? In einem eurer Texte sprecht ihr davon, dass „die documenta ein diskursmächtiger Ort ist, an dem sich eine Vielzahl klassischer und zeitgenössischer prekärer Produktionsweisen und Arbeitsverhältnisse die Hand geben“. Wie kann dieser Ort gleichzeitig ein Ort sein, an dem Kritik an diesen Verhältnissen stattfindet? Wir interessieren uns nicht für Kritik an prekären Arbeitsverhältnissen, sondern für Konflikte innerhalb dieser Verhältnisse, die Ausgangspunkt für konkrete gesellschaftliche Veränderungen sein können. Die Erfahrungen aus dem gewerkschaftlichen organizing zeigen, dass vielfach unscheinbare Konflikte Ausgangspunkt für größere Auseinandersetzungen und Kämpfe sind. Auf der documenta könnte ein solcher Konflikt die Tatsache sein, dass die Aufsichten während ihrer Schichten kaum Pausen haben und aus Repräsentationsgründen nicht sitzen dürfen. Wir suchen deshalb nach Formen von Subjektivität, die solche Konflikte ermöglichen. Gleichzeitig geht es auch darum, die Formen ausfindig zu machen, die Konflikte blockieren und verzögern. So haben wir den Eindruck, dass gerade ein kritischer Anspruch dazu beiträgt, prekäre Arbeitsbedingungen durchzusetzen. Vielleicht lässt sich folgende Gleichung aufmachen: kritischer Anspruch = hohe Identifikation mit der eigenen Arbeit = Bereitschaft für wenig oder gar kein Geld zu arbeiten. Ist es wirklich ein Zufall, dass gerade bei der documenta X die KünstlerInnenhonorare abgeschafft wurden? Und weiter: Wo ist das Ausmaß unbezahlter Arbeit größer, bei der documenta oder bei MALMOE bzw. vergleichbaren Projekten? Was habt ihr über Arbeitsverhältnisse auf der documenta herausgefunden? Eines geht aus den bisherigen Gesprächen eindeutig hervor: die Produktivität der documenta beruht auf drei zentralen Mechanismen: 1. Unbezahlte Arbeit: Nicht nur bei den Magazinen, sondern auch in anderen Bereichen findet sich ein hohes Maß unbezahlter bzw. gering bezahlter Arbeit. So sind die Kunstvermittlerinnen bereits Mitte Mai angereist und haben sich bis zur Eröffnung der documenta auf die eigenen Führungen vorbereitet. Das heißt: Ein Monat Arbeit wurde nicht bezahlt. Zugleich gibt es in der Struktur der documenta ganze Abteilungen, die nur aus VolontärInnen und PraktikantInnen bestehen. Als VolontärInnen arbeiten Hochqualifizierte für 800,- Euro sieben Tage die Woche von früh morgens bis spät abends. Während das fordistische Normalarbeitsverhältnis auf dem Tausch soziale Absicherung gegen dequalifizierte Arbeit beruhte, hat sich dieser Tausch im Bereich der Kulturproduktion umgekehrt, hier gilt: Selbstverwirklichung in der Arbeit gegen Prekarität. 2. Auflösung der Grenze zwischen Arbeit und Leben: Die Arbeit verschluckt das Leben. Arbeitsbesprechungen gehen in Abendessen/ lockere Runden in der Kneipe über und umgekehrt („Ich war diese Woche schon bei fünf Abendessen...“). Bei PraktikantInnen gilt es als vorteilhaft, wenn sie von auswärts kommen und in Kassel keine FreundInnen und keine Beziehung haben usw. 3. Krasse Arbeitsteilung: Gerade der Kulturbereich beruht auf einem nicht zu unterschätzenden Anteil an dequalifizierten Tätigkeiten: Kartenabreißen, Putzen, Aufsicht usw. In diesem Bereich gibt es keinen Tausch mehr. Hier fallen stumpfsinnige Arbeitsinhalte und unsichere Arbeitsbedingungen zusammen. Zumeist liegt die Bezahlung sogar noch unter dem von den Gewerkschaften geforderten Mindestlohn von 7,50 Euro. Die Gründe hier zu arbeiten sind unterschiedlich. Viele als Aufsichten beschäftigten AbiturientInnen sehen den Job als Übergang zwischen Schule und Studium. Andere (Securitys, Putzfrauen usw.) sehen in ihrem Job die einzige Alternative zu Arbeitslosengeld II. Gab es kollektive Aktionen oder Streiks unter den Arbeitenden bei der documenta? Vor der Eröffnung der documenta haben die für den Aufbau zuständigen Beschäftigten die Arbeit verweigert, um Wochenend- und Nachtzuschläge zu bekommen. Statt mehr Geld gab es freies Catering. Hier zeigt sich, dass zumindest kleine Verbesserungen der Arbeitsbedingungen durchaus möglich sind. Ansonsten ist unser Eindruck, dass sich häufig ein Bewusstsein der eigenen Prekärität mit einer weitgehenden Ratlosigkeit verbindet. Dies gilt sowohl für die Securitys als auch für die KulturproduzentInnen. Trotz aller kritischen Auseinandersetzung gibt es auch hier keine Vorstellung darüber, wie die eigene Situation verändert werden könnte. Die meisten nehmen sich nicht die Zeit, konkrete Schritte in diese Richtung zu gehen. Ihr habt in Kassel ein temporäres soziales Zentrum geplant, das zugleich Büro, Versammlungsort und Veranstaltungsraum sein soll. Hat das geklappt und was ist dort bisher passiert? Wir haben unser Projekt auf der documenta in zwei Phasen unterteilt: 1. Recherche, 2. Präsentation der Ergebnisse und gemeinsame Diskussion. Wir befinden uns im Augenblick mitten in der ersten Phase, das heißt wir sind noch nicht mit Veranstaltungen usw. an die Öffentlichkeit getreten. Außerdem haben wir unsere Planungen etwas verändert. Das öffentliche Redigieren des Textes, den wir ausgehend von den Befragungen schreiben werden, findet nicht an einem, sondern an verschiedenen bereits existierenden Räumen innerhalb und außerhalb der documenta statt. Wie schätzt ihr die Erfahrungen des documenta Magazinprojektes ein, wie wir sie in unserem Text beschreiben? Der Text verdient an sich eine längere Erwiderung als unsere paar Anmerkungen, weil er so kennzeichnend ist für die Misere von Bewegungen in der Prekarität. Denn hier begegnet uns das Elend der Diskurstheorie. Selbst in eurer Position als AkteurInnen taucht nicht mal mehr ein Funken Widerständigkeit oder Protest auf, außer aus der kritischen Distanz dabei zu sein. Eine Distanz, die sich erschöpft in einer quasi etatistischen Anrufung an die Ansprüche der AusstellungsmacherInnen und das Versprechen der documenta mit einer unbestimmten Forderung nach Lohn für eine Arbeit, die ihr in euren Projekten sonst ebenso umsonst oder unverhältnismäßig bezahlt verrichtet. Die Kritik bleibt auf den überholten Pop- und Punkdiskursen von Indie vs. Major- Label hängen. In der Behauptung einer subkulturellen Position verschenkt ihr die Erfahrung einer gesellschaftlichen Intervention oder Bewegung mit euch als Subjekt bzw. weist diese zurück. An vielen Punkten stimmen eure Erfahrungen mit unseren Interviewergebnissen überein. Die Frage ist nur, ob eure Geste der Verweigerung nicht die Illusion hervorbringt, außerhalb der kritisierten Verhältnisse zu stehen. Das Problem ist nicht die documenta. Das Problem ist, dass die documenta (und natürlich auch andere Unternehmen) wesentliche Mechanismen von selbstorganisierten Projekten aufgreift. Oder anders formuliert: Gerade das Problem von unbezahlter Arbeit zeigt sich in unseren Projekten in besonders zugespitzter Form. Unsere Frage: Wie wollt ihr konkret eure Arbeitsbedingungen verbessern? Über diese Frage würden wir gerne mit Euch und anderen sprechen. Wir wollen darüber diskutieren wie wir das Versprechen der Prekarität, von selbstbestimmter Arbeit leben zu können, endlich einlösen können. Zum Titel: Im Rahmen der Kampagne „Mir reicht‘s… nicht!“ entstand eine „Precarity Revue“ mit dem Namen „Parkour Prekär“. online seit 13.07.2007 13:02:25 (Printausgabe 38) autorIn und feedback : AutorInnen des Euromayday Hamburg Links zum Artikel:
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Was wurde eigentlich aus...? Ein Update zu MALMOE-Themen in früheren Ausgaben. Folge 18: A Letter to the Stars [29.07.2010] Wahlkampf mit Kultur ...leider ohne MigrantInnen [28.06.2010] Wahlkampf mit dem Gummiknüppel Demonstrieren ist in Wien derzeit gefährlich [23.06.2010] die nächsten 3 Einträge ... |
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